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Die Platonische Idee

- erläutert durch Platons Höhlengleichnis -

und Kants “Ding an sich”

in Arthur Schopenhauers Philosophie 

Das Studium der Philosophie Platons hielt Arthur Schopenhauer “im höchsten Grade” für “belohnend”(1). Der “Mittelpunkt” von Platons Philosophie sei dessen Ideenlehre.(2) Von dieser für die europäische Philosophiegeschichte hochbedeutsamen Lehre wurde  auch weitgehend Schopenhauers Philosophie geprägt. So betrifft das gesamte dritte Buch von Schopenhauers Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung I die Platonische Idee.

Zunächst erklärte  dort Schopenhauer kurz zusammengefasst die für seine Philosophie zentralen Begriffe, nämlich Kants Ding an sich und die Platonische Idee, wobei er den inneren Zusammenhang zwischen Platons und Kants Lehre aufzeigte. Das folgende diesbezügliche Schopenhauer-Zitat aus seinem o. g. Hauptwerk hat die Redaktion des Studienkreises zur besseren Übersicht in mehrere nummerierte Abschnitte unterteilt. Der Abschnitt [4]  enthält Platons Höhlengleichnis .  Dieses berühmte Höhlengleichnis ist von besonderer Wichtigkeit, weil es durch seine anschauliche Darstellung erheblich zum Verständnis der Platonischen Idee beitragen kann.

Das nachstehende Zitat beginnt mit einer Bemerkung, die  - worauf Schopenhauer ausdrücklich  hinwies - “sehr wesentlich” ist:

[1] Zuvor jedoch noch folgende sehr wesentliche Bemerkung. Ich hoffe, daß es mir im vorhergehenden Buche [Die Objektivation des Willens] gelungen ist, die Ueberzeugung hervorzubringen, daß Dasjenige, was in der Kantischen Philosophie das Ding an sich genannt wird und daselbst als eine so bedeutende, aber dunkle und paradoxe Lehre auftritt, besonders aber durch die Art, wie Kant es einführte, nämlich durch den Schluß vom Begründeten auf den Grund, als ein Stein des Anstoßes, ja, als die schwache Seite seiner Philosophie befunden ward, daß, sage ich, dieses, wenn man aus dem ganz andern Wege, den wir gegangen sind, dazu gelangt, nichts Anderes ist, als der Wille, in der auf die angegebene Weise erweiterten und bestimmten Sphäre dieses Begriffs. Ich hoffe ferner, daß man, nach dem Vorgetragenen, kein Bedenken hegen wird, in den bestimmten Stufen der Objektivation jenes, das Ansich der Welt ausmachenden Willens, Dasjenige wiederzuerkennen, was Platon die ewigen Ideen, oder die unveränderlichen Formen [...] nannte, welche, als das hauptsächliche, aber zugleich dunkelste und paradoxeste Dogma seiner Lehre anerkannt, ein Gegenstand des Nachdenkens, des Streites, des Spottes und der Verehrung so vieler und verschieden gesinnter Köpfe in einer Reihe von Jahrhunderten gewesen sind.

[2] Ist uns nun der Wille das Ding an sich, die Idee aber die unmittelbare Objektität jenes Willens aus einer bestimmten Stufe; so finden wir Kants Ding an sich und Platons Idee, die ihm allein [... das wahrhaft Seiende] ist, diese beiden großen dunkeln Paradoxen, der beiden größten Philosophen des Occidents, – zwar nicht als identisch, aber doch als sehr nahe verwandt und nur durch eine einzige Bestimmung unterschieden. Beide große Paradoxa sind sogar, eben weil sie, bei allem innern Einklang und Verwandtschaft, durch die außerordentlich verschiedenen Individualitäten ihrer Urheber, so höchst verschieden lauten, der beste Kommentar wechselseitig eines des andern, indem sie zwei ganz verschiedenen Wegen gleichen, die zu einem Ziele führen. – Dies läßt sich mit Wenigem deutlich machen.

[3] Nämlich was Kant sagt, ist, dem Wesentlichen nach, Folgendes: »Zeit, Raum und Kausalität sind nicht Bestimmungen des Dinges an sich; sondern gehören nur seiner Erscheinung an, indem sie nichts, als Formen unserer Erkenntniß sind. Da nun aber alle Vielheit und alles Entstehen und Vergehen allein durch Zeit, Raum und Kausalität möglich sind; so folgt, daß auch jene allein der Erscheinung, keineswegs dem Dinge an sich anhängen. Weil unsere Erkenntniß aber durch jene Formen bedingt ist; so ist die gesammte Erfahrung nur Erkenntniß der Erscheinung, nicht des Dinges an sich: daher auch können ihre Gesetze nicht auf das Ding an sich geltend gemacht werden. Selbst auf unser eigenes Ich erstreckt sich das Gesagte, und wir erkennen es nur als Erscheinung, nicht nach dem, was es an sich seyn mag.« Dieses ist, in der betrachteten wichtigen Rücksicht, der Sinn und Inhalt der Lehre Kants. –

