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Die Metaphysik und ihre Grenze 

in Arthur Schopenhauers Philosophie

Metaphysik - dieser aus dem Griechischen stammenden Begriff heißt in der wörtlichen Übersetzung nach bzw. hinter dem Physischen.(1) Das “Wörterbuch der Philosophischen Begriffe”  verweist hierzu auf die Neuplatoniker. Diese “deuteten den Ausdruck Metaphysik dahin, dass ihr Gegenstand , ´das, was über die Natur hinausgeht` oder das ´hinter der Natur` als deren Ursache Liegende und die eigentliche Wirklichkeit sei. Dementsprechend wird unter Metaphysik verstanden, die Lehre von den letzten Gründen des Seins, seinem Wesen und Sinn”.(2)

Für Arthur Schopenhauer war Metaphysik “jede angebliche Erkenntniß, welche über die Möglichkeit der Erfahrung, also über die Natur, oder die gegebene Erscheinung der Dinge, hinausgeht, um Aufschluß zu ertheilen über Das, ... was hinter der Natur steckt und sie möglich macht.” (3)

Zur zentralen Bedeutung, welche die Metaphysik für seine Philosophie habe, wies Schopenhauer in einem Brief an die Redaktion von Meyer´s Konversations-Lexicon auf seine Schrift Ueber den Willen in der Natur hin, und hob dabei hervor, dass er gerade auf diese  “kleine Schrift ... ganz besonderen Werth lege, weil in ihr der eigentliche Kern meiner Metaphysik gründlicher und deutlicher dargelegt ist, als irgendwo”.(4) Diese Schrift betreffe, so erklärte er in ihrer Einleitung “den Kern und Hauptpunkt meiner Lehre, die eigentliche Metaphysik derselben”(5).

So fasste er in der Einleitung zu seiner Schrift das Wesentliche seiner Metaphysik kurz zusammen:

Das, was Kant als das Ding an sich der bloßen Erscheinung , von mir entschiedener Vorstellung genannt, entgegensetzte und für schlechthin unerkennbar hielt, daß, sage ich, dieses Ding an sich, dieses Substrat aller Erscheinungen, mithin der ganzen Natur, nichts Anderes ist, als jenes uns unmittelbar Bekannte und sehr genau Vertraute, was wir im Innern unsers eigenen Selbst als Willen finden; daß demnach dieser Wille, weit davon entfernt, wie alle bisherigen Philosophen annahmen, von der Erkenntniß unzertrennlich und sogar ein bloßes Resultat derselben zu seyn, von dieser, die ganz sekundär und spätern Ursprungs ist, grundverschieden und völlig unabhängig ist, folglich auch ohne sie bestehn und sich äußern kann, welches in der gesammten Natur, von der thierischen abwärts, wirklich der Fall ist; ja, daß dieser Wille, als das alleinige Ding an sich, das allein wahrhaft Reale, allein Ursprüngliche und Metaphysische, in einer Welt, wo alles Uebrige nur Erscheinung, d. h. bloße Vorstellung, ist, jedem Dinge, was immer es auch seyn mag, die Kraft verleiht, vermöge deren es daseyn und wirken kann; daß demnach nicht allein die Willkürlichen Aktionen thierischer Wesen, sondern auch das organische Getriebe ihres belebten Leibes, sogar die Gestalt und Beschaffenheit desselben, ferner auch die Vegetation der Pflanzen, und endlich selbst im unorganischen Reiche die Krystallisation und überhaupt jede ursprüngliche Kraft, die sich in physischen und chemischen Erscheinungen manifestirt, ja, die Schwere selbst, - an sich und außer der Erscheinung, welches bloß heißt außer unserm Kopf und seiner Vorstellung, geradezu identisch sind mit Dem, was wir in uns selbst als Willen finden, von welchem Willen wir die unmittelbarste und intimste Kenntniß haben, die überhaupt möglich ist; daß ferner die einzelnen Aeußerungen dieses Willens in Bewegung gesetzt werden bei erkennenden, d. h. thierischen Wesen durch Motive, aber nicht minder im organischen Leben des Thieres und der Pflanze durch Reize, bei Unorganischen endlich durch bloße Ursachen im engsten Sinne des Worts; welche Verschiedenheit bloß die Erscheinung betrifft; daß hingegen die Erkenntniß und ihr Substrat, der Intellekt, ein vom Willen gänzlich verschiedenes, bloß sekundäres, nur die höhern Stufen der Objektivation des Willens begleitendes Phänomen sei, ihm selbst unwesentlich, von seiner Erscheinung im thierischen Organismus abhängig, daher physisch, nicht metaphysisch, wie er selbst; daß folglich nie von Abwesenheit der Erkenntniß geschlossen werden kann auf Abwesenheit des Willens; vielmehr dieser sich auch in allen Erscheinungen der erkenntnißlosen, sowohl der vegetabilischen, als der unorganischen Natur nachweisen läßt; also nicht, wie man bisher ohne Ausnahme annahm, Wille durch Erkenntniß bedingt sei; wiewohl Erkenntniß durch Wille.

