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Arthur Schopenhauer , 1855

Arthur Schopenhauers Mitleid

.Das Mitleid war für Arthur Schopenhauer die Grundlage der Ethik. Wohl in keiner anderen westlichen Philosophie ist Mitleid von derart zentraler Bedeutung wie in der Schopenhauers. Daher liegt die Frage nahe: Philosophierte Schopenhauer nicht nur über das Mitleid, sondern inwieweit war er auch selbst mitfühlend? Schopenhauers Mitleid mit Tieren wird nicht nur in seinen Schriften, sondern zum Beispiel auch durch sein Engagement  für die um 1840 in Deutschland entstandenen Tierschutzvereine sehr deutlich.(1) Doch wie war es Menschen gegenüber, hatte er auch mit ihnen ein solch starkes Mitempfinden?

Bereits seine Reisetagebücher aus den Jahren 1803-1804 geben dazu eine erste Antwort. So notierte der damals 16-jährige Schopenhauer seine Eindrücke von einem Besuch im Hafen von Toulon. Dort war er, wie aus seinem Tagebuch hervorgeht, offenbar zutiefst erschüttert vom Schicksal der an die Bänke der Galeeren angeschmiedeten Sträflinge: “ ... es ist schrecklich, wenn man bedenckt, daß das Leben dieser elenden Galeeren-Sklaven, was viel sagen will, ganz freudenlos ist,: u. bey denen, deren Leiden auch nach fünf u. zwanzig Jahren kein Ziel gesetzt ist, auch ganz hoffnungslos: läßt sich eine schrecklichere Empfindung dencken, wie die eines solchen Unglücklichen, während er an die Bank in der finstern Galeere geschmiedet wird, von der ihn nichts wie der Tod mehr trennen kann!”(2)

Auch aus seinen späteren Jahren gibt es eindrucksvolle Zeugnisse für das tiefe Mitempfinden, das Arthur Schopenhauer mit leidenden Menschen hatte. So berichtete Adam Ludwig v. Doß, der Schopenhauer noch persönlich kannte, in einem Brief von der “leicht erregbaren Gemüthsart” Schopenhauers: “ ... wie derselbe während meines letzten Zusammenseins mit ihm einige rührende Stellen einer Dank-Adresse recitirte, welche die Negersklaven wegen Aufhebung des Sklavenhandels  oder ihrer Freigebung in allen britischen oder einem Theil der nordamerikanischen Besitzungen an Wilberforce (3), das englische Parlament oder den Congreß der Vereinigten Staaten von Nordamerika gerichtet haben, daß ihm (Schopenhauer) hiebei die Augen feucht wurden ...”(4)

Die zu seiner Zeit in den USA noch herrschende Sklaverei beschrieb Schopenhauer als “ein vollgewichtiges Beispiel” für die “Grausamkeit und Unerbittlichkeit” des Menschen  gegenüber anderen Menschen. Hierbei bezog er sich auf ein 1841 erschienenes Buch, in welchem über die Behandlung der Sklaven in den sklavenhaltenden Staaten der USA berichtet wird.

“Dieses Buch”, so Schopenhauer, “macht eines der schwersten Anklageakten gegen die Menschheit aus. Keiner wird es ohne Entsetzen, Wenige ohne Thränen aus der Hand legen. Denn was der Leser desselben jemals vom unglücklichen Zustande der Sklaven, ja, von menschlicher Härte und Grausamkeit überhaupt, gehört, oder sich gedacht, oder geträumt haben mag, wird ihm geringfügig erscheinen, wenn er liest, wie jene Teufel in Menschengestalt, jene bigotten, kirchengehenden, streng den Sabbath beobachtenden Schurken, namentlich auch die Anglikanischen Pfaffen unter ihnen, ihre unschuldigen schwarzen Brüder behandeln, welche durch Unrecht und Gewalt in ihre Teufelsklauen gerathen sind. Dies Buch, welches aus trockenen, aber authentischen und dokumentirten Berichten besteht, empört alles Menschengefühl in dem Grade, daß man, mit demselben in der Hand, einen Kreuzzug predigen könnte, zur Unterjochung und Züchtigung der sklavenhaltenden Staaten Nordamarika´s, denn sie sind ein Schandfleck der ganzen Menschheit.”(5)

Wenn Arthur Schopenhauer im obigen Zitat die Sklaven als “schwarze Brüder” bezeichnete, so war er damit seiner Zeit weit, weit voraus. Es ist ein weiterer Beleg dafür, dass Schopenhauer nicht nur ein Denker des 19. Jahrhunderts war, sondern  mit seinem, auf Menschen aller Hautfarbe beziehenden Mitgefühl  auch ein Philosoph unserer Zeit ist. Seine Mitleidsethik hat nichts an Aktualität verloren. Mehr noch: Sie ist - wie die alltäglichen Grausamkeiten an Menschen und Tieren leider immer wieder beweisen - aktueller denn je!

Anmerkungen
(1) S. dazu weiteres > Ignaz Perner und Arthur Schopenhauer
                                > Magnus Schwantje : Arthur Schopenhauer und Tierschutz
(2) Die Reisetagebücher von Arthur Schopenhauer, hrsg. v. Ludger Lütkehaus, Zürich 1986, S. 145.
(3) William Wilberforce (1759-1833), engl. Philanthrop, 1784 Parlamentsmitglied, Hauptanwalt für die Abschaffung
      des Sklavenhandels und dann der Sklaverei. Wilberforce  brachte 1788 die Sklavenfrage vor das Unterhaus,
      was  jedoch erst 1807 zum Verbot des Sklavenhandels und 1833 zur Aufhebung der Sklaverei im ganzen
      Britischen Reich führte. In den USA wurde die Sklaverei erst 1863 (!), also etwa 3 Jahre nach Schopenhauers
      Tod, durch Präsident Lincoln  abgeschafft.
(4) Adam Ludwig v. Doß an Wilhelm Gwinner, 19. Nov. 1872, in: Arthur Schopenhauer, Gespräche,
      neue, stark erw. Ausg., hrsg. von Arthur Hübscher, Stuttgart-Bad Cannstatt 1971, S. 156 (280).
(5) Arthur Schopenhauer , P II 226 f.
                                                                                                                                                                                         hb   

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