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Arthur Schopenhauer über die Welt als Vorstellung

Unsere Vorstellung - Unsere Welt im Kopf

Das Hauptwerk von Arthur Schopenhauer > Die Welt als Wille und Vorstellung enthält im Titel nicht nur den für Schopenhauers Philosophie, sondern auch den für jedes tiefere Verständnis  menschlichen Denkens und Handelns äußerst wichtigen Begriff Vorstellung .  Laut dem “Wörterbuch der philosophischen Begriffe“ ist Vorstellung “das im Bewußtsein auf Grund  von vorhergehenden Sinneswahrnehmungen und Empfindungen zustande kommende Bild eines Gegenstandes oder Vorgangs der Außenwelt”. Dieses könne “auch ohne Gegenwart des Vorgestellten  als mehr oder weniger vollständig reproduziertes  Wahrnehmungsbild oder durch eine subjektive Verbindung von Wahrnehmungsbestandteilen früherer Wahrnehmungen (Phantasievorstellungen) erzeugt werden”.(1)

Nach obiger Definition beruht Vorstellung auf Wahrnehmungen. Die Sinneswahrnehmungen werden jedoch nicht unverändert im Gehirn zu einem Bild zusammengefügt. Die Zahl an Eindrücken, die unsere Sinne in jeder Sekunde aufnehmen, ist derart groß, dass unser Gehirn überfordert wäre, würden sie nicht vorher gefiltert werden. Dabei werden vor allem jene Sinneseindrücke herausgefiltert und zur Verarbeitung weitergeleitet, die für die Lebensbewältigung besonders wichtig sind. Die so ausgewählten Informationen werden mit den dazu passenden gespeicherten  Gedächtnisinhalten verbunden. Dadurch entsteht im Kopf ein Bild, welches, wenn überhaupt, mit der Wirklichkeit  nur eine gewisse Ähnlichkeit hat. Dieses Bild, das somit nur in unserem Kopf als Vorstellung existiert, repräsentiert trotz seiner Unvollkommenheit für uns die Welt, was auch in der lateinischen Übersetzung des Begriffes Vorstellung, nämlich repraesentatio, zum Ausdruck kommt.(2)

Wie repräsentativ das Bild für das jeweils wahrgenommene Ding auch sein mag, es ist nicht das Ding selbst ( > Ding an sich ), sondern nur dessen Erscheinungsform. Diese Erscheinung ist für uns, die wir das Subjekt der Wahrnehmung sind, Objekt unserer Wahrnehmung. Arthur  Schopenhauer hat das in der für seine Philosophie fundamentalen Schrift > Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde dargelegt:

“ Unser erkennendes Bewußtsein als äußere und innere Sinnlichkeit ..., Verstand und Vernunft auftretend, zerfällt in Subjekt und Objekt, und enthält nichts außerdem. Objekt für das Subjekt seyn, und unsre Vorstellung seyn, ist das Selbe. Alle unsre Vorstellungen sind Objekte des Subjekts, und alle Objekte des Subjekts sind unsre Vorstellungen. Nun aber findet sich, daß unsre Vorstellungen unter einander in einer gesetzmäßigen ...Verbindung stehn, vermöge welcher nichts für sich Bestehendes und Unabhängiges, auch nichts Einzelnes und Abgerissenes, Objekt für uns werden kann.”(3) Somit bestehen alle Objekte ( unsere Vorstellungen ) nicht unabhängig von einander. Sie haben keine ”Selbsthaftigkeit”, sind alle unbeständig, weil sie sich laufend verändern.

Obige Aussagen haben keineswegs nur philosophisch-theoretische Bedeutung. Der von Arthur  Schopenhauer hoch verehrte Buddha erklärte das in einem Gleichnis:

“ Der Erhabene nahm ein Klümpchen Kuhmist in die Hand und sagte: Wenn es nur so wenig Selbsthaftigkeit gäbe, die unvergänglich , beständig, ewig, unveränderlich wäre und ewiglich so bliebe, so würde die Führung eines heiligen Wandels für die Vernichtung des Leidens nicht möglich sein. Weil es dies aber nicht gibt, ist die Führung eines heiligen Wandels möglich.(4)

Demnach ist die Vergänglichkeit aller Objekte bzw. (im Sinne Schopenhauers) der Vorstellungen, die wir von den Objekten haben, eine Voraussetzung für die Überwindung des Leides. Ja, letztlich müsste unser Kopf leer von allen Vorstellungen werden - eine Erkenntnis, die gerade im Zen hervorge- hoben wird.