Und diese, auch noch jetzt so paradox klingende Grundwahrheit meiner Lehre ist es, welche, in allen ihren Hauptpunkten, von den empirischen, aller Metaphysik möglichst aus dem Wege gehenden Wissenschaften, eben so viele, durch die Gewalt der Wahrheit abgenöthigte, aber, als von solcher Seite kommend, höchst überraschende Bestätigungen erhalten hat: und zwar sind diese erst nach dem Erscheinen meines Werks, jedoch völlig unabhängig von demselben, im Laufe vieler Jahre, ans Licht getreten.” (6)

Arthur Schopenhauer fand somit seine Metaphysik, wie er in der oben genannten Schrift mit zahlreichen Beispielen belegte,  durch die empirischen Wissenschaften bestätigt und gerechtfertigt.

Hierbei kannte Schopenhauer durchaus die Grenze, die seiner Philosophie und somit seiner Metaphysik gesetzt ist:

“Nie jedoch habe ich mich vermessen, eine Philosophie aufzustellen, die keine Fragen mehr übrig ließe. In diesem Sinne ist Philosophie wirklich unmöglich: [...] es giebt eine Gränze, bis zu welcher das Nachdenken vordringen und so weit die Nacht unsers Daseyns erhellen kann, wenngleich der Horizont stets  dunkel bleibt. Diese Gränze erreicht meine Lehre im Willen zum Leben.”(7)

Wer diese von Schopenhauer aufgezeigte Grenze der Metaphysik seiner Philosophie dennoch überschreiten möchte, den verwies er auf  eine der wichtigsten Schriften altindischer Metaphysik, nämlich auf die Upanishaden, die er in einer lateinischen Übersetzung kennenlernte und  Oupnekhat heißt:

” Wer [...] zu der Erkenntnis, bis zu welcher allein die Philosophie ihn leiten kann, [...] Ergänzung wünscht, der findet sie am schönsten und reichlichsten im Oupnekhat.”(8)

Das Oupnekhat war das “Andachtsbuch” von Arthur Schopenhauer, denn dort, also in der Metaphysik der Upanishaden, fand er den Trost seines Lebens. (9)   


Anmerkungen

(1)
Vgl. Philosophisches Wörterbuch, begr. von Heinrich Schmidt,
21. Aufl., bearb. von Georgi Schischkoff, Stuttgart 1962, S. 452.
(2) Wörterbuch der philosophischen Begriffe, hrsg. von Johannes Hoffmeister, 2. Aufl., Hamburg 1955, S. 402.
(3) Arthur Schopenhauer, Werke in zehn Bänden, Zürich 1987 (Zürcher Ausgabe), Band III: Die Welt als Wille und Vorstellung II, S. 180.
(4) Arthur Schopenhauer , Gesammelte Briefe, hrsg. von Arthur Hübscher, 2. Aufl., Bonn 1987, S. 263.
(5) Schopenhauer , Werke, a. a. O., Band V: Ueber den Willen in der Natur, S. 202.
(6) Ebd., S. 202 f.
(7) Schopenhauer, Werke, a. a. O., Band IV: Die Welt als Wille und Vorstellung II, S. 693.
(8) Ebd., S. 716.
(9) So berichtete Wilhelm v. Gwinner (in:  Schopenhauers Leben, Leipzig 1910, S. 312): “Bei dem ältesten urkundlich überlieferten Glauben der Menschheit suchte er [Schopenhauer] Trost und Beruhigung. Das Oupnekhat lag auf seinem Tisch, und vor dem Schlafengehen verrichtete er darin seine Andacht.” Die Lektüre der Upanishaden, sei, wie Schopenhauer bekannte, “der Trost meines Lebens gewesen und wird der meines Sterbens sein”. (Schopenhauer, Werke, a. a. O., Band X: Parerga und Paralipomena II, S. 437.)

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