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 Redaktion “Schopenhauer und Buddhismus”

Arthur Schopenhauer : Erlösung

Zur Erlösungslehre in Schopenhauers Philosophie

- Gnade oder Notwendigkeit ?  

Arthur Schopenhauer gilt weithin als Philosoph des Pessimismus. Wer sich jedoch intensiver mit seiner Philosophie auseinandersetzt, wird feststellen, dass sie in ihrem Kern eine metaphysische Erlösungslehre enthält, deren Aussagen durchaus mit denen der abend- ländischen > Mystik, aber auch und vor allem mit denen der  > “indischen” Religionen, vergleichbar sind. Das trifft besonders für den > Buddhismus und für einen Teil der altindischen > Upanishaden zu. 

 Jede Erlösungslehre setzt die Erkenntnis voraus, dass Leben leidvoll ist. Hierzu sind entsprechende Lebenserfahrungen notwendig, denn nur aus der Erfahrung des Leides ent- steht das Bedürfnis nach Erlösung aus diesem Leid. Daher ist die erste der > Vier Edlen Wahrheiten des Buddhismus die Wahrheit vom Leid. Arthur Schopenhauer, der wie kaum ein anderer Philosoph so anschaulich das Leid dieser Welt beschrieben hatte, zitierte dazu den wohl bedeutendsten abendländischen Mystiker, Meister Eckhard: Das schnellste Tier, das euch trägt zur Vollkommenheit, das ist Leiden. (1)

Nach Schopenhauer ist alles, was wir in dieser Welt wahrnehmen, Erscheinungs- form eines metaphysischen > Willens, der am deutlichsten im “Willen zum Leben” aus- geprägt ist. Da dieser “Wille” Ursache allen Lebens ist, ist er letztlich auch für alles Leid verantwortlich. Mit der Überwindung - oder wie es Schopenhauer nannte - mit der Vernei- nung des Willens, wird demnach auch das Leid überwunden. Hierbei stellt sich der Frage, ob und  inwieweit es überhaupt möglich ist, diesen verhängnisvollen Willen zu überwinden, was wiederum die Frage nach der Willensfreiheit (2) aufwirft.

Wenn Schopenhauer davon ausgeht, dass es keinen freien individuellen Willen gibt, sondern nur der dahinter stehende metaphysische Wille sich frei verneinen kann, dann ist es dementsprechend auch nicht möglich, aus “eigenem Willen” den “Willen” zu überwinden und sich damit zu erlösen. Schopenhauer war jedoch davon überzeugt, dass in dieser Welt (er verwendet in diesem Zusammenhang den buddhistischen Begriff “Sansara”) “ein gutes und erlösendes Prinzip ... steckt, welche zum Durchbruch kommen und das Ganze erfüllen und befreien kann. In unserer Welt, so begründete Schopenhauer seinen erstaunlichen Optimismus, treten ... , wiewohl sehr sporadisch, aber doch stets von Neuem uns überraschend, Erscheinungen der Redlichkeit, der Güte, ja des Edelmuts  ... auf. Nie gehn diese ganz aus: sie schimmern uns, wie einzelne glänzende Punkte, aus der großen dunklen Masse entgegen. (3)

Die Erlösung vom Leiden erfolgt demnach aus einem der Welt innewohnenden “guten und erlösenden Prinzip” und ist so gewissermaßen das Ergebnis von dem, was laut Schopenhauer Gnadenwirkung ist, wobei er als Beispiel auf die christlichen Quietisten hinweist, und zwar auf ihre große, innere Übereinstimmung, bei der Festigkeit und Sicherheit ihrer Aussagen, (was beweist), daß sie aus wirklicher, innerer Erfahrung reden, einer Erfahrung, die zwar nicht Jedem zugänglich ist, sondern nur wenigen Begünstigten zu Teil wird, daher sie den Namen Gnadenwirkung erhalten hat, an deren Wirklichkeit jedoch aus obigen Gründen nicht zu zweifeln ist. (4)

