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 Redaktion “Schopenhauer und Buddhismus”

Max Horkheimer - ein Philosoph zwischen Karl Marx und Arthur Schopenhauer

Das Denken Schopenhauers ist unendlich aktuell.
                      Max Horkheimer über Arthur Schopenhauer (1)

“ Max Horkheimer ist eine der außergewöhnlichen  Persönlichkeiten der deutschen Philosophiegeschichte.”  Mit dieser Feststellung wurde eine Radiosendung aus Anlass des Todestages des Sozialphilosophen Max Horkheimer (1895-1973) angekündigt.(2) Zu Recht, denn auch durch sein besonders tiefes Verständnis für Arthur Schopenhauer und dessen Philosophie war Max Horkheimer im Kreise der deutschen Philosophen, vor allem was die Sozialphilosophie angeht, eine herausragende Persönlichkeit. Dabei ging sein Wirken weit über die engen Grenzen des akademischen Lebens hinaus. Die erwähnte Anzeige gibt hierzu einen kurzen Überblick:

“ Horkheimer wurde 1895 als Sohn eines Fabrikanten in Stuttgart geboren. Nach dem 1. Weltkrieg holte er das Abitur nach, studierte Psychologie und Philosophie und wurde in Frankfurt zum Ordinarius für Sozialphilosophie ernannt. Dort war er Mitbegründer des legendären Instituts für Sozialforschung, das 1933 seine Arbeit einstellte, da er als Jude Deutschland verlassen musste. Nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil gründete er mit Theodor Adorno das Institut für Sozialforschung erneut. Horkheimers kapitalismus- kritische Haltung fand bei den Studentenprotesten Ende der 60er Jahre starken Anklang. Mit seinem Namen verbinden sich Begriffe wie ´ kritische Theorie ` und  ` Frankfurter Schule `.”

Obige Darstellung enthält wichtige Hinweise zu Leben und  Bedeutung von Max Horkheimer . Aus ihr geht aber nicht hervor, was ebenfalls das Besondere von Horkheimer ausmacht, nämlich seinen höchst bemerkenswerten Weg  vom Marxismus zur Philosophie  von Arthur Schopenhauer. In dieser Hinsicht ist eine in mehreren Auflagen erschienene Biografie zu Max Horkheimer sehr aufschlussreich.(3) In ihr wird oft auf Arthur Schopenhauer hingewiesen, wobei erkennbar wird, wie und warum Horkheimer sich Schopenhauer zuwandte, und zwar am Ende so weitgehend, dass man ihn schon fast als  “Schopenhauerianer” bezeichnen könnte. 

Die künftige Hinwendung Horkheimers zu Schopenhauer deutete sich schon  in seiner Jugend an.  So schrieb er als 21-jähriger Fabrikantensohn und Juniorchef in Vaters Firma über das Leid dieser Welt:

Wer klagt über Leiden? - Du und ich? - Wir sind Menschenfresser, die sich darüber beklagen, daß das Fleisch der Geschlachteten Bauchweh macht. Nein - nein - noch viel schlimmer:  Du genießest die Ruhe und den Besitz, für den die draußen ersticken, verbluten, sich in Krämpfen winden und drinnen schlechte Schicksale erdulden ... Wir sind Ungeheuer, doch wir sind zu wenig gequält. Es ist geradezu komisch, wie wenn ein Metzger im Schlachthaus sich darüber grämt, daß seine weiße Schürze blutig wird. (4)

 Das ungeheure Leid in diesem Schlachthaus, welches ja diese Welt ist, war auch für den jungen Arthur Schopenhauer der Ausgangspunkt seiner Philosophie. Beide, Horkheimer und Schopenhauer, waren Söhne reicher Kaufleute, und dementsprechend in ihrer Jugend ohne materielle Sorgen.  Dennoch wurden beide - wie vor fast 2500 Jahren der aus einem Fürstenhaus stammende Buddha - vom Leid  derart angerührt, dass sie den Weg verließen, der ihnen von ihren Vätern vorgezeichnet wurde. Ihr Weg führte in die Philosophie, der bei Max Horkheimer mit der Lektüre von Schopenhauers > Aphorismen zur Lebensweisheit begann.

