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Wilhelm Busch

Wilhelm Busch

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Arthur Schopenhauer

Wilhelm Busch 
(1832-1908)

 Redaktion

Arthur Schopenhauer

Arthur Schopenhauer
(1788-1860)

Schopenhauer hat jedenfalls die ernstliche Absicht deutlich zu sein, sonst wäre seine Schreibweise nicht so bündig, wie sich's ein Mathematiker nur wünschen könnte. Zudem ist er, mein' ich, immer intereßant, obgleich er stets daßelbe Thema variirt; denn dieses Thema ist ja unser Fleisch und Blut.(1)

Obiges Zitat ist von Wilhelm Busch. Viele schätzen ihn als Humoristen, als Schöpfer von “Max und Moritz”, aber wohl nur wenige kennen ihn als Philosophen. Schon in jungen Jahren, während er im Hause seines Onkels, eines Pfarrers, lebte, erwies sich, dass der protestantische Geistliche in seinem Neffen “einen philosophischen Skeptiker und religiösen Freigeist vor sich hatte” (2), zu dessen Lektüre Kant, Darwin und auch Schopenhauer wurden. Fragen nach dem Sinn des Lebens beschäftigten, ja plagten den jungen “Freigeist” - er litt, so seine Selbstdiagnose, an einer “philosophischen Erkältung”(3), von der er zeitlebens Heilung suchte  - auch beim Doktor Schopenhauer

In einem Brief schrieb er: “Der kalte Winterwind bläst den Regen durch die sausenden Bäume. Noch immer geh ich rauchend, den Schopenhauer in der einen, den Darwin in der anderen Tasche, den Strom entlang auf dem muthmaßlichen Wege an's Meer, wo vielleicht das Schiff liegt, welches, wie man sagt, nach den seeligen Inseln segelt. ´Die Heiligen sind schon dort`, sagt Schopenhauer. Da aber der Wille untheilbar ist, so hätten sie mich nothgedrungen mitnehmen müßen, und ich wäre schon ´dort, wo ich nicht bin`”.(4)

So hatte Wilhelm Busch Zweifel, ob diese “seeligen Inseln” überhaupt zu erreichen sind. Seine Zweifel blieben trotz aller Vertrautheit mit Arthur Schopenhauers Philosophie.(5) Wie sehr er sich in ihr auskannte, geht aus einem seiner anderen Briefe hervor:

Gewißheit giebt allein die Mathematik. Aber leider streift sie nur den Oberrock der Dinge. Wer je ein gründliches Erstaunen über die Welt empfunden, will mehr. Er philosophirt - und was er auch sagen mag - er glaubt. - In meinem elften Jahr verblüffte mich der Widerspruch zwischen der Allwißenheit Gottes und dem freien Willen des Menschen; mit 15 Jahren zweifelte ich am ganzen Katechismus. Seit ich Kant in die Hände kriegte, scheint mir die Idealität von Zeit und Raum ein unwiderstehliches Axiom. Ich sehe die Glieder der Kette in Eins: Kinder, Eltern, Völker, Thiere, Pflanzen und Steine. Und Alle seh ich sie von einer Kraft erfüllt. -

                         Sind Berge, Wellen, Lüfte nicht ein Stück
                         Von mir? etc.

Drum gefällt mir Byron so sehr. - Wie könnte uns auch das Zeug nur so bedeutungsvoll erscheinen, wenn alles nicht aus einer Wurzel wüchse? Die ist, was Schopenhauer den Willen nennt: Der allgegenwärtige Drang zum Leben; überall derselbe, der einzige; im Himmel und auf Erden; in Felsen, Waßer, Sternen, Schweinen, wie in unsrer Brust. Er schafft und füllt und drängt, was ist. Im Oberstübchen sitzt der Intellekt und schaut dem Treiben zu. Er sagt zum Willen: ´Alter! laß das sein! Es giebt Verdruß` Aber er hört nicht. Enttäuschung; kurze Lust und lange Sorge; Alter, Krankheit, Tod, sie machen ihn nicht mürbe; er macht so fort. Und treibt es ihn auch tausend Mal aus seiner Haut, er findet eine neue, die's büßen muß. - Und dieser Wille, das bin ich. Ich bin mein Vater, meine Mutter, ich bin Sie und Alles. Darum giebt es Mitleid, darum giebt's Gerechtigkeit.

Natur und Lehre sind verschieden, Natur ist stärker als die Lehre - sagen  Sie. Natürlich und gewiß! Der Wille ist der Starke, Böse, Wirkungsvolle, Erste; der Intellekt ist Nr. 2. - Nicht-wollen, Ruhe wär' das Beste. - Wie soll das kommen? - Da steckt's Mysterium.”(6)

Anmerkungen

(1) Brief von Wilhelm Busch an Maria Anderson vom 11.06.1875. Zitiert. aus:
      Über Arthur Schopenhauer. Hrsg. von Gerd Haffmans, 3. Aufl., Zürich 1981, S. 196.

(2) Wilhelm Busch in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt  von Joseph Kraus,
      Reinbek bei Hamburg 1970, S. 22.

(3) So nannte es Wilhelm Busch in einem Brief an Hermann Levi. Zitat aus:
      Wilhelm Busch in Selbstzeugnissen, a. a. O., S. 123.

(4) Brief von Wilhelm Busch an Hermann Leu vom 10.12.1880. Zitiert aus:
      Über Arthur Schopenhauer, a. a. O., S. 197.
     
      Das hier von Wilhelm Busch aufgeworfenen Problem ist nicht neu:
     “Auch Schopenhauers Anhänger, Frauenstädt, Becker, Adam von Doß, die beiden Zöglinge der
      Militärakademie zu Weißkirchen in Mähren. die noch kurz vor seinem Tode an ihn schrieben, sie
      alle fühlten sich durch die Frage bedrängt, wie es bei der Einheit und Unteilbarkeit des Willens
      möglich sei, daß die Selbstaufhebung eines einzigen individuellen Willens nicht zugleich die
      Aufhebung der Welt mit sich bringt. Müßte ein einziger Heiliger nicht imstande sein, die ganze
      Welt zu erlösen? In einem seiner letzten Briefe, an die beiden Weißkirchner, führt Schopenhauer
      diese Frage auf einen aus wahren Prämissen gezogenen falschen Schluß zurück. Er spricht von
      einer ´Amphibolie`[Zweideutigkeit] des Begriffs ´Wille`, der einmal als individuelle Erscheinung ,
      dann wieder in seiner Eigenschaft als Ding an sich gefaßt werde. In dieser Eigenschaft seien die
      Formen unseres Intellekts, Raum, Zeit und Kausalität, nicht mehr anwendbar. ´Wohl wurzelt die
      Individualität im Ding an sich, wie tief aber die Wurzeln gehen, ist eine Frage, die keiner Beant-
      wortung fähig ist.` ´Welche Fackel wir auch anzünden`, hatte er [Arthur Schopenhauer] schon in
      seinem Hauptwerk geschrieben, ´und welchen Raum sie erleuchten mag; stets wird unser
      Horizont von tiefer Nacht umgränzt bleiben.`” (Arthur Hübscher, Denker gegen den Strom:
      Schopenhauer: gestern - heute -morgen. 2. Aufl., Bonn 1982 S. 257).
 
(5) S. hierzu auch > Wilhelm Busch und Arthur Schopenhauer (Blogbeitrag).

(6) Brief von Wilhelm Busch an Maria Anderson vom 29.05.1875. Zitiert aus:
      Über Arthur Schopenhauer, a. a. O., S. 195.   

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