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Upanishaden ( Oupnekhat )
und Arthur Schopenhauer

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Arthur Schopenhauer  : Upanishaden ( Oupnekhat )

1816, also schon drei Jahre vor Veröffentlichung seines Hauptwerkes “Die Welt als Wille und Vorstellung”, vermerkte Arthur Schopenhauer in seinem Manuskript:

Ich gestehe ..., dass ich nicht glaube, dass meine Lehre je hätte entstehen können, ehe die Upanischaden, Plato und Kant ihre Strahlen zugleich in eines Menschen Geist werfen konnten. (1)

Zehn Jahre später notierte sich Schopenhauer aus den altindischen Upanishaden (2) drei Wörter:

Arthur Schopenhauer : Upanishaden  ( Tat  Twam Asi  )

Arthur Schopenhauer , Manuskripte 1826

Tat-Twam-Asi : Das bist Du! Das Absolute ist mit dir wesensgleich - diese Aussage gehörte für Schopenhauer zu den tiefsten Weisheiten der Upanishaden. In ihnen sah Schopenhauer eine  Bestätigung seiner Lehre, die in ihrem Kern die Erkenntnis enthält, dass sich in allen Erschei- nungen dieser Welt ein metaphysischer Wille manifestiert und somit alles Leben letztlich wesensgleich ist.

Schopenhauer lernte die Upanishaden 1814 nur in ihrer lateinischen Übersetzung durch den französischen Orientalisten Anquetil-Duperron kennen. Dieser, des Sanskrits unkundig, übersetzte sie aus einer persischen Handschrift, die um 1659 als Übersetzung aus dem ursprünglichen Sanskrit entstanden war. Der lateinische Text der Upanishaden wurde unter ihrem verstümmelten Namen  Oupnekhat 1801/02 veröffentlicht. So standen die Upanishaden  Schopenhauer zunächst nur als Oupnekhat, also einem durch zwei Übersetzungen gebrochenen Text zur Verfügung.

“Ein Spürsinn von besonderer Art mag dazu gehört haben, in Anquetils Latein, das Wort für Wort der persischen Vorlage folgt, den ursprünglichen Sinn verschiedener Stellen und Aus- drücke wiederzuerkennen ... Schopenhauer aber spürt gleich bereits bei der ersten Begegnung
´den heiligen Geist der Veden`, die ´Frucht der höchsten menschlichen Erkenntnis und Weisheit `.”(3)

Max Müller, Indologe, Sprachforscher, Begründer der wissenschaftlichen Religionsforschung, seit 1850 Professor in Oxford) schrieb anerkennend: “Ich muss jetzt bekennen, dass hätte Schopenhauer nichts getan, als aus der fürchterlichen Übersetzung von Anquetil Duperron den Sinne der Upanishaden zu entziffern, dies allein hinreichen würde, um ihn selbst unter Philologen, eine Ehrenstelle als Hermeneutiker zu sichern.”(4) 

Bereits 1814, also kurz nachdem er die Upanishaden als Oupnekhat kennen gelernt hatte, notierte er in seinen Aufzeichnungen aus dem Oupnekhat einen lateinischen Satz, den er dann dem Vierten Buch seines oben erwähnten Hauptwerkes als Leitwort voranstellte und der in Deutsch heißt:
Zur Zeit, da die Erkenntnis sich einstellte, hob sich die Begierde von dannen. (5)
Auch hieran zeigt sich, mit welchem tiefen Verständnis Schopenhauer die Upanishaden las und welche fundamentale Bedeutung sie für sein Werk hatten.

Wie tief ergriffen er vom Oupnekhat wurde, brachte Schopenhauer so zum Ausdruck:

Denn, wie atmet doch der Oupnekhat durchweg den heiligen Geist der Veden ! Wie wird doch der, dem, durch fleißiges Lesen, das Persisch-Latein dieses unvergleichlichen Buches geläufig geworden, von jenem Geist im Innersten ergriffen! Wie ist doch jede Zeile so voll fester, bestimmter und durchgängig zusammenstimmender Bedeutung! Und aus jeder Seite treten uns tiefe, ursprüngliche, erhabene Gedanken entgegen, während ein hoher heiliger Ernst über dem Ganzen schwebt ... Es ist die belohnendste und erhabenste Lektüre, die (den Urtext ausgenommen) auf der Welt möglich ist: sie ist der Trost meines Lebens gewesen und wird der meines Sterbens sein. (6)

