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Upanishaden : OUM-Symbol

Yoga , die Upanishaden

und Arthur Schopenhauer

OUM-Symbol

Arthur Schopenhauer

Die Upanishaden enthalten viele Hinweise zum Yoga , der weit mehr ist als Gesundheitsübungen und dessen tiefere Bedeutung schon Arthur Schopenhauer erkannte.

Yoga - dieses Wort aus der altindischen Sanskrit-Sprache ist in den westlichen Ländern wohl den meisten Menschen bekannt, aber wahrscheinlich nur wenige kennen dessen wirkliche Bedeutung und den eigentlichen Zweck, wozu der Yoga im alten Indien diente.

"Im wörtlichen Sinne", so schrieb der weithin als kompetent anerkannte Indologe Helmuth von Glasenapp in seinem Standardwerk Die Philosophie der Inder, bezeichne Yoga, sprachverwandt mit dem deutschen Wort Joch, das Anschirren und "deshalb auch das Anspannen aller Kräfte, die Sammlung und Konzentration der Geistestätigkeit auf einen Punkt, die zur Kunstfertigkeit erhobene Kontemplation".(1) Das Wort Yoga habe jedoch noch andere Bedeutungen, etwa im Sinne von Inswerksetzen, Handeln, Praxis. Es werde aber auch im Sinne von Verbindung, wie z. B. von Seele  und Gottheit, verwendet. 

Zu den Ursprüngen des Yoga erklärte von Glasenapp: "Die Vorstellung, daß der Mensch durch Ausführung bestimmter Übungen und Befolgung bestimmter Observanzen [Regeln] einen übernormalen Zustand der Verzückung und Entrückung erreichen könne, in welchem ihm übernatürliche Kräfte zuteil werden, findet sich bei den verschiedensten Völkern auf primitiver Kulturstufe, z. B. bei den Indianern und Polynesiern. Auch den alten vedischen Indern waren derartige Vorstellungen nicht fremd. Schon im Rigveda ist davon die Rede, daß Weise und Götter durch Tapas, d. h. innerliche Erhitzung, schweigendes Vorsichhinbrüten magische Macht gewonnen" hätten.

Auf die archaischen, wahrscheinlich magischen Anfänge und Zusammen- hänge wies auch Mircea Eliade, ein Schamanismusforscher von internationaler Bedeutung, in seinem Buch Yoga hin.(2) Hieraus entwickelte sich während eines Zeitraums von weit mehr als  zwei Jahrtausenden der Yoga zu einer spirituell hoch verfeinerten Lehre. Jedenfalls beruht der Yoga auf uralten Praktiken, die vielleicht durch die heutige westliche Wissenschaft nicht immer erklärt werden können, deren positive Wirksamkeit aber seitdem durch viele Beispiele nachgewiesen wurde.

In den Brahmanas [den Vorläufern der altindischen Upanishaden] werde, wie von Glasenapp in seinem o. a. Standardwerk weiter schrieb, "das Rezitieren heiliger Texte und das Murmeln heiliger Silben wie des mystischen OUM-Lautes als Mittel zur Erreichung übernatürlicher Erkenntnisse empfohlen [...] So läßt sich wohl sagen, daß die Wurzeln des Yoga bereits im Veda anzutreffen sind und daß die Meditationslehren der klassischen Zeit aus der Vergeistigung und Verinnerlichung von Anschauungen erwuchsen, die im Veda bereits ihre Vorstufen haben."(3)

Meditation spiele in den älteren Upanishaden, wie von Glasenapp meinte, "schon eine bedeutsame Rolle". Dort werde als Hilfsmittel für die Meditation Atemübungen und "das Zurückziehen der Organe in den Atman" erwähnt. Das Wort Yoga komme aber nur in einer der Upanishaden vor.  In den mittleren Upanishaden, so von Glasenapp, "treffen wir hingegen nicht nur den Terminus yoga bereits mehrfach an, sondern auch wesentliche Elemente des späteren Yoga-Systems".(4)