Vor einiger Zeit erschien eine deutsche Übersetzung des Lankavatara-Sutra .(5) Das Sutra hatte als eines der wichtigsten Texte des  > Mahayana- Buddhismus, also jener buddhistischen Richtung, die der Philosophie von Arthur Schopenhauer besonders nahe steht, großen Einfluss auf die Entwicklung des > Zen.(6)  Seine deutsche Übersetzung trägt den Titel Die makellose Wahrheit erschauen. Jedoch, so ist zu fragen, wie ist eine solche Schau auf die “makellose Wahrheit” möglich, wenn unser Kopf von Vorstellungen angefüllt ist? Zen-Meister Sosan (um 600 u. Ztr.) erklärte:

Ihr braucht die Wahrheit nicht zu suchen,
           Wenn ihr nur keinen vorgefassten  
           Urteilen und Meinungen anhängt.
(7)

Urteile und Meinungen eines Menschen hängen zumeist von dessen Weltbild, also einer be- stimmten Vorstellung, die dieser von der Welt hat, ab. Das würde bedeuten, ist unser Kopf frei von irgendeiner Vorstellung, so haben wir die Wahrheit. Die Frage bleibt, wie erreicht man es, keine Vorstellung zu haben? Gibt es überhaupt einen Weg, der aus der Welt  als Vorstellung, die in unserem Kopf tief eingeprägt ist, hinausführt? Schopenhauers Antwort:

“Die Wahrheit ist, daß man auf dem Wege der Vorstellung, nie über die Vorstellung hinaus kann: sie ist ein geschlossenes Ganzes und hat in ihren eigenen Mitteln keinen Faden, der zu dem ... Wesen des > Dinges an sich führt. Wären wir bloß vorstellende Wesen, so wäre der Weg zum Dinge an sich uns gänzlich abgeschlossen. Nur die andere Seite unseres eigenen Wesens kann uns Aufschluß geben über die andere Seite des Wesens der Dinge. Diesen Weg habe ich eingeschlagen.”(8)

Die Erkenntnisse auf diesem Weg wurden zu seiner Philosophie. In ihr zeigte Arthur Schopenhauer , dass in uns Möglichkeiten sind, die Wahrheit jenseits aller Vorstellungen zu erkennen, denn  “die Vorstellung ... ist nur die äußere Seite des Daseyns,  ein Sekundäres”(9). Im Mahayana- Buddhismus ist es die “wahre unveränderliche und ewige Natur aller Wesen”, die Buddha-Natur , die es ihnen ermöglicht, letztlich zur Erleuchtung zu gelangen.(10) Wir sind also nicht bloß vorstellende, sondern auch spirituell erkenntnisfähige Wesen. Das ist durchaus eine  ermutigende Botschaft, die uns der “Buddhaist” Arthur Schopenhauer vermittelt.  
                                                                                                                                                     
Anmerkungen
(1)   Wörterbuch der philosophischen Begriffe, hrsg. v. Johannes Hoffmeister, 2. Aufl., (Philosophische Bibliothek
        Bd. 225), Hamburg 1955, S. 655.
(2)   Dementsprechend heißt der Titel von Schopenhauers Hauptwerk in der heute wohl maßgebenden englischen
        Übersetzung: The World as Will and Representation. Translation in two volumes by  E. F. J. Payne;
        first published by The Falcon´s Wing Press, Colorado, in 1958; republished by  Dover Publications,
        New York, 1966.
(3)   Arthur Schopenhauer, G 27.
(4)   Pfad zur Erleuchtung, Buddhistische Grundtexte, übers. u. hrsg. v. Helmuth von Glasenapp,
        Düsseldorf / Köln 1974, S. 77.
(5)   Die makellose Wahrheit erschauen. Das Lankavatara-Sutra. Aus dem Sanskrit von Karl-Heinz Golzio.
        2. Aufl., Bern, München, Wien 2003.
(6)   Ein Beispiel, wie nahe gerade beim vorliegenden Thema das Sutra der Philosophie Schopenhauers kommt,
        ist folgender Vers (74, a. a .O., S. 190): “Wie ein Bild, das man im Spiegel sieht, das aber nicht real ist,
        so wird der Geist von den Törichten in dualistischer Form (d. h. getrennt in Subjekt und Objekt) im Spiegel
        der Eindrücke gesehen.”   
(7)   Shinjinmei, Der Ursprungstext des Zen ,  übertr. u. komment. von Taisen Deshimaru Roshi,
        Berlin 1978, S. 58 (V. 20).
(8)   Arthur Schopenhauer, W I 596.
(9)   Arthur Schopenhauer, P II 101.
        Primär ist laut Schopenhauers Philosophie der (metaphysische) > Wille , der sich in allen Erscheinungen
        dieser Welt und somit auch als Vorstellung in unserem Kopf manifestiert. 
(10) Lexikon der östlichen Weisheitslehren, Bern, München, Wien 1986, S. 54. Dazu Weiteres (S. 61):
        Im Zen wird für Buddha-Natur bzw. Buddha-Wesen oft das jap. Wort “Bussho” verwendet. “Nach der
        Lehre des Zen ... ist ... jedes Lebewesen Buddha-Wesen, ohne dessen im allgemeinen gewahr zu sein ...
        Dieses Erwachen und ein Leben und Sterben, das von Augenblick zu Augenblick spontaner Ausdruck der
        eigenen Identität mit dem Buddha-Wesen ist, ist das Ziel des Zen .“  Dieses Ziel erinnert an das, was nach
        der Lehre der > Upanishaden angestrebt wird, nämlich die Erkenntnis der Identität von Atman ( “Einzelseele”)
        und Brahman ( “Weltseele”), wie sie im > Tat-twam-asi  zum Ausdruck kommt. Stets geht es dabei um das
        Durchschauen des > principium individuationis, also um das Überwinden der > Individuation. Auch das ist
        ein weiteres Beispiel für die Nähe der östlichen Weisheitslehren zum Kern der Philosophie Schopenhauers.
        
                                                                                                                                                                                       
hb

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