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Arthur Schopenhauer , 1815

Arthur Schopenhauer

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Arthur Schopenhauer

          Autobiografie

Teil 5 / 6

Gegen Ende des Jahres 1809, mit erreichter Volljährigkeit, erhielt ich von der Mutter mein Erbe, d. h. den dritten Teil des vom Vater hinter- lassenen Vermögens, soviel davon noch übrig war, womit mir ein genügender Lebensunterhalt gesichert wurde. Darauf bezog ich die Universität Göttingen, wo ich mich als Mediziner einschreiben ließ.

Nachdem ich aber mich selbst und zugleich die Philosophie, wenn auch nur oberflächlich, so doch einigermaßen kennen gelernt hatte, änderte ich meinen Vorsatz, gab die Medizin auf und widmete mich ausschließlich der Philosophie. Die Zeit, welche ich auf das Studium der ersteren verwen- det, war jedoch keineswegs verloren, weil ich nur erst solche Vorlesungen gehört hatte, die auch dem Philosophen nützlich, ja notwendig sind.

Während zweier in Göttingen verlebter Jahre lag ich mit dem anhal- tenden Fleiße, an welchen ich bereits gewohnt war, den wissenschaftlichen Studien ob, von denen mich der Umgang mit den anderen Studenten durchaus nicht abzuhalten oder wegzulocken vermochte, weil mein reiferes Alter, meine reichere Erfahrung und mein grundverschiedenes Naturell mich jederzeit zur Absonderung und Einsamkeit führten. Infolgedessen blieb mir, obgleich ich den Vorlesungen regelmäßig beiwohnte, doch noch viele Zeit zum Bücherlesen übrig, die ich vorzugsweise Platon und Kant widmete.

Im Laufe dieser zwei Jahre besuchte ich G. E. Schulzes Vorlesungen über Logik, Metaphysik und Psychologie, hörte bei Thibaut reine Mathematik, bei Heeren alte und neuere Geschichte sowie die Geschichte der Kreuzzüge, und Ethnographie, bei Lüder deutsche Reichs- geschichte, bei Blumenbach Naturgeschichte, Mineralogie, Physiologie und vergleichende Anatomie, bei Hempel Anatomie des menschlichen Körpers, bei Strohmeier Chemie, bei Tobias Maier Physik und physikalische Astronomie, bei Schrader Botanik. Dankbar erkenne ich den  mir aus dem Unterrichte dieser ausgezeichneten Männer erwachsenen großen Gewinn.

Im Herbst des Jahres 1811 zog ich nach Berlin, wurde auch dort in die Zahl der Studierenden aufgenommen und war nach Kräften bemüht, in der Schule der berühmten Lehrer, an welchen diese Universität so reich ist, Geist und Gemüt höher auszubilden. So hörte ich Wolfs Vorlesungen über griechische und römische Dichter, griechische Altertümer und griechische Literaturgeschichte; Schleiermachers Geschichte der Philosophie und, mit hohem Genuß, Ermans öffentliche Vorträge über Magnetismus und Elektrizität; ferner durch drei Semester hindurch Lichtensteins sämtliche zoologischen Kollegien, zum zweitenmal Chemie, bei Klaproth, ebenso Physik bei Fischer, Astronomie bei Bode, Geognosie bei Weiß, allgemeine Physiologie bei Horkel, Anatomie des menschlichen Gehirns bei Rosenthal.

Der großen Verdienste dieser ausgezeichneten Männer um mich werde ich stets dankbaren Sinnes eingedenk bleiben. Auch Fichten, der seine Philosophie vortrug, folgte ich, um sie nachher um so gerechter beurteilen zu können, aufmerksam; einmal stritt ich in der von ihm seinen Zuhörern gegebenen Sprechstunde lange mit ihm - eine Disputation, deren sich die dabei zugegen Gewesenen vielleicht noch erinnern werden.

Auch in Berlin würde ich zwei Jahre lang geblieben sein, wenn mich nicht während des letzten Halbjahres, 1813, die Kriegsunruhen vertrieben hätten, was ich um so mehr zu beklagen hatte, als ich mich gerade damals rüstete, bei der hochansehnlichen philosophischen Fakultät der Berliner Universität den Doktorgrad im verordneten Wege zu erlangen. Zu diesem Zweck hatte ich, nachdem ich von dem berühmten, mir stets besonders wohlwollenden Lichtenstein über die Bedingungen und Erfordernisse dazu belehrt worden war, die Abhandlung über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde zu schreiben begonnen, und zwar den Statuten hochlöblicher Fakultät gemäß in deutscher Sprache.

Da jedoch infolge des ungewissen Ausgangs des Treffens bei Lützen die Stadt Berlin bedroht schien und alle, denen es freistand, die Flucht ergriffen, die meisten nach Frankfurt oder Breslau, ich meinesteils aber es für das beste hielt, dem Feind entgegenzugehen, so richtete ich meinen Weg nach Dresden, wo ich nach mancherlei Zwischenfällen und Gefährden endlich am zwölften Tage ankam.

Ich hatte im Sinn gehabt, dort zu bleiben; da mich jedoch von den dieser Stadt bevorstehenden Gefahren eine Ahndung überkam, ging ich weiter nach Weimar. Hier aber, wo ich in der Wohnung meiner Mutter abgestiegen war, mißfielen mir gewisse häusliche Verhältnisse so sehr, daß ich, einen anderen Zufluchtsort suchend, mich nach Rudolstadt zurückzog, wo ich im Gasthause, als dem in jenen unruhvollen Zeiten für einen heimat- losen Menschen passendsten und eigens angemessenen Aufenthaltsort, den übrigen Teil des Jahres verlebte.

Übrigens war ich damals gemütlich wiederum tief leidend und niedergeschlagen, hauptsächlich weil ich mein Leben in eine Zeit gefallen sah, die ganz andere Gaben erforderte, als zu welchen ich das Zeug in mir fühlte. In meiner Rudolstädter Zurückgezogenheit indessen fesselten mich die unaussprechlichen Reize der dortigen Gegend. Meiner ganzen Natur nach dem Militärwesen abhold, war ich glücklich, in dem nach allen Seiten hin von bewaldeten Bergen umhegten Tale jenen ganzen kriegerischen Sommer hindurch keinen Soldaten zu sehen und keine Trommel zu hören, und lag in tiefster Einsamkeit, durch nichts zerstreut oder abgezogen, ununterbrochen den abgelegensten Problemen und Untersuchungen ob. Mit Büchern ging mir die Weimarische Bibliothek an die Hand.

So vollendete ich dort meine Dissertation über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde, immer in der Hoffnung, nach Berlin zurückkehren zu können, wo ich promovieren wollte. Da es aber nicht dazu kam, indem die Wege weder während des Waffenstillstandes noch während des darauf gefolgten Krieges frei wurden, der Doktortitel mir aber damals von großem Nutzen war, so richtete ich an die verehrliche philosophische Fakultät der Universität Jena, die mir die nächste war, unter Einsendung der Dissertation mit Sendschreiben die Bitte: mir den philoso- phischen Doktorgrad zu erteilen, was mir deren Güte auch gewährte.

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