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Arthur Schopenhauer , 1859

Arthur Schopenhauer , 1859

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Arthur Schopenhauer: Trostworte angesichts des Todes

Redaktion

In seiner aufschlussreichen Autobiografie Leben mit Schopenhauer (1) berichtete Arthur Hübscher, der  sich als Autor und langjähriger Präsident der Schopenhauer-Gesellschaft um die Verbreitung der Philosophie Schopenhauers große Verdienste erworben hatte, über seine erste Bekanntschaft mit Schopenhauers Werken. Eindrucksvoll schilderte dort Hübscher aus eigener Erfahrung, was Schopenhauer im Leben eines Menschen bedeuten und wie sehr Arthur Schopenhauer zu einem wahren Lebensbegleiter werden kann.

Nachdenklich stimmt auch, was Hübscher im Zusammenhang mit dem Tode seines Vaters zu erzählen weiß,  wobei die Parallele zum Tod des alten Buddenbrooks in Thomas Manns gleichnamigen Roman augenfällig ist.  Ist das noch Zufall? Der Leser mag die Antwort hierauf im Kapitel Ueber die anscheinende Absichtlichkeit im Schicksale des Einzelnen von Schopenhauers Parerga und Paralipomena  suchen. Wie dem auch sei, für viele, die zu Schopenhauer kamen, war es eine schicksalhafte Begegnung, und nicht wenige von ihnen wurden zeitlebens Schopenhauerianer.

Aber auch derjenige, der noch nicht zum überzeugten Anhänger Schopenhauers geworden ist, kann bei diesem  Philosophen manches Wort des Trostes finden, ja mehr noch: in Schopenhauers Philosophie ist eine Wahrheit, die, so Thomas Mann, “in der letzten Stunde standzuhalten geeignet ist”.(2) Die oben genannte Autobiografie Arthur Hübschers, aus der im folgenden zitiert wird, enthält ein Trostwort Schopenhauers, das den Autor oft begleitet hat, und zwar selbst dann, wenn, wie es oft geschehen ist, ihm der Tod begegnete:

“Mein Vater hat mir Schopenhauers Vornamen gegeben - ob er wohl ahnte, daß ich diese Namengebung später einmal rechtfertigen würde? Er hat mich, von Kindheit an, in seiner Lebenswelt Umschau halten lassen, und doch hat er mir niemals irgendwelchen Glaubenslehren oder Dogmen zugedrängt. Ich wählte manches und hielt manches von mir fern. Keine aufdringlich erzieherische Absicht lenkte meinen Weg, keine sanften Worte der Überredung, kein ernster, feierlicher Zwang und kein vorwurfsvoller Tadel, wenn ich anders als er dachte. Nach den stärksten, überzeugendsten Motiven konnte ich mir immer wieder das meinen Neigungen und Hoffnungen Gemäße zueignen, - so habe ich mit der Austreibung anerzogener Vorurteile, Flausen und Grillen später keine Zeit verlieren müssen.

Auch Schopenhauer stand gleichsam nur zur Wahl. Sein Werk und sein Wesen kamen nicht in steter absichtsvoller Wiederholung seines Namens auf mich zu. Zwanglos und wie von ungefähr prägte sich schon in früher Kindheit mancher meinem Verständnis zugängliche Gedanke, manches Wort aus dem Umkreis der ´Welt als Wille und Vorstellung` und der ´Parerga und Paralipomena` dem Gedächtnis ein und ging nicht wie so vieles seither verloren. Ich ahnte und ich fühlte im Laufe der Jahre mehr und mehr, daß in diesen Worten etwas anderes zu Tage trat als ein nutzlos weltfernes Begriffs- gebäude, etwas anderes auch als einer der seit Jahrhunderten, Jahrtausenden gängigen Versuche, das Trübe und Dunkle unseres Daseins, Gefahr und Verhängnis, wegzuleugnen oder zu beschönigen, ich fühlte, daß die Gedanken, die ich, zögernd manchmal und doch immer mehr von ihrer inneren Wahrheit überwältigt, in mich aufnahm, in einer ungeahnten Nähe zur Wirklichkeit ge- wachsen waren, daß sie Rätsel lösten, die bisher ungelöst geblieben waren, und mehr: daß sie Halt und Trost bieten konnten in den schweren Tagen, die unabweisbar kommen würden. Schopenhauer wurde der treue Begleiter meines Weges. Er hat mich von Kindheit an mit seiner steten Teilnahme begleitet, er steht in vielen Erinnerungen an schwierige, entscheidende Augenblicke meines Lebens als nie versagender Beobachter, Berater und Freund vor mir.

