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Arthur Schopenhauer : Atheismus

Aus: Schopenhauer-Lexikon.
Ein philosophisches Wörterbuch,
nach Arthur Schopenhauers sämmtlichen Schriften und handschriftlichem Nachlaß
bearbeitet von Julius Frauenstädt. Band 1, Leipzig 1871, S. 53.

1) Über das Wort Atheismus.

Das Wort Atheismus enthält eine Erschleichung, weil es vorweg den Theismus als sich von selbst verstehend annimmt. Man sollte statt Dessen sagen: Nichtjudenthum, und statt Atheist: Nichtjude; so wäre es ehrlich geredet.
(G. 295; P. I, 124.)

2) Was dem Vorwurf des Atheismus Kraft ertheilt.

Hinter dem an sich abgeschmackten, auch meistens boshaften Vorwurf des Atheismus liegt, als seine innere Bedeutung und ihm Kraft erteilende Wahrheit, der dunkle Begriff des auf den Thron der Metaphysik gesetzten Naturalismus oder der absoluten Physik. Eine solche müsste allerdings für die Ethik zerstörend sein, als welche, wenn auch nicht vom Theismus, doch von einer Metaphysik überhaupt, d. h. von der Erkenntnis, dass die Ordnung der Natur nicht die einzige und absolute Ordnung der Dinge sei, unzertrennlich ist. (W. II, 194.)

3) Atheismus ist nicht nothwendig Materialismus.

Bis auf Kant bestand ein Dilemma zwischen Materialismus und Theismus,  d. h. zwischen Ableitung der Welt aus blindem Zufall und Ableitung derselben aus einer von Außen zweckmäßig ordnenden Intelligenz. Daher war Atheismus und Materialismus gleichbedeutend. Man hatte nur die Wahl zwischen Theismus und Materialismus. Aber da für die Zweckmäßigkeit der Welt (nach Kants Kritik) eine andere Erklärung eröffnet ist, als die aus einem intelligenten Gott [...], so hat jenes Dilemma zwischen Materialismus und Theismus seine Gültigkeit verloren und Atheismus schließt nicht notwendig Materialismus ein. (W. I, 608 fg.)

4) Atheismus ist nicht gleichbedeutend mit Religionslosigkeit.

Religion ist nicht identisch mit Theismus, folglich ist Atheismus nicht gleichbedeutend mit Religionslosigkeit. Dies beweisen die faktisch existierenden atheistischen Religionen, der Brahmanismus [vgl. > Upanishaden], Buddhismus [s. > dort] und neben dem Buddhismus die beiden anderen sich in China behauptenden Religionen: die der Taossee* und die des Konfuzius. Religion und Theismus sind keineswegs synonym [...].  (G. 125—129. P. I, 126.)

> Arthur Schopenhauer : Religion


* Anmerkung der Redaktion
Taossee , “gegründet von Laotse, einem ältern Zeitgenossen des Konfuzius. Sie ist die Lehre von der Vernunft, als innere Weltordnung, oder innewohnendem Princip aller Dinge, dem großen Eins [...] und dem Tao” ( Arthur Schopenhauer, N. 129).

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