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Arthur Schopenhauer über die Seele

Aus: Schopenhauer-Lexikon.
Ein philosophisches Wörterbuch,
nach Arthur Schopenhauers sämmtlichen Schriften und handschriftlichem Nachlaß
bearbeitet von Julius Frauenstädt. Band 2, Leipzig 1871, S. 315 ff. (Stichwort: Seele)

“Der rationalen Psychologie zufolge ist der Mensch aus zwei völlig heterogenen Substanzen zusammengesetzt, aus dem materiellen Leibe und der immateriellen Seele. Die Seele ist ihr zufolge ein ursprünglich und wesentlich erkennendes und erst in Folge davon auch ein wollendes Wesen. (E. 152).”

Der uralte und ausnahmslose Grundirrtum, dass das Ich oder dessen transzendente Hypostase [Verdinglichung], genannt Seele, zunächst und wesentlich erkennend, ja denkend, und erst in Folge hiervon, sekundärer und abgeleiteter Weise, wollend sei, [...] ist aus der Philosophie, um zur wahren Ansicht zu gelangen, vor allen Dingen zu beseitigen.[...]”

“Die [...] sehr unbequeme Folge jenes Grundirrtums ist für die noch in ihm befangenen Philosophen diese: da im Tode das erkennende Bewusstsein augenfällig untergeht; so müssen sie entweder den Tod als Vernichtung des Menschen gelten lassen, wogegen unser Inneres sich auflehnt, oder sie müssen zu der Annahme einer Fortdauer des erkennenden Bewusstseins greifen, zu welcher ein starker Glaube gehört, da Jedem seine eigene Erfahrung die durchgängige und gänzliche Abhängigkeit des erkennenden Bewusstseins vom Gehirn sattsam bewiesen hat. Aus diesem Dilemma führt allein die das eigentliche Wesen des Menschen nicht in das Bewusstsein, sondern in den Willen setzende Philosophie. (W. II, 222 fg.)

“Die (dem Schopenhauerschen System eigentümliche) Zersetzung des so lange unteilbar gewesenen Ichs oder Seele in zwei heterogene Bestandteile (Intellekt und Wille) ist für die Philosophie Das, was die Zersetzung des Wassers für die Chemie gewesen ist. Das Ewige und Unzerstörbare im Menschen, welches daher auch das Lebensprinzip in ihm ausmacht, ist diesem System zufolge nicht die Seele, sondern, um es mit einem chemischen Ausdruck zu bezeichnen, das Radikal [Grundelement] der Seele, der Wille. Die so genannte Seele ist schon zusammengesetzt, sie ist die Verbindung des Willens mit dem [...] Intellekt. Dieser ist das Sekundäre, das posterius [Spätere] des Organismus, der Wille hingegen das Primäre, das prius [Frühere] desselben. (N. 20.)”

“Das auffallende Phänomen, dass alle Philosophen (vor Schopenhauer) im Punkte der Seele geirrt, ja, die Wahrheit auf den Kopf gestellt haben, möchte, zumal bei denen der christlichen Jahrhunderte, zum Teil daraus zu erklären sein, dass sie sämtlich die Absicht hatten, den Menschen als vom Tiere möglichst weit verschieden darzustellen, dabei jedoch dunkel fühlten, dass die Verschiedenheit Beider im Intellekt liegt, nicht im Willen; woraus ihnen unbewusst die Neigung hervorging, den Intellekt zum Wesentlichen und zur Hauptsache zu machen, ja, das Wollen als eine bloße Funktion des Intellekts darzustellen. (W. II, 223.)”

 

Anmerkung der Redaktion

Nicht die Seele als solche, sondern ihr Grundelement, der Wille, war für Arthur Schopenhauer das Ewige und Unzerstörbare im Menschen. Das gilt für alle Wesen, also Tiere eingeschlossen, wie sich auch aus dem letzten der obigen Zitate zum Begriff Seele ergibt. Dort brachte er - wie schon an anderen Stellen seiner Schriften - zum Ausdruck, dass der Wille und nicht der Intellekt das Wesentliche sei. Durchaus folgerichtig und sehr eindrucksvoll bekräftigte er diese Erkenntnis in seiner Preisschrift über die Grundlage der Moral (E., 240):

“Man muss wahrlich an allen Sinnen blind  [...] sein, um nicht zu erkennen, dass das Wesentliche  und Hauptsächliche im Tiere und im Menschen das Selbe ist und dass was Beide unterscheidet, nicht im Primären, im Prinzip, im Archäus [in der Urkraft], im innern Wesen, im Kern beider Erscheinungen liegt, als welcher in der einen wie in der andern der Wille des Individuums ist, sondern allein im Sekundären, im Intellekt, im Grad der Erkenntniskraft [...].”

Somit widersprach Arthur Schopenhauer entschieden der vor allem in den “christlichen Jahrhunderten” von den Philosophen und Kirchen vorge- brachten Behauptung, nur der Mensch, nicht aber die Tiere hätten eine Seele.

Im übrigen war Schopenhauer der Meinung, die er in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung  (W. II, 398) auch begründete, dass der Begriff Seele “nicht zu rechtfertigen, also nicht zu gebrauchen” sei und deshalb “nie anders als in tropischer [übertragener] Bedeutung angewendet werden” sollte.

Das bedeutet jedoch keineswegs Seelenlosigkeit im Sinne des von  Schopenhauer abgelehnten Materialismus oder bloßen Rationalismus, denn mit ihrem metaphysischen Kern ist seine Philosophie - worauf das Wörterbuch der Religionen hinweist - eine “zutiefst religiös-ethische Erlösungslehre”.*  Jedenfalls lässt sich in dieser Hinsicht die Philosophie Schopenhauers durchaus mit dem Buddhismus vergleichen, zumal Arthur Schopenhauer in seinem oben genannten Hauptwerk erklärte: “Wollte ich die Resultate meiner Philosophie zum Maßstabe der Wahrheit nehmen, so müßte ich dem Buddhaismus den Vorzug vor den anderen [Religionen] zugestehen.” (W.II, 186)

* Wörterbuch der Religionen , 3. Aufl., Stuttgart : Kröner, 1976, S. 527, Stichwort: Schopenhauer.

> Der Buddhismus - eine Religion ohne Seele?

> Arthur Schopenhauer : Wer bin ich?

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