An anderer Stelle seines o. a. Buches wies von Glasenapp darauf hin, dass in der Shvetashvatara-Upanishad "schon eine Fülle von Einzelheiten der Yoga-Praxis behandelt" werde.(5) Jakob Wilhelm Hauer hatte in seinem für das Verständnis des Yoga grundlegenden Werk Der Yoga diesen Upanishad "als das wichtigste Dokument des Yoga in der Zeit der großen Upanishaden" bezeichnet.(6)

Der genannte Upanishad ist für das hier erörterte Thema auch deshalb besonders interessant, weil er eine Anweisung zu den Yoga-Übungen enthält, die Hauer so übersetzte:

Den Leib dreifach straff aufgerichtet, gerade haltend, die Sinne mit der Denkkraft einsammelnd im Herzen mag der Weise mit dem Brahman-Nachen alle Fluten überqueren, die Furcht einjagenden.

Dann presse er die Hauche hinaus und hemme streng (jede) Bewegung. Geht ihm der Atem aus, so atme er wieder durch die Nase ein. Wie jenen schlecht bespannten Wagen zügle der Weise seine Denkkraft wohl bedachtsam.

In einem ebenen, reinen, von Geröll, von Hitze und von Sand freien, durch Töne, Teich und anderes, dem Gemüte angenehmen Orte, der nicht das Auge quält und durch eine Höhle vom Winde Schutz gewährt, übe man Versenkung.(7)

Die vorstehende Anleitung zum Yoga zeigt, dass die Upanishaden nicht nur philosophisch-theoretisch, sondern durchaus auch in praktischer Hinsicht von großem Wert sind. Schon Arthur Schopenhauer waren Yoga-Übungen  - zumindest in Umrissen - bekannt, denn er schrieb, und zwar durchaus zutreffend, über die Yogis:

Am besten versteht es der Yogui [Yogi] oder Saniassi [asketische Einsiedler], welcher methodisch sich zurechtsetzend, alle seine Sinne in sich zurückzieht, die ganze Welt vergißt und sich selbst dazu: - was alsdann noch in seinem Bewußtsein übrig bleibt ist das Urwesen. Nur daß die Sache leichter gesagt, als getan ist.- (8)

Auch an anderer Stelle erwähnte Schopenhauer diese Praxis des Yoga, indem er auf den Brahmanismus [aus welchem sich der heutige Hinduismus entwickelte] hinwies und die dort “geforderte Einstellung alles Denkens und Anschauens, zum Behuf der tiefsten Einkehr in den Grund des eigenen Selbst, unter mentaler Aussprechung des mysteriösen Oum”. Erläuternd fügte Schopenhauer hinzu, dass “Fakire” (womit auch Yogis gemeint sind) “sich hinsetzen und, auf ihre Nasenspitze sehend, alles Denken und Vorstellen zu bannen versuchen, und daß in manchen Stellen der Upanishaden Anleitung gegeben wird, sich, unter stillem innern Aussprechen des mysteriösen Oum, in das eigene Innere zu versenken, wo Subjekt und Objekt und alle Erkenntnis wegfällt”.(9)

Im Lexikon der östlichen Weisheitslehren sind einige der im Westen bekanntesten Yoga-Wege aufgezählt, darunter auch Hatha-Yoga, “der auf Körperübungen in Verbindung mit Atemübungen basiert. Dieser körperliche Yoga gilt in Indien jedoch nur als eine Vorbereitungsübung für die geistigen Yoga-Formen”.(10) 

Der Yoga, wie er in den Upanishaden dargelegt wird, ist mehr als eine gesundheitlich orientierte Übung, denn es geht hierbei nicht bloß um eine vorübergehende Besserung des Wohlbefindens, sondern letztlich um die Befreiung vom Leid der Vergänglichkeit, das heißt um  das “wahre Heil”, wie Schopenhauer es nannte.(11) So ist der Yoga in seinem Kern eine Erlösungslehre (12), die sich mit dem Achtfachen Pfad, der zu den Vier Edlen Wahrheiten der Lehre des Buddha gehört, vergleichen lässt. Arthur Schopenhauer hatte die tiefere Bedeutung des Yoga erkannt und war damit vielen, die sich heute in den westlichen Ländern nur aus oberflächlichen Gründen für den Yoga interessieren, weit voraus.  

H.B.

