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Chandogya-Upanishad , ihre Gleichnisse zum Tat-twam-asi und Arthur Schopenhauer

In den redenden Künsten sind Gleichnisse und Allegorien von trefflicher Wirkung.
                                                                                 
Arthur Schopenhauer , W I, S. 284.

Die “treffliche Wirkung” von Gleichnissen erklärte Arthur Schopenhauer damit, dass sie “ein unbekanntes Verhältnis auf ein bekanntes zurückführen” und so ein “mächtiger Hebel für die Erkenntnis” sein können.(1) Die Upanishaden gehören zu den “redenden Künsten”, denn sie berichten von weisen Sehern, die ihren auserwählten Schülern im vertrauten Gespräch ihre esoterischen Weisheiten eingekleidet in Gleichnissen offenbarten.

Die folgenden Gleichnisse sind aus der Chandogya-Upanishad , die zu den bedeutendsten der älteren Prosa-Upanishaden gehört, ja wahrscheinlich ist sie sogar die älteste aller Upanishaden.(2) Obwohl inzwischen weit mehr als 2000 Jahre vergangen sind, haben die in der Upanishad als Gleichnisse vorgetragenen tiefen spirituellen Erkenntnisse nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Im Grunde geht es hierbei um eine Erkenntnis, die für Arthur Schopenhauer die tiefste der Upanishaden  war und in der er auch eine Bestätigung des Kerns seiner Philosophie sah, nämlich:

Tat twam asi = Das bist du

In der Chandogya-Upanishad offenbarte der Heilige Uddalaka Aruni seinem Sohn Svetaketu  das Geheimnis des All-Einen, die Identität von Atman und Brahman durch Gleichnisse, von denen hier zwei in der Übersetzung von Paul Thieme wiedergegeben werden:

Chandogya - Upanishad 6.12.1-3.

1 ,,Hol eine Frucht des Feigenbaums!“ - „Hier, Ehrwürdiger!" - ,,Zerteile sie!" - „Ich habe sie zerteilt, Ehrwürdiger.“ - ,,Was siehst du darin?“ - ,,Diese ganz winzigen Körner, Ehrwürdiger."- ,,Zerteile eines von ihnen, mein Guter!“ - ,,Ich habe es zerteilt, Ehrwürdiger.“- ,,Was siehst du darin?“ - ,,Gar nichts, Ehrwürdiger.“

2 Da sprach er zu ihm: ,,Diese Winzigkeit, die du nicht wahrnimmst, mein Lieber - wahrlich dieser Winzigkeit entstammend steht dieser Feigenbaum so groß da.“

Ficus Indica, die Luftwurzelfeige, entwickelt sich, wenn Platz ist, mit der Zeit zu einem ganzen Wäldchen.

3a ,,Glaube, mein Lieber: Was diese Winzigkeit ist, das ist das Selbst dieses Universums. Das ist die Wahrheit. Das ist das [individuelle] Selbst. Das bist du, Svetaketu.

,Das bist du‘ ist einer der ,großen Aussprüche‘ der Upanishaden. Ebenso: ,Ich bin das brahman‘ (Brihadaranyaka- Upanishad 1.4.21) ; das brahman ist ja dieses All‘(Chandogya-Upanishad 3.14.1)); ,ein einzelnes, alleiniges‘ (Chandogya- Upanishad 6.2.1) und andere.

3 b ,,Der Ehrwürdige möge es mich noch besser begreifen lassen." ,,So sei es, mein Lieber“, sprach er.

Chandogya - Upanishad (6.13.1-3

1 ,,Lege dieses Salz in Wasser. Dann setz dich morgen früh zu meinen Füßen [zur Belehrung]." Das tat er so. Da sprach er zu ihm: ,,Das Salz, das du gestern abend ins Wasser gelegt hast, mein Guter, das bring her!“ Da fühlte er danach und fand es nicht. Wie versteckt, so [war es].

2 ,,Mein Guter, schlürfe vom Rand dieses Wassers! Wie ist es?" - ,,Salzig.“ - ,,Schlürfe von der Mitte! Wie ist es?" - ,,Salzig." - ,,Schlürfe vom anderen Rand! Wie ist es?“ - ,,Salzig." -,,lß etwas darauf. Dann setz dich wieder zu meinen Füßen!“

Das tat er so mit den Worten: ,,Dieses Salzige kommt immer wieder.“

Da sprach er zu ihm: ,,Wahrlich, was tatsächlich in diesem Wasser ist (,das in diesem Wasser seiende‘), mein Lieber, kannst du nicht greifen: tatsächlich ist es doch darin."

Es wird offenbar mit dem Ausdruck ,seiend‘, ,das Seiende‘ gespielt.

3 ,,Was diese Winzigkeit ist, das ist das Selbst des Universums. Das ist die Wahrheit. Das ist das [individuelle] Selbst. Das bist du, Svetaketu!“ . . .(3)

Arthur Schopenhauer : Tat-twam-asi ( Upanishaden )

Obige Worte notierte Arthur Schopenhauer 1826 in sein Manuskript. Direkt darunter, also sich auf das Tat-twam-asi beziehend, schrieb er  Das Tier, das du jetzt tötest, bist du selbst ...(4). Diese Aussage Schopenhauers zeigt die überaus weitreichende Konsequenz, welche das Tat twam asi auch im Sinne einer allumfassenden und demnach die Tiere einschließenden  Ethik haben kann. Das setzt jedoch  voraus, dass es in seiner ganzen Tiefe verstanden wird. Hierzu können die Gleichnisse in der Chandogya-Upanishad eine wertvolle Hilfe sein.
 

Anmerkungen

(1) Arthur Schopenhauer , P  II, S. 580 f.
(2) Vgl. dazu: Upanischaden, aus dem Sanskrit übertr. und erl. von Paul Thieme, Reclam: Stuttgart 1979, S. 91.
(3) Ebd., S. 52 f.
(4) Arthur Schopenhauer , HNH, Band 3, S. 281, Nr. 133.
                                                                                                                                                                                        hb
Weiteres  > Upanishaden
                                                            
> Oupnekhat  ( Upanishaden ) und Arthur Schopenhauer

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