Das Motiv, diesen Weg zu gehen, hatte Horkheimer bereits in seiner frühen Jugend. So notierte er als 20-Jähriger in seinem Tagebuch: Nach meinem Wahrheitsdrang will ich leben und erforschen, was ich wissen möchte, dem Gequälten helfen, meinen Haß des Unrechts befriedigen ... (5 ) Auf einer anderer Seite seines  Tagebuches steht dann die recht aufschlussreiche Aussage: Den Anspruch an persönliches Glück muß ich aufgeben (6) -  ein Satz, der ganz im Sinne Arthur Schopenhauers ist.(7) Als Horkheimer das schrieb, tobte der 1. Weltkrieg. Auch unter dem Eindruck dieses Krieges und seinen Folgen, zu denen das Massenelend gehörte, kam Horkheimer, wie viele andere seiner Zeitgenossen, mehr und mehr zum Marxismus. Jedoch trotz der Lehre von Karl Marx, die eine Lösung der sozialen Probleme versprach, blieb Schopenhauer für Horkheimer stets präsent. Dazu erklärt die erwähnte Biografie:

“ Schopenhauers Ethik des Mitleidens mit den Unterdrückten und Geschlagenen, die von ihrem Willen zum Leben nicht nur wie jeder andere genarrt, sondern um dessen vergängliche Früchte betrogen sind, wird zu einem entscheidenden Regulativ der Kritischen Theorie (Horkheimers Sozialphilosophie)- verstärkt noch zur verzweifelten Solidarität mit aller geschundenen Kreatur : Die Solidarität der Menschen ist jedoch ein Teil der Solidarität des Lebens überhaupt  ... Die Tiere bedürfen des Menschen. Es ist die Ehre der Schopenhauerschen Philosophie, daß sie die Einheit von uns und ihnen ganz ins Licht gerückt hat ... Die Züge des Menschen haben zwar eine besondere Prägung, aber die Verwandtschaft seines Glücks und Elend mit dem Leben der Tiere ist offenbar.(8) 

Als aufmerksamer Beobachter und Deuter seiner Zeit wurde Max Horkheimer tief von der Praxis des Marxismus bzw. dessen, was als vermeintliche Lehre von Marx ausgegeben wurde, berührt. Die erwähnte Horkheimer - Biografie bemerkt hierzu, dass der Stalinismus und die chinesische Revolution Horkheimer davon überzeugt hätten, dass “auch im Marxismus ein imperialistischer Großmacht-Chauvinismus” sei, der neue Herrschaftsstrukturen statt der erhofften Abschaffung des Staates mit sich gebracht habe.(9) In diesem Zusammenhang sprach Horkheimer von einer “Regierung der Geheimpolizei”, von der “Herrschaft der gerissensten Parteitaktiker”.(10) Solche Enttäuschungen trugen erheblich dazu bei, dass Horkheimer sich mehr und mehr vom Marxismus ab- und Schopenhauer zuwandte, so dass die Biografie dazu feststellt:     “Je weiter sich der alte Horkheimer wieder Schopenhauer ... nähert, desto weiter entfernt er sich von den Klassikern des historischen Materialismus.” (11)

Das furchtbare Geschehen im 20. Jahrhundert und die Entwicklung der technisierten Massengesellschaft verstärkten in  Horkheimer die Überzeugung,: Nicht Marx, sondern Schopenhauer ist aktuell. (12) Jedoch ist Schopenhauer , wie der Philosoph Ludwig Marcuse meinte, “ als politischer Ideologe beim besten Willen nicht sehr brauchbar”.(13) Das gilt nicht nur für linke, sondern auch für konservative Ideologien, denn, wie Horkheimer dazu erklärte: “Wenn schon nicht die Verkünder säkularer Heilsgeschichte auf ihn (Schopenhauer) sich berufen können, so erst recht nicht die Verteidiger dessen, was ist. Schopenhauer hat die Solidarität mit dem Leid, die Gemeinschaft der im Universum verlassenen Menschen, entgegen der Theologie, der Metaphysik sowie der positiven Geschichtsphilosophie jeder Art der philosophischen Sanktionierung beraubt, aber darum keineswegs der Härte das Wort geredet. Solange es auf der Erde Hunger und Elend gibt, hat der, der sehen kann, keine Ruhe  ... Das heroische, schließlich das heilige Leben, ohne Ideologie, ist die Konsequenz des Mitleids, der Mitfreude.”(14)

Es ist der “heroische Lebenslauf”, wie es Schopenhauer nannte, auf den sich hier Horkheimer bezieht.  Ja, mehr noch, es ist, so Horkheimer, “der berühmte Gedanke, nach welchem die Selbstpreisgabe zur Aufgabe des egoistischen Willens in den moralisch großen Individuen zum Heraustreten aus dem Kreis der Wiedergeburten führt”.(15)  Wie der Buddhismus vertritt der “Buddhaist” Arthur Schopenhauer diesen Gedanken. Er ist so radikal , dass er von dem, der sich mit Schopenhauers Philosophie nur oberflächlich befasst hat, in seiner ganzen Radikalität kaum zu  ermessen ist. Durchaus zutreffend stellte dazu der bereits erwähnte Ludwig Marcuse fest: “Der geheime Radikalismus Schopenhauers ist viel  umstürz-    lerischer als der offene, der nur die Diktatur eines anderen Verteilungssystems will.”(16) Marcuse kam dabei zu dem erstaunlichen Schluss, dass Schopenhauer “der radikalste aller Unruhestifter gewesen ist. Er war ein Aufsässiger - im Vergleich zu ihm war Marx nur auf kleine Reformen aus.”(17)

