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Arthur Schopenhauer : Tod und Leben

Arthur Schopenhauer

... Ich wage zu behaupten, daß die schopenhauersche Wahrheit, daß ihre Annehmbarkeit in der letzten Stunde standzuhalten, und zwar mühelos, ohne Denkanstrengung, ohne Worte standzuhalten geeignet ist ... “Wer sich für das Leben interessiert”, habe ich im “Zauberberg” gesagt, “der interessiert sich namentlich für den Tod”. Das ist die Spur Schopenhauers, tief eingedrückt, haltbar für das ganze Leben.
                                                                Thomas Mann über Arthur Schopenhauer *

 Gerade weil Arthur Schopenhauer Lebensphilosoph war, nimmt in seiner Philosophie  die andere Seite des Lebens, der Tod, breiten Raum ein. Jeder weiß: Dem Leben folgt der Tod! Daher scheint auf den ersten Blick die Reihenfolge im Thema dieses Beitrags Tod und Leben nicht zutreffend zu sein. Jedoch ist sie durchaus begründet, denn Schopenhauers Philosophie enthält  die Erkenntnis, dass auch das Umgekehrte gelten, also auf den Tod das Leben folgen kann:

In Schopenhauers Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung gibt es dazu die fundamentale Aussage: Dem Willen zum Leben ist das Leben gewiß. (W I 331) In diesem Willen zum Leben, der in allem Lebendigen ist, manifestiert sich das Metaphysische. Schopenhauer nannte es schlicht Wille , der hier aber nur im metaphysischen Sinne zu verstehen ist und nicht mit seiner Manifestation, dem individuellen Willen, verwechselt werden darf. Alles, was wir in der Welt wahrnehmen, ist laut Schopenhauer lediglich  eine Erscheinungsform des metaphysischen Willens. Der Tod beendet nur das Physische, die Erscheinungsform dieses Willens. Der Wille selbst, den Schopenhauer mit  Kants Ding an sich gleichsetzte, bleibt hiervon unberührt. Daher bedeutete für Schopenhauer der Tod nicht das absolute Ende:

Wie kann man nur beim Anblick des Todes eines Menschen vermeinen, hier werde ein Ding an sich selbst zu nichts? Daß vielmehr nur eine Erscheinung in der Zeit ... ihr Ende finde, ohne daß das Ding an sich selbst dadurch angefochten werde, ist eine unmittelbare, intuitive Erkenntnis jedes Menschen ... Jeder fühlt, daß er etwas anderes ist als ein von einem andern einst aus Nichts geschaffenes Wesen. Daraus entsteht ihm die Zuversicht, daß der Tod wohl seinem Leben, jedoch nicht seinem Dasein ein Ende machen kann. Der Mensch ist etwas anderes als ein belebtes Nichts: und das Tier auch.  Wer da meinet, sein Dasein sei auf sein jetziges Leben beschränkt, hält sich für ein belebtes Nichts: denn vor dreißig Jahren war er nichts und über dreißig Jahre wird er wieder nichts. (P II 287) 

Wie durch den Eintritt der Nacht die Welt verschwindet, dabei jedoch keinen Augenblick zu sein aufhört: ebenso scheinbar vergeht Mensch und Tier durch den Tod, und ebenso ungestört besteht dabei ihr wahres Wesen fort ... Dies ist die zeitliche Unsterblichkeit. Infolge derselben ist, trotz Jahrtausenden des Todes und der Verwesung, noch nichts verloren gegangen ... Demnach können wir jeden Augenblick wohlgemut ausrufen: “Trotz Zeit, Tod und Verwesung sind wir noch alle beisammen.” (W II 548)

Der Zustand ..., in welchen uns der Tod zurückversetzt, ist unser ursprünglicher, d. h. ist der  selbsteigene Zustand des Wesens, dessen Urkraft in der Hervorbringung und Unterhaltung des jetzt aufhörenden Lebens sich darstellt. Es ist nämlich der Zustand des Dinges an sich, im Gegensatz der Erscheinung. (P II 290)

Wer stirbt geht dahin, wo alles Leben herkommt; auch das seine.

Arthur Schopenhauer : Tod

  Ausschnitt aus: Arthur Schopenhauer ,  Manuskriptbuch Spicilegia, um 1850, S. 420.

