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Arthur Schopenhauer
 über den Affekt und die moralische Verantwortlichkeit

Aus: Schopenhauer-Lexikon.
Ein philosophisches Wörterbuch,
nach Arthur Schopenhauers sämmtlichen Schriften und handschriftlichem Nachlaß
bearbeitet von Julius Frauenstädt. Band 1, Leipzig 1871, S. 14 ff. (Stichwort: Affekt)

Der Affekt ist die plötzliche, heftige Erregung des Willens durch eine von außen eindringende, zum Motiv werdende Vorstellung, die eine solche Lebhaftigkeit hat, dass sie alle andern, welche ihr als Gegenmotive entgegenwirken könnten, verdunkelt und nicht deutlich ins Bewusstsein kommen lässt. (E. 100.)

Jeder Affekt [...] entsteht dadurch, dass eine auf unseren Willen wirkende Vorstellung uns so übermäßig nahe tritt, dass sie uns alles Übrige verdeckt und wir nichts mehr, als sie, sehen können, wodurch wir für den Augenblick unfähig werden, das Anderweitige zu berück- sichtigen. (W. II, 164.)

Der Affekt ist jedoch nur eine vorübergehende Erregung des Willens durch ein Motiv, welches seine Gewalt nicht durch eine tief wurzelnde Neigung, sondern bloß dadurch erhält, dass es, plötzlich eintretend, die Gegenwirkung aller anderen Motive für den Augenblick ausschließt. (W. II, 678.)

Durch den Affekt wird die Fähigkeit der Überlegung und damit die intellektuelle Freiheit in gewissem Grade aufgehoben. (W. II, 679.) 

Demnach ist bei den im Affekt begangenen Taten sowohl die juridische [juristische], als die moralische Verantwortlichkeit, nach Beschaffenheit der Umstände, mehr oder weniger, doch immer zum Teil aufgehoben. (E. 100.)

Was im Affekt geschieht, ist nicht ganz eigene Tat und gibt daher kein vollgültiges Zeugnis über die Beschaffenheit des Charakters. Denn nur solche Taten sind Symptome des Charakters, die bei vollem Gebrauch der Vernunft, also überlegt und besonnen geschehen. Hingegen was bloß dadurch begangen wird, dass ein Motiv, weil es anschaulich war (gegenwärtiger Reiz), die Oberhand gewann über ein anderes, das als bloßer Gedanke (Vorsatz, Maxime) ihm gegenüberstand, - dies ist Wirkung des Affekts, und die Beschaffenheit des Willens darf nicht geradezu nach dieser Tat beurteilt werden; denn hier hat nicht unmittelbar der Wille Schuld, sondern die Vernunft, deren abstrakte Vorstellungen zu schwach waren, um sich im Bewusstsein zu erhalten, während das anschau- liche Motiv gewaltsam auf den Willen eindrang und ihn stark bewegte. Daher entschuldigt man eine solche Tat dadurch, dass sie im Affekt geschehen. Man sieht mehr einen Fehler der Erkenntnis- kräfte darin, als des Willens. Im Affekt tut der Mensch Das, was er nicht fähig wäre zu beschließen. Also liegt die Sache eigentlich in der Erkenntnis, ist mehr ein Fehler der Erkenntnis, als des Willens.
(H. 392—394.)

Ein gutes Gegenmittel gegen den Affekt wäre, dass man sich dahin brächte, die Gegenwart unter der Einbildung anzusehen, sie sei Vergangenheit[...]. Vermögen wir doch sehr wohl umgekehrt das längst Vergangene so lebhaft als gegenwärtig anzusehen, dass alte, längst schlafende Affekte dadurch wieder zu vollem Toben erwachen. (W. II, 164.)

 

Anmerkung der Redaktion:
Laut  Philosophisches Wörterbuch (21. Aufl., Stuttgart 1982, S. 7) bedeutet Affekt “Gemütsbewegung, die durch Erregung des Gefühls, Mitgerissensein des Willens, mitunter weitgehende Ausschaltung des klaren Denkens und seines Einflusses unheilvoll gekennzeichnet ist (im Falle von Affekthandlungen) und sich von der Leidenschaft durch geringere Dauer und geringere  seelische Tiefe unterscheidet ...” Diese Definition kommt der von Arthur Schopenhauer, wie sie oben kurz dargestellt ist, nahe. Problematisch erscheint Schopenhauers obiger Hinweis auf den Charakter, denn es stellt sich die Frage, ob nicht auch die Neigung zu Affekthandlungen mit dem Charakter zusammenhängt. Somit wäre wohl nicht ausgeschlossen, dass - abweichend von Schopenhauers Aussage (s. oben) -  Handlungen im Affekt als Symptome des Charakters gedeutet werden könnten. 

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