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Upanishaden-OM-685

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Upanishaden : Gleichnisse

Gleichnisse , meinte Arthur Schopenhauer , sind von großem Wert; sofern sie ein unbekanntes Verhältnis auf ein bekanntes zurückführen.(1) Sie seien, wie er hervorhob, ein “mächtiger Hebel für die Erkenntnis”.(2) Das gilt besonders für die altindischen Upanishaden, die viele Gleichnisse enthalten, mit denen sie schwierige philosophische Aussagen anschaulich und dadurch verständlich darstellen.

“So schlichten Bildern”, wie sie in den Gleichnissen der Upanishaden erscheinen, “fehlt es doch nicht an Eindringlichkeit und auch nicht an Weihe”,  stellte Hermann Oldenberg in seinem grundlegenden Werk Die Lehre der Upanishaden und die Anfänge des frühen Buddhismus fest.(3) In diesem Zusammenhang fragte er: “Können Verhältnisse und Vorgänge der geistigen Welt, des geistigen Lebens dem Verstehen und Empfinden wirksamer nah gebracht werden als durch die Gleichnisse, an die hier kurz erinnert werden möge?  Vom Einssein aller Dinge im Brahman das Gleichnis von den Strömen, die gen Morgen oder gen Abend fließen und alle zu lauter Ozean werden?  Vom Darinnensein des Einen in aller Vielheit jenes Gleichnis von dem im Wasser aufgelösten Salz, das sich nicht herausschöpfen lässt und durch das doch jeder Tropfen salzig ist.”(4)

Letzteres Beispiel ist ein Gleichnis aus der Chandogya-Upanishad zum Tat-twam-asi (s. > dort). Andere Gleichnisse beziehen sich etwa auf die in den älteren Upanishaden vertretene Ansicht, wonach sich aus einer ursprünglichen Einheit die Vielheit entfaltet hat und die dann schließlich wieder in die Einheit zurückkehrt.(5) So heißt es in den Upanishaden:

“Wie wenn eine Spinne durch ihren Faden (aus sich) herausträte - wie kleine Funken aus einem Feuer heraustreten -, so treten aus diesem Selbst [Brahman] alle Lebenskräfte (d. h. Atem, Gesicht, Gehör, Geschmack, Gefühl, Sprache, Verstand) heraus, alle Welten, alle himmlischen, alle irdischen Wesen alle ´Selbste` (Einzelindividualitäten) ...”(6)

“ Wie [...] Bienen Honig herstellen: Nachdem sie die Säfte (von den Blüten) verschiedenartiger Bäume gesammelt haben, lassen sie den (Blüten-) Saft zu einer Einheit werden -

wie dann die Säfte nicht unterscheiden können: ´Ich bin der Saft von jenem Baum` und ich bin der Saft , von jenem Baum`,

ebenso [...] wissen ja alle diese Geschöpfe, wenn sie (beim Tod) in das Seiende [Brahman] eingehen, nicht: ´Wir gehen in das Seiende ein.`  

Als was immer sie hier (in dieser irdischen Welt) erscheinen: als Tiger oder Löwe, oder Wolf , oder Eber, oder Wurm oder Vogel, oder Wanze, oder Moskito - sie werden zu diesem  (d. h. dem ´Seienden`).”(7)

“ Diese Flüsse [...] fließen immer weiter nach Osten, immer weiter nach Westen. Dann gehen sie immer tiefer in den Ozean. Sie werden schlechthin Ozean.

Wie sie dann nicht wissen: ´Ich bin dieser (Fluß)` und ´Ich bin jener(Fluß)`, ebenso [...] wissen ja alle Geschöpfe, wenn sie [beim Tod] zum Seienden gelangen, nicht: ´Wir gelangen zum Seienden.`”(8)

Zu einigen Gleichnissen aus den Upanishaden, die “das Hervorgehen allen Daseins und allen Wissens aus der Wesenstiefe des All-Einen beschreiben”, meinte Oldenberg, dass ihre Darstellung zuerst “in archaischer Steifheit dasselbe Motiv kaum” variieren und erst danach zu Neuem fortschreiten würde.(9) Hierdurch mögen manche Gleichnisse in den Upanishaden etwas eintönig erscheinen, doch gegen Ende seiner Betrachtung wies Oldenberg darauf hin: “Diese Gleichnisse beanspruchen nicht poetisch zu sein, sondern nur das Verborgene, Geistige durch Naheliegendes und Natürliches zu verdeutlichen. Aber ungesucht weht hier oft doch auch ein  Hauch  der Poesie hinein, [...] wenn von hüben diese Bilder aus Natur und Menschenleben auf die Geheimnisse des Jenseits hinzeigen, und wenn von drüben das Unerfassbare sich herabneigt, um das Gewand des Sichtbaren anlegend selbst sichtbar zu werden.” (10)

So können - wie es bei Arthur Schopenhauer der Fall war - auch für den heutigen Wahrheitssucher die Gleichnisse in den altindischen Upanishaden eine Schatzkammer tiefgründiger Wahrheiten sein.

 

Anmerkungen

(1)  Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden, Band X, Parerga und Paralipomena II, § 289, Zürich 1977, S. 599.

(2)   Arthur Schopenhauer , a. a. O., S. 600.

(3)   Hermann Oldenberg, Die Lehre der Upanishaden und die Anfänge des frühen Buddhismus, 2. Auflage, Göttingen 1923, S. 160.

(4)  Ebd.

(5)  Vgl. hierzu  und dem Folgenden: Upanischaden, aus dem Sanskrit übertragen und erläutert von Paul Thieme, Stuttgart 1979, S. 87. Thieme wies dort darauf hin, “daß die für die Philosophie Shankaras [dem wohl bedeutendsten Philosoph des monistischen Vedanta-Hinduismus] so wichtige Lehre, daß die sogenannte Wirklichkeit der Welt, die uns umgibt, in Wahrheit nur ein Schein, eine Illusion (maya) sei, in den älteren Upanischaden keine Bestätigung findet. Hier stehen sich vielmehr ursprüngliche Einheit, zu der, gegebenenfalls, nach dem Tode eine Rückkehr stattfindet.”

Eine ähnliche Auffassung wie Thieme vertrat Oldenberg in seinem o. a. Buch (S. 80 f.) unter der Überschrift “Die älteren Upanishaden” / “Leugnung der Vielheit?”, Oldenberg verwies hierzu auf Gleichnisse in den älteren Upanishaden, die kaum im Sinne von “Trugbild der Maya”, sondern eher als in dem von “Wirklichkeit der Vielheitswelt” zu deuten sind. Auch Helmuth von Glasenapp und Alfred Hillebrandt äußerten sich in gleichem Sinne (in: Upanishaden , Die Geheimlehre der Inder, Köln 1983, S. 9 und 16).

Insofern findet der extreme Idealismus der Philosophie Schopenhauers, wonach die Vielheit lediglich eine durch das principium individuationis bedingte Vorstellung sei, in den älteren Upanishaden keine Unterstützung.

(6)   Brihadaranyaka-Upanishad 2.1.23, zit. nach Thieme. a. a. O., S 27.

(7)   Chandogya-Upanishad 6.9.1-3, zit. n. Thieme, a. a. O., S. 51.

(8)   Chandogya-Upanishad 6.10.1-2, zit. n. Thieme, a. a. O., S. 51.

(9)   Hermann Oldenberg, a. a. O., S. 158.

(10) Hermann Oldenberg, a. a. O., S. 160 f.

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