Besonders die zuletzt zitierten Aussagen  finden sich ähnlich, wenngleich mit anderen Worten, auch in den von Schopenhauer hoch geschätzten altindischen Upanishaden . Doch im Gegensatz zu manchen ziemlich farblosen und wenig ansprechenden Übersetzungen hatte Arthur  Schopenhauer  seine tiefen spirituellen Erkenntnisse sehr klar, eindringlich und mit hoher Sprachkunst formuliert, wofür die folgenden Schopenhauer - Zitate überzeugende Beispiele sein mögen:

Wie bekanntlich unser Gehen nur ein stets gehemmtes Fallen ist, [ist] das Leben unsers Leibes  nur ein fortdauernd gehemmtes Sterben, ein immer aufgeschobener Tod ...  Jeder Atemzug wehrt den beständig eindringenden Tod ab, mit welchem wir in jeder Sekunde kämpfen.  ... Zuletzt muß er siegen: denn wir sind ihm durch Geburt anheimgefallen, und er spielt nur eine Weile mit seiner Beute, bevor er sie verschlingt ... (W I 367)

Das Leben selbst ist ein Meer voller Klippen und Strudel, die der Mensch mit der größten Behutsamkeit und Sorgfalt vermeidet, obwohl er weiß, daß, wenn es ihm auch gelingt, mit aller Anstrengung und Kunst sich durchzuwinden, er eben dadurch mit jedem Schritt dem größten, dem totalen, dem unvermeidlichen und unheilbaren Schiffbruch näher kommt, ja gerade auf ihn zusteuert, dem Tode: dieser ist das endliche Ziel der mühseligen Fahrt und für ihn schlimmer als alle Klippen, denen er auswich. (W I 369)

Wenn, was uns den Tod so schrecklich erscheinen läßt, der Gedanke des Nichtseins wäre, so müßten wir mit dem gleichen Schauder der Zeit gedenken, da wir noch nicht waren. Denn es ist unumstößlich gewiß, daß das Nichtsein nach dem Tode nicht verschieden sein kann von dem vor der Geburt, folglich auch nicht beklagenswerter. (W II 532 f.)

Wenn ... das beängstigte Herz sein altes Klagelied anstimmt: “Ich sehe alle Wesen durch die Geburt aus dem Nichts entstehen und diesem nach kurzer Frist wieder anheimfallen: auch mein Dasein, jetzt in der Gegenwart, wird bald in ferner Vergangenheit liegen, und ich werde Nichts sein!” - so ist die richtige Antwort: “Bist du nicht da? Hast du sie nicht inne, die kostbare Gegenwart, nach der ihr Kinder der Zeit alle so gierig trachtet, jetzt inne, wirklich inne? Und verstehst du, wie du zu ihr gelangt bist? Kennst du die Wege, die dich zu ihr geführt haben, daß du einsehen könntest, sie würden dir durch den Tod versperrt? Ein Dasein deines Selbst, nach Zerstörung deines Leibes, ist dir seiner Möglichkeit nach unbegreiflich: aber kann es dir unbegreiflicher sein, als dir dein jetziges Dasein ist, und wie du dazu gelangtest? Warum solltest du zweifeln, daß die geheimen Wege, die dir zu dieser Gegenwart offenstanden, dir nicht auch zu jeder zukünftigen offen stehen werden?” (W II 560 f.)

Klopfte man an die Gräber und fragte die Toten, ob sie wieder aufstehn wollten; sie würden mit den Köpfen schütteln. (W II 531)

So überzeugend wie kaum ein anderer Philosoph beschrieb Arthur Schopenhauer das Leben mit all seinem Leid. Dabei sei das Höchste, was der Mensch erlangen kann, ein heroischer Lebenslauf. (P II 346) Jedoch zu dem, was er danach, also vom Tod, erwartete, äußerte sich  Schopenhauer voller Hoffnung:

Wir schaudern vor dem Tode vielleicht hauptsächlich, weil er dasteht als die Finsternis, aus der wir einst hervorgetreten und in die wir nun zurück sollen. Aber ich glaube, daß, wann der Tod unsere Augen schließt, wir in einem Licht stehn, von welchem unser Sonnenlicht nur der Schatten ist. (HNH III 523)
 

* Anmerkung
         Thomas Mann, Schopenhauer, Vorwort für eine Schopenhauer- Auswahl,
          zit. aus:  Über Arthur Schopenhauer , hrsg. v. Gerd Haffmans, 3. Aufl.,
          Zürich 1981, S. 112 f.
          Näheres zu Thomas Mann und Arthur Schopenhauer > dort

           > Arthur Schopenhauer : Unser wahres Selbst , der Kern unseres Wesens

Aktualisiert : 20.06.2017

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