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Arthur Schopenhauer über die All-eins-Lehre

Arthur Schopenhauer

Aus: Schopenhauer-Lexikon.
Ein philosophisches Wörterbuch,
nach Arthur Schopenhauers sämmtlichen Schriften und handschriftlichem Nachlaß
bearbeitet von Julius Frauenstädt. Band 1, Leipzig 1871, S. 19 f.

1) Die All-eins-Lehre ist von jeher dagewesen.

Daß in allen Erscheinungen das innere Wesen, das sich Manifestierende, das Erscheinende, Eines und das Selbe sei, - die große Lehre vom εν και παν [ Hen kai pan ](1), - ist im Orient wie im Okzident früh aufgetreten und hat sich, allem Widerspruch zum Trotz, behauptet oder doch stets erneuert. (W. II, 362. E. 268 fg.)

2) Was das Eine sei, hat erst Schopenhauer gelehrt.

Das εν και παν hatte, nachdem die Eleaten, Skotus Erigena, Jordano Bruno und Spinoza es ausführlich gelehrt und Schelling diese Lehre aufgefrischt hatte, Schopenhauers Zeit bereits begriffen und eingesehen. Aber was dieses Eine sei und wie es dazu komme sich als das Viele darzustellen, ist ein Problem, dessen Lösung zuerst bei Schopenhauer zu finden ist. (W. II, 736. 362.; M. 369.)

3) Der Beweis der All-eins-Lehre lässt sich allein
               aus Kant führen.

Das εν και παν war zu allen Zeiten der Spott der Toren und die endlose Meditation der Weisen. Jedoch lässt der strenge Beweis desselben sich allein aus Kants Lehre von Raum und Zeit führen, obwohl Kant selbst das nicht getan hat, sondern nach Weise kluger Redner nur die Prämissen gab, den Zuhörern die Freude der Konklusion überlassend. (E. 269 fg.)

Nach Kants transzendentaler Ästhetik sind Raum und Zeit die Formen unseres Anschauungsvermögens, gehören diesem, nicht den dadurch erkannten Dingen an, können also nimmermehr eine Bestimmung der Dinge an sich selbst sein, sondern kommen nur der Erscheinung derselben zu, wie solche in unserm, an physiologische Bedingungen gebundenen Bewusstsein der Außenwelt allein möglich ist. Ist aber dem Dinge an sich, d. h. dem wahren Wesen der Welt, Zeit und Raum fremd, so ist es notwendig auch die Vielheit; folglich kann dasselbe in den zahllosen Erscheinungen dieser Sinnenwelt doch nur Eines sein, und nur das Eine und identische Wesen sich in diesen allen manifestieren. Und umgekehrt, was sich als ein Vieles, mithin in Zeit und Raum darstellt, kann nicht Ding an sich, sondern nur Erscheinung sein. (E. 267 fg.)

 4) Die All-eins-Lehre im Verhältnis zum Pantheismus.

Die All-eins-Lehre ist nicht notwendig Pantheismus, da das identische Wesen aller Dinge nicht als Gott (2), und die Erscheinungswelt nicht als eine Theophanie (3) gefasst zu werden braucht.

Mit dem Pantheismus hat die All-eins-Lehre zwar das εν και παν gemein, aber im Übrigen kann sie doch sehr vom Pantheismus abweichen, und die Schopenhauersche All-eins-Lehre weicht in erheblichen Punkten von dem Pantheismus ab. (W. II, 736—740.)
 

Anmerkungen d. Red.

(1) Hen kai pan , “gr. ´ eins und alles  ` (richtiger: hen to pan ´ eins ist alles `), antike Formel zur Bezeichnung des Weltalls (Kosmos), das sich aus Einem zu allem entfaltet und in das Eine wieder auflöst,  zuerst bei Heraklit [ ... ]: ´ Aus allem eins und aus Einem alles ` .” (Aus: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, hrsg. von Johannes Hoffmeister, 2. Aufl., Hamburg 1955, S. 295 f.).
Vgl. dazu:
All-Einheit , “Einheit des Alls, in der die Dinge in wechselseitigem In- und Miteinander ein  Ganzes bilden.  Nach Ansätzen bei den Eleaten findet sich der Begriff A., als ´ Ein und Alles `( Hen kai pan ) bezeichnet , bes. im Neuplatonismus. Die Lehre von der A. tritt bes. im Pantheismus und im Monismus  auf.” (Aus: Philosophisches Wörterbuch, begr. von Heinrich Schmidt, 21. Aufl., neu bearb. von Georgi Schischkoff, Stuttgart 1982 - Kröners Taschenausgabe, Band 13, S. 14 f.).

(2) Pantheismus (griech. All-Gott-Lehre), “macht das All, die Natur, zu Gott” (Aus: Philosophisches Wörterbuch, a. a. O, S. 511).

(3) Theophanie “(griech. Gotteserscheinung). Der Mensch will seine Götter möglichst faßbar nahe haben; dazu muß ihm Gott, sofern ihm nicht schon nach der Gegebenheit seines Wesens, vielleicht als ein Naturobjekt, dauend nahe ist, gelegentlich erscheinen, wenn auch nur vorübergehend.” (Aus: Wörterbuch der Religionen, begr. von Alfred Bertholet, 3. Aufl., hrsg. von Kurt Goldammer, Stuttgart  1976 - Kröners Taschenausgabe, Bd. 125, S. 592).

S. auch: Der Monismus, die Lehre von der Alleinheit, in den Upanishaden
             und der Philosophie von Arthur Schopenhauer
> hier

             > Upanishaden und Schopenhauer : Einheit und Vielfalt

             > Einheit und Vielheit - Das “principium individuationis”

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