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Arthur Schopenhauer : Moral - Ethik

Moral , durch Religion oder Philosophie beigebracht,
kann uns nicht besser machen : das ist gewiß.
                                  Arthur Schopenhauer , Manuskripte 1814

Teil 3  (von Schopenhauer : Ethik und Moral )

Zitatquellen nach Auszügen aus Wagners Schopenhauer - Register

Studienkreis

  • Gibt es überhaupt Handlungen von echt moralischem Wert?
    Gibt es eine natürliche, von allen menschlichen und göttlichen Bestimmungen unabhängige Moral ?
    Diese Fragen lassen sich zwar nur aus der Erfahrung, aber doch nicht nur ganz empirisch entscheiden, weil in der Erfahrung nur die Tat gegeben ist, doch die Antriebe zur Tat nicht offenliegen.
    > E 186, 195, 203.
     
  • Handlungen sind von moralischem Wert, wenn sie ohne egoistische Motive sind.
    > E 204, 206 f., 227; W I 434.
    ( Daher hat jede Handlung, die aus Rücksicht auf Lohn oder Strafe, im Diesseits oder Jenseits, geschieht, keinen rein moralischen Wert.)
     
  • In der Ethik kommt es nur auf das an, was gewollt wird, nicht auf das, was geschieht.* Allein die  Absicht entscheidet über den moralischen Wert oder Unwert einer Tat. Nicht eine Maxime, ein Dogma oder Werk, sondern die Gesinnung  macht das Verdienstliche aus.
    > W I 404, 406, 435 ff., 622, 624; W II 83, 235, 678; E 99 f., 134 f., 203, 255; P II 386 Anm.
    Das Handeln des Menschen geschieht, was seinen ethischen Gehalt betrifft, nach Gefühlen, nicht nach Begriffen; es geht vom Charakter, nicht von der Vernunft aus.
    > W I 69, 347 f., 356 f.; P I 220, 485; P II 247.
    Allein die Gesinnung, welche zu den Taten leitet, gibt diesen Taten ihre moralische
    Bedeutsamkeit.**
    > W I 436.
    Die Handlungen des Menschen sind der wichtigste und ernsteste Gegenstand der Philosophie, weil in ihnen der Charakter, der Wille des Menschen zur Erscheinung kommt. Die ethische Bedeutsam- keit einer Handlung liegt nicht in ihren Folgen, welche der > Satz vom Grunde nach sich zieht, nicht in ihrer Bedeutung für das Leben und die Welt , sondern darin, dass in derselben der Charakter des Menschen sich offenbart.
    > W I 164 f., 189, 215, 272, 291 f., 319 f., 336 f., 356, 424 f., 427 Anm., 447, 456; W II 506;
        P II 215
     
  • Der Charakter des Menschen ist angeboren und unveränderlich. Auf dieser Unveränderlichkeit beruht es, dass wir den moralischen Wert einer Handlung beurteilen wollen, wir vor allem über ihr Motiv Gewissheit zu erlangen suchen, dann aber unser Lob oder Tadel nicht das Motiv trifft, sondern den Charakter, der sich dadurch bestimmen ließ.
    > E 50 f., 252, 257; P I 417.
     
  • Will man Menschen, wie sie meistens sind, zu moralischen Handlungen bringen, so kann es nur ge- schehen durch die Vorspiegelung, dass die selben mittelbar zu ihrem eigenen Vorteil gereichen.***
    > E 296 f., 253 ff.; W I 434; W II 616 f.
    Der Mensch sucht sein Handeln stets durch bestimmte Motive sich klar zu machen, wobei er aber über das wahre Motiv häufig im Unklaren bleibt. Er glaubt, oft aus rein moralischen Gründen etwas zu tun oder zu unterlassen, während bloß die Furcht oder der Glaube an bestimmte Dogmen ihn dazu veranlasst. Andererseits kann mancher von seinen edelsten Handlungen, die er aus reiner Herzensgüte tut, sich nur durch religiöse Motive Rechenschaft geben.
    > W I 69, 283, 350, 435 f., 439; W II 235; N 78; E 40 f., 202 f., 233; P II 377.
    Weil wir nicht wissen, aus welchen wahren Motiven eine Handlung erfolgt, können wir fast nie das Tun anderer Menschen und selten unser eigenes moralisch richtig beurteilen.
    > W I 436; W II 604 f.; E 202.
    Kein Mensch ist befugt, sich zum rein moralischen Richter und Vergelter des anderen Menschen  aufzuwerfen.
    > W I 411, 423; E 101.
     
  • Die antimoralischen Triebfedern menschlichen Handelns entspringen alle aus dem Egoismus.
    > E 196 ff.
     
  • Die moralische Verderbtheit der Welt beweist genug, dass die Triebfeder zum Guten keine sehr mächtige sein kann. Die Erkenntnis jener wird aber dadurch erschwert, dass die Äußerungen der- selben gehemmt und verdeckt werden durch die gesetzliche Ordnung, die bürgerliche Ehre und die Höflichkeit.
    > E 193 f., 216; P II 225 f.; W II 735.
     