Da nach Schopenhauer der Charakter des Menschen angeboren und unveränderlich ist, läßt sich eine fundamentale innere Wandlung des Menschen, bei dem gleichsam aus einem Saulus ein Paulus wird, durch Gnadenwirkung erklären:

Weil ... die Selbstaufhebung des Willens von der Erkenntnis ausgeht, alle Erkenntnis und Einsicht aber als solche von der der Willkür unabhängig ist; so ist auch jene Verneinung des Wollens, jener Eintritt in die Freiheit, nicht durch Vorsatz zu erzwingen. (5)  Aus diesen Worten Schopenhauers wird deutlich, dass die Erlösung nicht bloß durch äußere Werke erzwungen werden  kann, denn letztere sind nicht die Ursache, sondern das Ergebnis einer inneren Wandlung des Menschen. Die Erlösung beruht demnach auf der Gnadenwirkung.

Schopenhauer wies zwar in diesem Zusammenhang auf das Christentum hin, aber nicht nur dort, sondern auch in den von ihm hoch geschätzten altindischen > Upanishaden ist die Gnadenwirkung von besonderer  Bedeutung:

Nicht durch Belehrung wird erlangt der Atman,
           Nicht durch Verstand und viele Schriftgelehrtheit;
           Nur wen er wählt; von dem wird er begriffen:
           Ihm macht der Atman offenbar sein Wesen.

Nicht wer von Frevel nicht abläßt,
           Unruhig, ungesammelt ist,
           Nicht dessen Herz noch nicht stille steht,
           Kann durch Forschen erlangen ihn.
(6)

 Im Gegensatz zu den Upanishaden erfolgt im ( > Theravada -) Buddhismus die Erlösung nicht durch Gnade, sondern - gemäß der > Vier Edlen Wahrheiten des Buddha -
nur durch das eigene Bemühen auf dem > Edlen Achtfachen Pfad. Jedoch in dem sich später herausbildenden > Mahayana - Buddhismus kommt es zu einer wesentlichen Modifi- zierung der alten buddhistischen Lehre: So entstand die Auffassung, dass es “ eine wahre unveränderliche und ewige Natur aller Wesen” gibt, die Buddha-Natur. (7) “ Da alle Wesen diese Buddha-Natur besitzen, ist es ihnen möglich, Erleuchtung zu erlangen”.  Somit ist nach der Lehre des Mahayana-Buddhismus allen Wesen die Buddha-Natur immanent.

Im > ZEN gibt es für die “Buddha-Natur” den Ausdruck Bussho, und zwar für das  allem Leben und Dingen immanente Buddha-Wesen der Vollendung und Vollkommenheit. Hiernach “ist jeder Mensch (wie jedes andere Lebewesen und Ding) Buddha-Wesen, ohne dessen jedoch im allgemeinen gewahr zu sein”. 

Wenn die obige Auffassung des Mahayana-Buddhismus zutrifft und somit alle Wesen durch ihre  “Buddha-Natur” zur Erleuchtung kommen können, dann gibt es offenbar - wie Arthur Schopenhauer annahm -  “ein gutes und erlösendes Prinzip”. Hierbei liegt der Gedanke nahe, dass dieses Prinzip nicht nur aus Gnade, sondern sogar aus Notwendigkeit zur Erlösung führt.

Zur Frage, ob Erlösung aus Gnade oder Notwendigkeit erfolgt, hatte Schopenhauer mit seinem Freund und - wie er meinte - besten Kenner seiner Philosophie, Johann August Becker, einen Briefwechsel, den Schopenhauer für so wichtig hielt, dass er davon Kopien an seine wichtigsten Freunde und Anhänger verschickte. (8) In einem seiner Briefe, die eine äußerst wichtige Ergänzung seiner Werke sind, räumte Schopenhauer auf Grund der sehr scharfsinnigen Argumente von Becker ein, dass die Erlösung nicht unbedingt nur auf  Gnade beruhen muss, sondern dass es auch möglich wäre, dass die Welt ein mit Notwendigkeit sich vollziehender Läuterungsprozeß des Willens sein könnte.