Anmerkungen

(1) S. hierzu und zum Folgenden: Helmuth von Glasenapp, Die Philosophie der Inder, 3. Aufl., Stuttgart 1974, S. 217 f.

(2) Mircea Eliade, Yoga, Frankfurt am Mein 1986. Insbesondere sei auf die in Anm. (12) zitierten Ausführungen Eliades hingewiesen.

(3) Helmuth von Glasenapp, a. a. O., S. 218 f.

(4) Ebd.

(5) Helmuth von Glasenapp, a. a. O., S. 165

(6) J. W. Hauer, Der Yoga, 3. Aufl., Stuttgart 1983, S. 117.

(7) J. W. Hauer, a. a. O., S. 130.

(8) Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden, Band X,
Parerga und Paralipomena II, Zürich 1977, § 189, S. 441 f.

(9) Arthur Schopenhauer , a. a.O., Band IV,
Die Welt als Wille und Vorstellung II, 4. Buch, Kap. 48, S. 715.

Die Erwähnung des Yoga in Schopenhauers Schriften bedeutet noch nicht, dass die philosophische Grundlage des Yoga mit der Lehre Schopenhauers übereinstimmt: Der Yoga ist mit der altindischen Sankhya-Lehre eng verwandt und hat sich vermutlich in philosophischer Hinsicht sogar aus dieser entwickelt. Schopenhauer bezeichnete die Sankhya-Philosophie zwar als “interessant und belehrend”, wies aber auf deren “falschen Grundgedanken” hin, nämlich den dort vertreten “absoluten Dualismus”. (Arthur Schopenhauer , a. a. O., Parerga ...II, § 184,  S. 439 f.) Zu diesem Dualismus  betonte Heinrich Zimmer (Philosophie  und Religion Indiens , Baden-Baden 1973,   S. 284) ”die grundsätzliche Unvereinbarkeit des nicht-dualistischen Idealismus des Vedanta mit dem dualistisch-pluralistischen Realismus von Sankhya und Yoga”. Schopenhauer sah die Übereinstimmung seiner idealistisch-monistischen Philosophie vor allem mit der Vedanta-Lehre.  So galt seine besondere Wertschätzung den Veden  (Vedanta = “Ende der Veden”): Sie seien die “Frucht der höchsten menschlichen Erkenntnis und Weisheit, deren Kern in den Upanishaden uns, als das größte Geschenk dieses Jahrhunderts, endlich  zugekommen ist.” (Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band II, Die Welt ...I, 4. Buch, § 63, S. 442).

(10) Lexikon der östlichen Weisheitslehren, Bern, München, Wien 1986, S. 457
(Stichwort: Yoga).

(11) Wie Anm. (9).

(12) Wie radikal der Yoga in seiner Zielsetzung, der Erlösung, letztlich ist, wird aus folgenden Ausführungen von Eliade deutlich: “Die  klassische Yoga-Tradition [...] benützt die durch pranayama [vierte Stufe des Raja-Yoga, die in Atemübungen, die mit einem Mantra verbunden sein können, besteht] verliehene ´Kraft` zu einer ´Kosmogenie nach rückwärts`, und zwar in dem Sinne, daß diese Kraft, statt zur Erschaffung neuer Welten (und damit neuer ´Wunder`) zu führen, dem Yogi vielmehr die Ablösung von der Welt, ja in gewissem Sinn ihre Zerstörung ermöglicht, kommt doch die yogische Befreiung einer vollkommenen Lösung des Verbandes mit dem Kosmos gleich. Für den jivanmukta [den zu Lebzeiten Befreiten] existiert das Universum nicht mehr, und wenn man den Prozeß in seinem eigenen Innern auf die Ebene des Kosmos projizierte, so hätte man [...] eine Rückkehr zu dem undifferenzierten Zustand von vor der Schöpfung. [...] Doch das Bemerkenswerteste ist die Tatsache, daß die indische Geistigkeit als Mittel zur metaphysischen Befreiung eine archaische magische Technik eingesetzt hat, der die Fähigkeit zugesprochen wurde, die physikalischen Gesetze aufzuheben und sogar in die Konstitution des Universums einzugreifen.” (Mircea Eliade, Schamanismus und archaische Ekstasetechnik, 6. Aufl., Frankfurt am Main 1989, S. 393.) 

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