  • Jede Handlung bezieht sich auf ein für Wohl und Wehe empfängliches Wesen; ist dieses der Handelnde selbst, so ist die Handlung eine egoistische, mithin ohne moralischen Wert. Moralisch ist sie nur, wenn sie einzig und allein das Wohl und Wehe eines anderen im Auge hat und nichts bezweckt als dass diesem geholfen werde.
    > E 205 ff., 204, 227.
    Demgemäß gibt es drei Grundtriebfedern des menschlichen Handelns, nämlich
    1. Eigenes Wohl ( Egoismus ),
    2. Fremdes Wehe ( Bosheit, Grausamkeit ),  
    3. Fremdes Wohl ( Gerechtigkeit, Mitleid, Edelmut ), denen noch hinzugefügt werden kann
    4. Eigenes Wehe ( Askese ).
    > E 209 f., 227 f., XVI f.; W II 697 Anm.
    Diese Grundtriebfedern sind in jedem Menschen in einem anderen und unglaublich verschiedenen Verhältnisse vorhanden. Ganz ohne etwas von allen dreien ist kein Mensch. Auf der höchst ver- schiedenen Empfänglichkeit für die Motive derselben beruhen zuletzt die Grade der Moralität und Immoralität.
    > E 201, 233 f., 252 ff., 257 f.
     
  • Der einfachste und reinste Ausdruck des Prinzips der Ethik ist:
    Neminem laede; imo omnes, quantum potes, juva.
    ( Verletze niemanden; vielmehr hilf allen, soweit du kannst. )
    E 137, 158, 162, 212 ff., 217, 227, 230, 255.
     
  • Moralische Handlungen sind nur solche, welche aus dem Mitleid herrühren, daher das Mitleid die Basis der Moralität ist. Aus ihr kommen die zwei Kardinaltugenden Gerechtigkeit und Menschenliebe, welche wieder die Quelle sämtlicher anderer Tugend sind. (> Mitleidsethik )
    > W I 443, 447; W II 691, 695 f., 735; E 195, 203, 206, 208 ff., 210, 212 f., 216, 226 f., 230 ff.,
        233, 235 f., 245 f., 249, 257, 260, 265; P II 219 f., 377.


Anmerkungen:

*    Arthur Schopenhauer stimmt hier mit einer höher entwickelten Auffassung von Ethik bzw. Moral überein, wie sie sich z. B. in den von Schopenhauer hoch geschätzten >  indischen Religionen und deren Philosophie herausgebildet hatte. Dazu stellt der Indologe Helmuth von Glasenapp ( in: Die Philosophie der Inder. 3. Auflage, Stuttgart 1974, S. 402 f.)  fest:
“ In der älteren Zeit wird (dort) der Erfolg einer Handlung als maßgebend für ihren ethischen Wert und für ihre karmische Vergeltung angesehen. Wer versehentlich ein Lebewesen tötet oder im Traum sündigt, hat dafür zu büßen, wer ohne es beabsichtigt zu haben, etwas Gutes tut, empfängt dafür seinen Lohn. Später tritt an die Stelle dieser äußerlichen Betrachtungsweise  eine tiefere und mehr philosophische: die Gesinnung, aus der heraus ein Akt gewollt und vollbracht wird, ist das allein Ausschlaggebende. Diese Auffassung bricht sich in den > Upanishaden Bahn und findet ihren bedeutendsten älteren Vertreter in > Buddha , der geradezu verkündete, dass nur das vorbedachte Wollen (cetana) den ethischen Wert und die karmische Vergeltung einer Tat bestimme. Dieser Standpunkt ist mit einer tiefer gefassten Karma-Metaphysik einzig vereinbar, da ja der Erfolg einer Handlung immer eine verschiedene moralische Bewertung finden wird, zudem auch das, was als gut oder schlecht angesehen wurde, im Laufe der Zeit oder im Hinblick auf die entfernteren von ihm gezeitigten Folgen sich als das gerade Gegenteil herausstellen kann. In der Praxis haben aber Erfolgs- und Gesinnungsethik bis heute unter den indischen Moralisten ihre Exponenten.” 

**   So kommt es in der Moral allein auf die Gesinnung an, denn, so der von Arthur Schopenhauer hoch geschätzte Kant:
Alles Gute, das nicht auf moralisch gute Gesinnung gepfropft  ist, ist nichts als Schein und schimmerndes Elend.
( Immanuel Kant , Kritik der Urteilskraft 2, 31)

***  Ein Beispiel hierfür sind die Bemühungen, die vegetarische Lebensweise zu fördern, indem die gesundheit-
lichen Vorteile dieser Ernährungsform betont werden. Ein solcher gesundheitlich motivierter Vegetarismus würde
auf Egoismus beruhen und wäre demnach laut Schopenhauer kaum von ethischem Wert. Anders hingegen der
> Veganismus , bei welchem fast immer der Tierschutz das entscheidende Motiv ist und der somit, von Ausnahmen
abgesehen, auch im Sinne Arthur Schopenhauers ethisch begründet ist. 
hb
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