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Arthur  Schopenhauer

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Auszug aus: Unsere Zeit. Jahrbuch zum Conversations-Lexikon, 4. Bd. Leipzig (Brockhaus) 1860, S. 711 ff.;
  - Die Rechtschreibung wurde beibehalten; Zwischenüberschriften und Anmerkungen  von Herbert Becker -

- Teil 8 -

Die Welt als Wille und Vorstellung

Die Grundgedanken der Schopenhauer`schen Philosophie, deren Darlegung und Ausführung in seinen Werken ein großartiges, bis ins Einzelnste sorgfältig ausgeführtes Weltgemälde bildet, vielfältig wie die Welt selbst, die Höhen und Tiefen dieser wider- spiegelnd, sind nämlich folgende.(1)

Das, was Kant als “Ding an sich” der bloßen “Erscheinung” entgegensetzte und für schlechthin unerkennbar hielt, dieses Ding an sich, das Substrat aller Erscheinungen, mithin der ganzen Natur, ist nichts anderes als jenes uns unmittelbar Bekannte und sehr Vertraute, was wir im Innern unsers eigenes Selbst als Willen finden. Dieser Wille, weit entfernt davon, wie alle bisherigen Philosophen annahmen, von der Erkenntniß unzer- trennlich und sogar ein bloßes Resultat derselben zu sein, ist von dieser, die ganz secundär und spätern Ursprungs ist, grundverschieden und völlig unabhängig, kann folglich auch ohne sie bestehen und sich äußern, welches in der gesammten Natur, von der thierischen abwärts, wirklich der Fall ist.

Ja, dieser Wille, als das alleinige Ding an sich, das allein wahrhafte Reale, allein Ursprüngliche und Metaphysische in einer Welt, wo alles Übrige nur Erscheinung, d. h. bloße Vorstellung ist, verleiht jedem Dinge, was immer es auch sein mag, die Kraft, vermöge deren es dasein und wirken kann.(2)

Demnach sind nicht allein die willkürlichen Actionen thierischer Wesen, sondern auch das organische Getriebe ihres belebten Leibes, sogar die Gestalt und Beschaffen- heit desselben, ferner auch die Vegetation der Pflanzen, und endlich selbst im unorga- nischen Reiche die Krystallisation und überhaupt jede ursprüngliche Kraft, die sich in physischen und chemischen Erscheinungen manifestirt, ja die Schwere selbst - alles dies ist an sich und außer der Erscheinung, welches blos heißt außer unserm Kopf und seiner Vorstellung, geradezu identisch mit dem, was wir in uns selbst als Willen finden, von welchem Willen wir die unmittelbarste und intimste Kenntniß haben, die überhaupt möglich ist.

Ferner die einzelnen Äußerungen dieses Willens werden in Bewegung gesetzt bei erkennenden, d. h. thierischen Wesen durch Motive, aber nicht minder im organischen Leben des Thieres und der Pflanze durch Reize, bei unorganischen endlich durch bloße Ursachen im engstens Sinne des Worts, welche Verschiedenheit blos die Erscheinung betrifft. (3)

Hingegen die Erkenntniß und ihr Substrat, der “Intellect”, ist ein vom Willen gänzlich verschiedenes, blos secundäres, nur die höhern Stufen der Objectivation des Willens begleitendes Phänomen, ihm selbst unwesentlich, von seiner Erscheinung im thierischen Organismus abhängig, daher physisch, nicht metaphysisch, wie er selbst. Folglich kann von Abwesenheit der Erkenntniß nie geschlossen werden auf Abwesen- heit des Willens; vielmehr läßt sich dieser auch in allen Erscheinungen der erkenntniß- losen, sowol der vegetabilischen als der unorganischen Natur nachweisen, also ist nicht, wie man bisher ohne Ausnahme annahm, Wille durch Erkenntniß bedingt, sondern Erkenntniß durch Wille.

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(1) Schopenhauers zweibändiges Grundwerk “Die Welt als Wille und Vorstellung” umfasst in der von Brockhaus herausgegebenen 2. Auflage (1919) insgesamt 1376 Seiten! Schon deshalb kann der kurz- gefasste Auszug aus dem Brockhaus-Jahrbuch den Inhalt dieses Werkes nur unzureichend wiedergeben.
Der Studienkreis beabsichtigt daher, die Grundgedanken der Philosophie Schopenhauers noch gesondert darzustellen.

(2) Der “Wille” ist hier im metaphysischen, nicht im gewöhnlichen Sinne gemeint. Das, was im normalen Sprachgebrauch “Wille” genannt wird, ist mehr im Sinne von Trieb zu verstehen. Dieser ist nur Auswirkung des metaphysichen Willens und daher nach Schopenhauer nur Erscheinung und nicht “das Ding an sich”. Schopenhauer geht wie Kant von der Tatsache aus, dass wir die Welt nicht so sehen, wie sie “an sich” ist, sondern nur so, wie sie uns erscheint, das heißt, wie wir sie uns vorstellen. Kurz: Die Welt ist unsere “Vorstellung” und in ihrem Wesenskern das, was wir in unserem eigenen Inneren finden, nämlich der metaphysische Wille  -  “das Ding an sich”.

(3) Die hier und im folgenden vorgenommene Einschränkung auf “thierische Wesen” dürfte kaum im Sinne Schopenhauers sein und enspricht wohl mehr dem anthropozentrischen Denken des Verfassers dieser Darstellung, denn Motive, Reize und Ursachen bestimmen mehr oder weniger auch das Verhalten des Menschen.

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