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Arthur Schopenhauer über die Besonnenheit

Aus: Schopenhauer-Lexikon.
Ein philosophisches Wörterbuch,
nach Arthur Schopenhauers sämmtlichen Schriften und handschriftlichem Nachlaß
bearbeitet von Julius Frauenstädt. Band 1, Leipzig 1871, S. 76 f.

Die Besonnenheit ist es, welche den Maler befähigt, die Natur, die er vor Augen hat, treu auf der Leinwand wiederzugeben, und den Dichter, die anschauliche Gegenwart, mittelst abstrakter Begriffe, genau wieder hervorzurufen, indem er sie ausspricht und so zum deutlichen Bewusstsein bringt; im gleichen Alles, was die Übrigen bloß fühlen, in Worten auszudrücken. - Besonnenheit ist die Wurzel der Philosophie, der Kunst und Poesie. (W. II, 436.) Vermöge seiner Objektivität nimmt das Genie mit Besonnenheit alles Das wahr, was die Andern nicht sehen. Dies gibt ihm die Fähigkeit, die Natur so anschaulich und lebhaft als Dichter zu schildern, oder als Maler darzustellen. (P. II, 451.)

Die Grade der Deutlichkeit des Bewusstseins, mithin der Besonnenheit, können angesehen werden als die Grade der Realität des Daseins; denn die unmittelbare Realität ist bedingt durch eigenes Bewusstsein. Nun aber sind im Menschengeschlecht die Grade der Besonnenheit oder des deutlichen Bewusstseins eigener und fremder Existenz gar vielfach abgestuft, nach Maßgabe der natürlichen Geisteskräfte, der Ausbildung derselben und der Muße zum Nachdenken. (P. II, 630.)

Um mit vollkommener Besonnenheit zu leben, ist erfordert, daß man oft zurückdenke und was man erlebt, getan, erfahren und dabei empfunden hat recapitulire [sich noch einmal vergegenwärtige], auch sein ehemaliges Urteil mit seinem gegenwärtigen, seinen Vorsatz und Streben mit dem Erfolg und der Befriedigung durch denselben vergleiche. Wer im Getümmel der Geschäfte, oder Vergnügungen, dahinlebt, ohne je seine Vergangenheit zu ruminiren [überdenken], vielmehr nur immerfort sein Leben abhaspelt, dem geht klare Besonnenheit verloren. Dies ist um so mehr der Fall, je größer die äußere Unruhe, die Menge der Eindrücke, und je geringer die innere Tätigkeit seines Geistes ist. (P. I, 444; N. 8.)

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