Bei einem solchen Bekenntnis ist es nicht verwunderlich, wenn einer von Schopenhauers Vertrauten, Wilhelm von Gwinner, über Schopenhauer berichtete: Der Oupnekhat lag auf seinem Tisch, und vor dem Schlafengehen verrichtete er darin seine Andacht. (7)

Trotz seiner überaus hohen Wertschätzung der Upanishaden bekannte sich Schopenhauer nicht zum Hinduismus, sondern zum Buddhismus. So er klärte er: Wollte ich die Resultate meiner Philosophie zum Maßstabe der Wahrheit nehmen, müsste ich den Buddhismus den Vorrang vor den anderen (Religionen) zugestehn ...(8) Die Übereinstimmung seiner Philosophie mit dem Buddhismus war für ihn “wundervoll”. Dementsprechend bezeichnete er sich und seine Anhänger mehrfach als Buddhisten. Für Schopenhauer war das durchaus vereinbar mit seiner tiefen Zuneigung zu den Upanishaden, denn er sah zwischen den Grundlehren des Buddhismus und den der Upanishaden keine wesentlichen Widersprüche, ja letztlich Übereinstimmung.(9)

Für Schopenhauer kamen die Upanishaden zu einer Tiefe der Erkenntnis, die im Rahmen bloßer Philosophie nicht erreicht werden kann. So war Schopenhauer davon überzeugt, dass die fast übermenschlichen Konzeptionen, welche später in den Upanischaden der Veden niedergelegt wurden, in den Urvätern der Brahmanen, den Rischis, entstanden seien.(10) Philosophie geht aber nicht von “übermenschlichen Konzeptionen” aus, sondern bleibt innerhalb der Grenzen menschlicher Erkenntnis, die auch für Schopenhauers Lehre gelten. Schopenhauer hat die ihm gesetzten Grenzen durchaus anerkannt und deshalb auf die Upanishaden verwiesen, die er offensichtlich als wesentliche Ergänzung und Vertiefung seiner Philosophie ansah. Schopenhauer:

Wer ... zu der Erkenntnis, bis zu welcher allein die Philosophie ihn leiten kann, ... Ergänzung wünscht, der findet sie am schönsten und reichlichsten im Oupnekhat. (11)
                                                                                                                                                             Herbert Becker

Anmerkungen:

(1)    Arthur Schopenhauer, Der handschriftliche Nachlaß (HN), hrsg. v. Arthur Hübscher, Bd. 1,
         München 1985, S. 422.
(2)    Im folgenden wird (mit Ausnahme in Zitaten) die neuere Schreibweise “ Upanishaden “ verwendet.
(3)    Arthur Hübscher, Denker gegen den Strom. Schopenhauer: Gestern - Heute - Morgen. 2.Aufl.,
         Bonn 1982, S. 49.
(4)    Arthur Schopenhauer, Gespräche, Neue Ausg. hrsg v. Arthur Hübscher,
         Stuttgart-Bad Cannstatt 1971, S. 87.
(5)    Arthur Schopenhauer, HN 1, a. a. O., S. 120.
(6)    Arthur Schopenhauer, Zürcher Ausgabe, Parerga und Paralipomena II, § 184, S. 437.
(7)    Wilhelm v. Gwinner, Schopenhauers Leben, 3. Ausgabe, Leipzig 1910, S. 342.
(8)    Arthur Schopenhauer, Zürcher Ausgabe, Die Welt als Wille und Vorstellung II, 1. Buch, Kap. 17, S. 197.
(9)    Eine umfassende kritische Stellungnahme hierzu ist zu finden in: Helmuth von Glasenapp, Das Indienbild
         deutscher Denker, Stuttgart 1960, Kap. 7 (Schopenhauer ), S. 68 ff.  
(10)   Arthur Schopenhauer, a. a. O.,  S. 189.
(11)   Arthur Schopenhauer, Zürcher Ausgabe, Die Welt als Wille und Vorstellung II, 4. Buch, Kap. 48, S. 716.

                                                                                                                                                                               HB

                              Weiteres > Upanishaden  ( Kurzeinführung )
                                      > Gjellerup : Upanishaden (ausführlicher Artikel)
                                      > Einheit und Vielfalt (in Upanishaden und Schopenhauers Philosophie)
                                      > Chandogya-Upanishad (Gleichnisse zum Tat-twam-asi )
                                      > Isha-Upanishad (Ethik des Hinduismus )

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