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Arthur Schopenhauer : Mitleid - Mitleidsethik

Grenzenloses Mitleid mit allen lebenden Wesen ist der festeste und sicherste Bürge für sittliches Wohlverhalten ...
Mitleid selbst aber ist eine unleugbare Tatsache des menschlichen Bewusstseins, ist diesem wesentlich eigen, beruht nicht auf ... Begriffen, Religionen, Dogmen, Mythen, Erziehung und Bildung; sondern ist ursprünglich und unmittelbar, liegt in der menschlichen Natur selbst.
                                                                         Arthur Schopenhauer E 236, 213

Mit Ausnahme des > Buddhismus hat in kaum einer anderen Philosophie das Mitleid eine derart zentrale Bedeutung wie in der von Arthur Schopenhauer. Hierbei bezieht Schopenhauer im Gegen-  satz zu fast allen anderen bedeutenden westlichen Philosophen, jedoch übereinstimmend mit dem Buddhismus, in seine Mitleidsethik ausdrücklich auch die > Tiere mit ein. * Schon deshalb dürfte Schopenhauers allumfassende und zutiefst metaphysisch begründete Mitleidsethik wohl einzigartig in der westlichen Philosophie sein.

Zitatquellen nach Auszügen aus Wagners Schopenhauer - Register

  • Mitleid ist die ganz unmittelbare Teilnahme am Leiden eines Anderen:
    Wir leiden mit ihm, also in  ihm.
    E 208, 211 f.; W I 444.
    Nur das Leiden des Anderen erweckt unsere Teilnahme. Keiner wird von Anderen Beweise echter Menschenliebe erhalten, solange es ihm wohl geht. Unglück ist die Bedingung des Mitleids. **
    > E 210 f., 237 f.
     
  • Das Mitleid ruft, je nach Anlass, diesem Schone! jenem Hilf! stark und vernehmlich zu.
    > E 245.
     
  • Das Mitleid bezieht sich auf alles, was Leben hat, und nimmt deshalb auch die Tiere in seinen Schutz.
    > E 238 f
    Das Mitleid kann bis zum Edelmut und Großmut gehen.
    > E 203, 210, 253; W I 443.
     
  • Empirisch betrachtet stellt sich das Mitleid dar als das wirksamste Mittel zur Linderung der menschlichen Leiden und zugleich als das Gegengewicht des Egoismus.
    > E 245.
    Um keinen Hass und keine Verachtung gegen einen Menschen aufkommen zu lassen, ist der Standpunkt des Mitleids der allein geeignete. Das Mitleid ist das rechte Gegengift des Zorns.
    > P II 216 f.; E 238.
     
  • Mitleid und Neid ( Schadenfreude ) sind zwei einander entgegengesetzte Eigenschaften. Jeder Mensch trägt beide in sich, und jede wird gelegentlich zur Erscheinung kommen.
    > P II 218 f., 230 f.

    Der größte Mangel an Mitleid drückt einer Tat den Stempel der tiefsten moralischen Verworfenheit auf.
    > E 233.

    Das Mitleid ist ein Phänomen der Sympathie.
    > E 213.
     
  • Jeder Appell an Milde, Menschenliebe, Gnade richtet sich an das Mitleid.
    > E 271.
    Die Weiber sind empfänglicher für das Mitleid als die Männer.
    > E 215.
     
  • Das Mitleid ist die alleinige echte moralische Triebfeder.
    > E 210, 227, 231 ff., 236, 238, 249; P II 377.
    Die Erregung des Mitleids ist von keiner Anstrengung des Intellekts begleitet; es bedarf dazu keiner abstrakten, sondern nur der anschauenden Erkenntnis.
    > W II 690; E 246, 215.
     
  • Keine Teilnahme am Anderen,  kein Mitleid mit ihm kann mich auffordern, mich von ihm verletzen zu lassen.
    > E 217.
     
  • Das Mitleid beruht auf der Durchschauung des > principii individuationis , auf unserer Identifikation mit Anderen.
    > W I 447; W II 690, 695; E 208, 211, 229, 265 f., 270 f.; P II 337.
    Das Mitleid hebt die Mauer zwischen Du und Ich auf.
    > P II 219; E 209, 229, 272.
     
  • Warum bewegt das Mitleid den Einen, den Andern aber nicht?
    > E 249.
    Die Erklärung für das Phänomen des Mitleids ist auf psychologischem Wege nicht zu erreichen, sondern kann nur metaphysisch ausfallen.
    > E 212, 260 f., 264 ff., 270 (109).
    Das Mitleid ist das große Mysterium der Ethik. (> Moral - Ethik )
    > E 209, 229 f., 273; P II 234, 245.
    Das Mitleid ist das ethische Urphänomen.
    > E 209, 212, 260 f., 274 (109).
     
  • Die Stoiker und Spinoza verwerfen das Mitleid. Ebenso Kant. Dagegen hat Schopenhauer die Autorität des größten Moralisten, Rousseau, für sich. Auch Lessing hält den mitleidigsten Menschen für den besten.
    > E 246, 249.

Anmerkungen

 *       Mitleid ( Karuna) und Mitfreude ( Mudita ) mit allen Wesen gehören im alten Buddhismus ( > Theravada ) zu den vier
           Göttlichen Verweilungszuständen ( Brahmavihara ). Im späteren Buddhismus (> Mahayana ) ist dieses grenzenlose,
           allumfassende Mitleid die wichtigste Tugend eines künftigen Buddhas ( Bodhisattva ).

 * *   Hieraus wird deutlich, dass der Begriff Mitleid  im Sinne der > Ethik von Arthur Schopenhauer nicht, wie es heute weit-
           hin üblich ist, durch das Wort Mitgefühl ersetzt werden darf, denn Mitgefühl kann sich nicht nur als Mitleid, sondern z. B.
           auch als Mitfreude äußern. So spricht man im Zusammenhang mit Schopenhauers Ethik von Mitleidsethik und nicht von
           Mitgefühlsethik..

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