Auch meiner ersten Begegnung mit dem Tode konnte er das rechte Maß geben. In den gleichmäßig stillen Ablauf meiner Kindheit war manchmal ein dunkler Schatten wie aus einer anderen, fremden Welt gefallen. Im Kreise der Verwandten und Bekannten hatte sich ein Todesfall ereignet, vielleicht war eine lange Krankheit vorausgegangen, vielleicht blieben Angehörige in be- drückten Umständen zurück. Ereignisse dieser Art gab man mir immer nur in einer schonenden Version bekannt. Ich nahm es willig hin: Der Tod ging die Erwachsenen an, sie waren es, die starben, nicht die Kinder, so glaubte ich, sie waren es, die sich damit abzufinden hatten. Und so sollte es noch lange bleiben, bis in das erste Kriegsjahr, da der Tod mir plötzlich als der Musaget [Musenfreund] der Philosophie entgegentrat. Es geschah, als mein Vater gestorben war und ich auf seinem Nachttisch den zweiten Band der „Welt als Wille und Vorstellung“ liegen sah. Ein Lesezeichen wies darauf hin, wo er eingehalten hatte, mitten in dem Kapitel ´Über den Tod und sein Verhältniß zur Unzerstörbarkeit unsers Lebens an sich`. Ich wollte wissen, was ihm dieses Kapitel in seinen letzten Tagen gesagt hatte, ich las und las, und dieses Lesen, das verwirrte, aus dumpfem Schmerz gelöste Fragen nach einem mir noch verborgenen Sinn ging eine unlösbare Bindung mit dem Gelesenen ein.

Noch heute sehe ich manches Buch im Licht der Umwelt, in der es mir zum erstenmal begegnete: ´Gullivers Reisen und den ´Lederstrumpf ` in der Verzauberung des Christbaums, Stifters ´Waldsteig` in dem Glanz und Duft, den die Lesung in die verbrauchte Luft der unregelmäßigen griechischen Verben hineintrug, die ´Buddenbrooks` viel später während eines Heimat- urlaubs im Sommer 1918 - das Haus des Senators Mann stand in unserer nächsten Nachbarschaft, und die Lübecker wußten vieles von den Urbildern der Gestalten des Romans zu erzählen; ich glaubte den Senator Buddenbrook vor mir zu sehen, wie er Schopenhauer liest, das Kapitel von der Unzerstörbarkeit unsers wahren Wesens durch den Tod, und wie er von diesem Kapitel her die feierlich beseligende Berechtigung empfängt, zu leiden, mit der Welt zu leiden. Mir hatte das Kapitel - ich war schon sicherer geworden - mehr und anderes gesagt, damals als ich in der öden Verlassenheit unseres Trauerhauses es mir zu eigen machte. Ich fühlte, in meiner dumpfen Rat- und Hilflosigkeit, aus allem, was ich las, doch eine stille Gelassenheit mir zuwachsen, die das Geschick des Vaters und das meine in sich band; und ich glaubte sie in dem später erst ganz begriffenen Trostwort ausgesprochen, das so geheimnisvoll und doch so seltsam bezwingend lautet: ´Trotz Zeit, Tod und Verwesung sind wir noch alle beisammen.` Dieses Trostwort hat mich später noch oft begleitet, wenn ich dem Tod begegnete - wie oft ist es geschehen!”(3)
 

Anmerkungen
(1) Arthur Hübscher ,   Leben mit Schopenhauer, Frankfurt a . M.: Waldemar Kramer 1966.
(2) Weiteres hierzu s. > dort.
(3) Arthur Hübscher, , a. a. O., S. 28 ff.
Das von Hübscher zitierte Trostwort Trotz Zeit, Tod und Verwesung sind wir noch Alle beisammen ist aus Arthur Schopenhauers Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung,  Band II, Viertes Buch, Kapitel 41: Ueber den Tod und sein Verhältniß zur Unzerstörbarkeit unsers Wesens an sich (Zürcher Ausgabe, Arthur Schopenhauer, Werke in zehn Bänden, Band IV, Zürich: Diogenes 1977, S. 562). Dort und auch an anderen Stellen seiner Werke, wie z. B. in Parerga und Paralipomena, Band II, Kapitel 10: Zur Lehre von der Unzerstörbarkeit unsers wahren Wesens durch den Tod (Zürcher Ausgabe, a. a. O., Band IX, S. 299 f.),  begründete Schopenhauer ausführlich seine Aussagen zum Tod, die eine zentrale Stellung innerhalb seiner Philosophie einnehmen. Es handelt sich also hier nicht um bloß oberflächliche Worte des Trostes, sondern hinter ihnen stehen sehr tiefe Erkenntnisse, die für den schnellen Leser vielleicht nicht  immer sofort voll einsichtig sind. Im übrigen sei zu diesem Thema auf weitere Schopenhauer-Zitate, die durchaus auch Worte des Trostes angesichts des Todes sein können, hingewiesen ( s. > dort).

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