So enthält die Philosophie des “Pessimisten” Arthur Schopenhauer eine Erlösungs- lehre, die in ihrem wohl begründeten Optimismus kaum zu überbieten ist. Dadurch vermag Schopenhauers Philosophie etwas zu bewirken, was sonst nur Religionen möglich ist, nämlich das metaphysische Bedürfnis des Menschen zu befriedigen und diesem dadurch Trost und Kraft in dem ansonsten leiderfüllten Leben zu bieten.

So ist Schopenhauers Lehre eine Philosophie, von der Thomas Mann schrieb, dass man sie nie wieder vergißt, dass in ihr ein Gefühlskern, ein Wahrheitserlebnis bleiben würde,  so hieb- und stichfest, so richtig wie ich es sonst in der Philosophie nicht gefunden habe. Man kann damit leben und sterben, - namentlich sterben: ich wage zu behaupten, daß die schopenhauersche Wahrheit, daß ihre Annehmbarkeit in der letzten Stunde standzuhalten, und zwar  m ü h e l o s, ohne Denkanstrengung, ohne Worte standzuhalten geeignet ist. (9)
                                                                                                                                                                                                                           hb

 Anmerkungen:

1 - Arthur Schopenhauer, Zürcher Ausgabe, Die Welt als Wille und Vorstellung II,
      Kap. 48: Zur Lehre von der Verneinung des Willens zum Leben, S. 743.

2 - S. dazu > Weiteres .

3 - Arthur Schopenhauer, Zürcher Ausgabe, Parerga und Paralipomena II,
      Kap. 8: Zur Ethik, § 114, S. 238.

4 - Arthur Schopenhauer, Zürcher Ausgabe, Die Welt als Wille und Vorstellung II,
     Kap. 48: Zur Lehre von der Verneinung des Willens zum Leben, S.719.

5 - Arthur Schopenhauer, Zürcher Ausgabe, Die Welt als Wille und Vorstellung I,
     4. Buch: Welt als Wille, § 70, S. 499. 

6 - Kathaka-Upanishad 1.2.23 und 24. Vers 23 wortgleich im Mundaka-Upanishad 3.2.3. Übers. in:
     Wilhelm Deussen, Upanishaden. Die Geheimlehre des Veda. Neu gesetzt und überarbeitet nach der
      3. Aufl. der Ausgabe Brockhaus, Leipzig 1938. Wiesbaden 2006, S. 352 und 677. Hiernach erfolgt
      die Erlösung durch Erkenntnis des > Atman, also der fundamentalen Erkenntnis der Identität von
      Atman (Individualseele) und Brahman (Weltseele), d. h. des > Tat Twam Asi. Das entspricht
      wohl bei Schopenhauer der Überwindung des >  principium individuationis .

     Deussen kommentiert zu seiner Übersetzung der obigen Verse, dass die “Erkenntnis des Atman ...
     nicht durch individuelle Bemühungen, sondern nur durch eine Art von Gnadenwahl zu erlangen (ist);
     diese wird aber auf keinen fallen, der nicht die sittlichen Vorbedingungen erfüllt.”  

7 - Hierzu und dem folgenden s. Lexikon der östlichen Weisheitslehren, 1960, S. 54 und 61. 

8 - S. Arthur Schopenhauer an Johann August Becker am 23. August 1844 und 21. September 1844.
      In: Arthur Schopenhauer, Gesammelte Briefe. Hrsg. v. Arthur Hübscher, 2., verb. u. erg. Aufl.,-
      Bonn: Bouvier, 1987, S. 213 ff.     

9 - Zit. n. Über Arthur Schopenhauer. Hrsg. v. Gerd Haffmans, 3., erneut erw. u. verb. Aufl.,
     Diogenes (detebe 153), 1981, S. 112.

             > Schopenhauers Philosophie als Ersatzreligion?  
                                                                                                                > Tolstoi : Schopenhauer

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