[4] Platon nun aber sagt: ´Die Dinge dieser Welt, welche unsere Sinne wahrnehmen, haben gar kein wahres Seyn: sie werden immer, sind aber nie: sie haben nur ein relatives Seyn, sind insgesammt nur in und durch ihr Verhältniß zu einander: man kann daher ihr ganzes Daseyn ebenso wohl ein Nichtseyn nennen. Sie sind folglich auch nicht Objekte einer eigentlichen Erkenntniß [...]: denn nur von dem, was an und für sich und immer auf gleiche Weise ist, kann es eine solche geben: sie hingegen sind nur das Objekt eines durch Empfindung veranlaßten Dafürhaltens [Meinung mittels vernunftloser Wahrnehmung]. So lange wir nun auf ihre Wahrnehmung beschränkt sind, gleichen wir Menschen, die in einer finstern Höhle so fest gebunden säßen, daß sie auch den Kopf nicht drehen könnten, und nichts sähen, als beim Lichte eines hinter ihnen brennenden Feuers, an der Wand ihnen gegenüber, die Schattenbilder wirklicher Dinge, welche zwischen ihnen und dem Feuer vorübergeführt wurden, und auch sogar von einander, ja jeder von sich selbst, eben nur die Schatten auf jener Wand. Ihre Weisheit aber wäre, die aus Erfahrung erlernte Reihenfolge jener Schatten vorher zu sagen. Was nun hingegen allein wahrhaft Seiend [... ] genannt werden kann, weil es immer ist, aber nie wird, noch vergeht: das sind die realen Urbilder jener Schattenbilder: es sind die ewigen Ideen, die Urformen aller Dinge. Ihnen kommt keine Vielheit zu: denn jedes ist seinem Wesen nach nur Eines, indem es das Urbild selbst ist, dessen Nachbilder, oder Schatten, alle ihm gleichnamige, einzelne, vergängliche Dinge derselben Art sind. Ihnen kommt auch kein Entstehen und Vergehen zu: denn sie sind wahrhaft seiend, nie aber werdend, noch untergehend, wie ihre hinschwindenden Nachbilder. (In diesen beiden verneinenden Bestimmungen ist aber nothwendig als Voraussetzung enthalten, daß Zeit, Raum und Kausalität für sie keine Bedeutung noch Gültigkeit haben, und sie nicht in diesen dasind.) Von ihnen allein daher giebt es eine eigentliche Erkenntniß, da das Objekt einer solchen nur Das seyn kann, was immer und in jedem Betracht (also an sich) ist; nicht Das, was ist, aber auch wieder nicht ist, je nachdem man es ansieht.` – Dies ist Platons Lehre.

[5] Es ist offenbar und bedarf keiner weitern Nachweisung, daß der innere Sinn beider Lehren ganz derselbe ist, daß beide die sichtbare Welt für eine Erscheinung erklären, die an sich nichtig ist und nur durch das in ihr sich Ausdrückende (dem Einen das Ding an sich, dem Andern die Idee) Bedeutung und geborgte Realität hat; welchem letzteren, wahrhaft Seienden aber, beiden Lehren zufolge, alle, auch die allgemeinsten und wesentlichsten Formen jener Erscheinung durchaus fremd sind. Kant hat, um diese Formen zu verneinen, sie unmittelbar selbst in abstrakten Ausdrücken gefaßt und geradezu Zeit, Raum und Kausalität, als bloße Formen der Erscheinung, dem Ding an sich abgesprochen: Platon dagegen ist nicht bis zum obersten Ausdruck gelangt, und hat jene Formen nur mittelbar seinen Ideen abgesprochen, indem er Das, was allein durch jene Formen möglich ist, von den Ideen verneint, nämlich Vielheit des Gleichartigen, Entstehen und Vergehen.”(3)

Wie im obigen Schopenhauer-Zitat dargelegt, stimmen Kants und Platons Lehre in ihrem “inneren Sinn” überein. Beide Lehren stehen mit am Anfang einer Entwicklung, die zu Schopenhauers monistischer Philosophie führte. Gerade durch den Einfluss, den diese Lehren schon frühzeitig auf Arthur   Schopenhauer hatten, war der Weg zu dem - wie manche meinen - extremen Monismus in seiner Philosophie vorgezeichnet.

Doch trotz der grundlegenden Bedeutung von Platons und Kants Lehren hatten für Schopenhauer die altindischen Upanishaden wohl  noch größeres Gewicht. Hierauf weist auch die Reihenfolge in einem Manuskript Schopenhauers aus dem Jahre 1816 (also zwei Jahre vor der Veröffentlichung seines Hauptwerkes) hin, in welchem er die Bedeutung der Upanishaden, Platons und Kants für das Entstehen  seiner  Philosophie  hervorhob:

Schopenhauer : Upanishaden - Platon - Kant

Aus: Arthur Schopenhauer , Manuskripte 1816, S. 206, Univ.-bibl. Frankfurt a. M., > online (Stand: 19.11.2017).

Ich gestehe übrigens daß ich nicht glaube daß meine Lehre je hätte entstehn können, ehe die Upanischaden, Plato u. Kant ihre Strahlen zugleich in eines Menschen Geist werfen konnten ... 

Anmerkungen
(1)
Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden, Zürich 1977,
      Band VII, Parerga und Paralipomena I, § 5, S. 60.
(2) Arthur Schopenhauer , a. a. O.,  Band IV, Die Welt als Wille und Vorstellung II,
     1. Buch, Kap. 13, S. 153.
(3) Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band I, Die Welt als Wille und Vorstellung I,
     3. Buch, § 31, S. 222 ff.

Weiteres > Arthur Schopenhauers Philosophie : Überblick

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