Übersicht / Links

Sach-Register

Studienkreis

Redaktion

Arthur Schopenhauer

als philosophischer Schriftsteller

Arthur Schopenhauer

Man brauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge.
Arthur Schopenhauer, Parerga und Paralipomena II, Ueber Schriftstellerei und Stil.

Selbst scharfe Kritiker seiner Philosophie müssen zugestehen, dass Arthur Schopenhauer einer der hervorragendsten Schriftsteller deutscher Sprache gewesen war. Seine Qualitäten als Schriftsteller sind es - wie Dieter Birnbacher in seiner Darstellung der Philosophie Schopenhauers zu Recht feststellte - “die es so schwierig machen, über ihn zu schreiben, ohne ihn, der fast alles besser gesagt hat, im Wortlaut zu zitieren ...”(1) Ähnlich lobende Äußerungen zu Schopenhauers Begabung als Schriftsteller lassen sich in vielen philosophie- und literaturgeschichtlichen Abhandlungen finden. Ein Beispiel hierzu sei das folgende Zitat aus Heinrich Hasses Buch über Leben und Werk Schopenhauers (2):

“Die Darstellungsart Schopenhauers ist in höchstem Grade allem dürren Schulzwange abgewandt. Der architektonisch-symmetrischen Gestalt, in der Kant, oft bis zur Pedanterie gehend, seine Werke abgefaßt, steht hier eine Gliederungsweise philosophischer Betrachtungen gegenüber, welche im weiteren Sinne als essayistisch bezeichnet werden darf. Die Systematik der Gedanken fehlt keineswegs, aber sie erwächst von innen heraus und wird durch kein äußeres Schema geregelt oder beengt. Die Zwanglosigkeit der Darlegungen Schopenhauers trägt den Stempel einer urwüchsigen Natürlichkeit, die um so einnehmender wirkt, als der Geist strenger Wahrhaftigkeit, der aus jeder Zeile spricht, mit ungemeiner Sicherheit über die scharfen Waffen einer klaren Logik gebietet.

Der Sprachstil Schopenhauers steht in der philosophischen Literatur einzig da. Selbst radikale Kritiker der Lehre des Denkers pflegen angesichts seiner stilistischen Leistung ihre Opposition zu mäßigen und ihre Polemik einzustellen.

In der Kunst klarer und ausdrucksschöner Formulierung ist Schopenhauer Meister. Nur wer echte eigene Gedanken hat, hat echten Stil, heißt es in einem Brief. Und echte eigene Gedanken sind es in der Tat, deren sprachliche Fassung in Schopenhauers Werken zu echtem Stil geworden ist.

Stets nur dann, sagt ihr Verfasser, habe er geschrieben, wenn er etwas zu sagen hatte. Die Aufgabe vollverständlicher Mitteilung des Gedachten wird von ihm als schweres Geschäft gekennzeichnet, aber in der Hauptsache glänzend gelöst. Bezeichnend für das allgemeine Gepräge der Vortragsweise Schopenhauers ist zunächst jenes Dringen auf Klarheit und Deutlichkeit des Ausdrucks, das seine Schriften von zahlreichen anderen so vorteilhaft unterscheidet.

Er will nicht „imponieren“, sondern, soweit menschliches Vermögen es gestattet, von aufmerksamen Lesern um jeden Preis erfaßt und verstanden sein. Diese Absicht ist durchgängig maßgebend. Sie bestimmt die Wahl der sprachlichen Mittel, die Breite, die Dynamik des Vortrags. Der gelehrte Nimbus gilt ihm nichts, die Absicht, teilnehmende Geister zur Erkenntnis der Wahrheit anzuleiten, alles. Diesem Zweck dienen eine außerordentliche Schlichtheit und Präzision der Ausdrucksmittel, die, mit ungewöhnlicher Anschaulichkeit gepaart, von einer inneren Lebendigkeit und Wärme unterstützt wird, welche die Aufmerksamkeit des Lesers nicht ermüden, seine Teilnahme nicht erkalten läßt.

Man brauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge! - diese Regel Schopenhauers hat vielleicht keiner wie er selber befolgt. So ist dieser Sprachstil von den herrschenden Gebrechen gelehrter Prosa frei. Keine vagen Abstrakta und schleppenden Perioden hemmen seinen Gang. Nie überladen, aber reich an zwanglos eingeflochtenen, oft geistreichen, immer schlagenden Bildern und Vergleichen schreitet der Vortrag fort. So bleibt jede Trockenheit dieser Schreibweise fern.

Um so stärker drängt sich das Unmittelbare und Eigenerlebte des Gedachten auf und läßt auch im Reich des Überpersönlichen oft den Leser empfinden, daß der Gedanke in seinem Urheber aus persönlicher Nötigung entsprungen ist und nicht selten aus innerer Ergriffenheit quillt. Die Präzision seiner sprachlichen Ausdrucksmittel, die ihn auf alle Zutaten verzichten läßt, wofern sie nicht der Verdeutlichung des Gedankens dienen, jene Schreibweise, welche er selbst als keuschen Stil bezeichnet, ist es vor allem, welche Schopenhauer als Schriftsteller zum deutschen Klassiker macht.

Wort und Gedanke stehen fast immer in glücklichster Harmonie, und die Durchsichtigkeit und Plastizität des Ausdrucks ist, alles in allem genommen, von unerreichter Meisterschaft. Ist der Stil einst gefeierter Zeitgenossen Schopenhauers heute längst veraltet, so ist der seinige unverändert modern.

Nicht von ungefähr ist diese in der philosophischen Literatur so seltene Verbindung logischer Klarheit und künstlerischer Ausdruckskraft zur Blüte gediehen. Die ununterbrochene Beschäftigung mit den antiken Autoren hat nach eigenem Zeugnis des Philosophen auf seine Behandlungsweise der deutschen Sprache und damit auf die Entwicklung seines philosophischen Stiles einen maßgebenden Einfluß ausgeübt. Viel verdankt er auch hier der befruchtenden Einwirkung durch die Häupter der englischen und französischen Aufklärung, an ihrer Spitze Voltaire. Endlich hat das Vorbild Goethes in der Sprachgebung seines Verehrers reiche Spuren hinterlassen.

So zeigt der Stil Schopenhauers in seinem Gesamtcharakter ein Gepräge energischer Klarheit, vornehmer Überlegenheit und künstlerischen Ebenmaßes, welches seinen Schöpfer zum philosophischen Schriftsteller ersten Ranges macht.”         


Anmerkungen

(1) Dieter Birnbacher, Schopenhauer, Stuttgart 2009, S. 24.

(2) Heinrich Hasse, Schopenhauer, München 1926, S. 84-86.
      Dieses Buch wurde von der Schopenhauer-Gesellschaft sehr empfohlen (vgl. > dort).
      Es enthält Anmerkungen mit Quellenangaben, die im obigen Zitat fortgelassen wurden.
      Dazu sei auf das genannte Buch verwiesen.      

 Übersicht / Links

Sach-Register

Studienkreis

Redaktion