“Radikal” - dieses Wort bedeutet laut DUDEN auch  “von Grund auf”. Schopenhauer ging in seiner Philosophie bis auf den Grund. Auf diesem beruhen, so erkannte er,  alle Erscheinungen dieser Welt. Schopenhauer gab ihm den Namen > Wille . Es ist ein metaphysischer Wille , der sich in allen Erscheinungsformen der Welt manifestiert und der  letztlich Ursache aller Übel ist.  Erlösung tritt nach Schopenhauer erst dann ein, wenn dieser Wille sich selbst in seinen Erscheinungsformen aufhebt. Damit besteht ein fundamentaler Unterschied zwischen Schopenhauers Philosophie, die in ihrem Kern > Erlösungsmystik ist, und der optimistischen Geschichtsphilosophie von Hegel und seines wohl bedeutendsten Schülers, Karl Marx.

Die jüngere Geschichte bestätigt  in überaus erschreckender Weise nicht Hegel und Marx, sondern den angeblichen “Pessimisten” Arthur Schopenhauer. So schrieb Max Horkheimer in seinem   Essay “ Die Aktualität Schopenhauers”: “Beim Durchdenken der Lehre Hegels wird offenbar, daß die Positivität, die ihn von Schopenhauer unterscheidet, letztlich nicht bestehen kann. Das Scheitern des logisch bündigen Systems in seiner höchsten Form bei Hegel bedeutet das logische Ende der Versuche einer philosophischen Recht- fertigung der Welt.”(18) So kam mit Blick auf die Schrecknisse der Vergangenheit Horkheimer zu dem Urteil:  In den hundert Jahren seit Schopenhauers Tod hat die Geschichte eingestanden, daß er ( Schopenhauer ) in ihr Herz geschaut hat.(19)

Obwohl Schopenhauer keine optimistische Geschichtslehre - wie etwa Marx - vertrat, war er nicht der Pessimist, wie er oft dargestellt wird. Schopenhauer sah die Welt “nüchtern, ohne  philosophisch resigniert zu sein”(20). Daher schloss Horkheimer seine Betrachtung zur Aktualität Schopenhauers nicht mit Resignation, sondern mit Worten, in denen sogar Optimismus leise anklingt: Es gibt wenige Gedanken, deren die Zeit mehr bedürfe und die, bei aller Hoffnungslosigkeit, weil er ( Schopenhauer ) sie ausspricht, mehr von Hoffnung wissen als die seinen.(21)
                                                                                                                                        HB
> Arthur Schopenhauer - ein “Rektionär”?

Anmerkungen
(1)    Max Horkheimer, Die Aktualität Schopenhauers,  Vortrag, gehalten zum 100. Todestag
         Schopenhauers am 21. September 1960 in der Paulskirche zu Frankfurt a. M., abgedruckt  in:
         Über Arthur Schopenhauer,  hrsg. v. Gerd Haffmans, 3. Auflage, Diogenes Taschenbuch,
         Zürich 1981, S. 159.
(2)    Programmvorschau zur Sendung “ZeitZeichen” im WDR 5 am 7. Juli 2008 von Günther B. Ginzel.

(3)   Helmut Gumnior und Rudolf Ringguth, Max Horkheimer mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten
        dargestellt, rowohlts monographien 50208, 6. Auflage, Reinbek bei Hamburg 1997.

(4)   Ebd., S. 7 ff.
(5)    Ebd., S. 17 f.
(6)    Ebd., S. 18 f.
(7)    S. dazu > Arthur Schopenhauer über das Glück .

(8)    Gumnior / Ringguth, a.a.O., S. 44.
         Obiges Zitat zeigt Übereinstimmung mit Schopenhauer, denn für Schopenhauer war Solidarität im
         Verhältnis von Mensch und Tier und damit als Konsequenz der Tierschutz ein sehr wichtiges
          Anliegen ( > Tiere ).
(9)     Ebd., S 99 f.
(10)   Ebd., S. 71.
(11)   Ebd.,  S.99.
(12)   Ebd., S. 112.
(13)   Ludwig Marcuse , Das Gespräch ohne Schopenhauer, in: Über Arthur Schopenhauer, a.a.O., S.136.
(14)   Max Horkheimer, Die Aktualität Schopenhauers, a.a.O., S. 155.
(15)   Ebd.
(16)   Ludwig Marcuse, a.a.O., S. 137.
(17)   Ebd., S.136.
(18)   Max Horkheimer, a.a.O., S. 157.
(19)   Max Horkheimer, a.a.ao:, S. 147.
(20)   Ebd., S. 161.
(21)   Ebd., S. 164.

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