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Arthur Schopenhauer : Aberglaube

Aus: Schopenhauer-Lexikon.
Ein philosophisches Wörterbuch,
nach Arthur Schopenhauers sämmtlichen Schriften und handschriftlichem Nachlaß
bearbeitet von Julius Frauenstädt. Band 1, Leipzig 1871, S. 1-3.

Quelle des Aberglaubens .

Durch die Vernunft dem Gedanken zugänglich geworden, steht der Mensch auch dem Irrthum und damit dem Wahne, dem Aberglauben offen. Denn in den Gedanken, den abstracten Begriff geht alles nur Ersinnliche, mithin auch das Falsche, das Unmögliche, das Absurde, das Unsinnige. Da nun Vernunft Allen, Urtheilskraft Wenigen zu Theil geworden ist, so ist die Folge, daß der Mensch dem Wahne offen steht, indem er allen nur erdenklichen Chimären Preis gegeben ist, wovon die superstitiösen [abergläubischen] Dogmen und Cultushandlungen der verschiedenen Religionen zahlreiche und auffallende Beispiele liefern.
(W. II, 73— 75.)

[ S. dazu auch > Arthur Schopenhauer : Religion]

Aberglaube, dem wahrer Glaube zu Grunde liegt .

Der Glaube an geheimnißvolle übernatürliche Wirkungen, an Sympathie und Magie, an Geistererscheinungen, omina [Vorzeichen] u. s. w. ist nicht schlechthin als Aberglauben zu verwerfen, wiewohl er beim Volke stark mit Aberglauben vermischt vorkommt. Es liegt allem diesen Glauben metaphysische Wahrheit zu Grunde. Um über alle geheime Sympathie oder gar magische Wirkung vorweg zu lächeln, muß man die Welt gar sehr, ja ganz und gar begreiflich finden. Das kann man aber nur, wenn man mit überaus flachem Blick in sie hineinschaut, der keine Ahndung davon zuläßt, daß wir in ein Meer von Räthseln und Unbegreiflichkeiten versenkt sind und unmittelbar weder die Dinge noch uns selbst von Grund aus kennen und verstehen. Die dieser Gesinnung  entgegengesetzte ist es eben, welche macht, daß fast alle große Männer, unabhängig von Zeit und Nation, einen gewissen Anstrich von Aberglauben verrathen haben. (N. 109.)

Der Gespensterglaube ist dem Menschen angeboren; er findet sich zu allen Zeiten und in allen Ländern, und vielleicht ist kein Mensch ganz frei davon. Der große Haufe und das Volk, wohl aller Länder und Zeiten, unterscheidet Natürliches und Uebernatürliches, als zwei grundverschiedene, jedoch zugleich vorhandene Ordnungen der Dinge. Dem Uebernatürlichen schreibt er Wunder, Weissagungen, Gespenster und Zauberei unbedenklich zu, läßt aber überdies auch wohl gelten, daß überhaupt nichts durch und durch bis auf den letzten Grund natürlich sei, sondern die Natur selbst auf einem Uebernatürlichen beruhe. Im Wesentlichen fällt nun diese populäre Unterscheidung zusammen mit der Kantischen zwischen Erscheinung und Ding an sich; nur daß diese die Sache genauer und richtiger bestimmt, nämlich dahin, daß Natürliches und Uebernatürliches nicht zwei verschiedene und getrennte Arten von Wesen sind, sondern Eines und Dasselbe, welches an sich genommen übernatürlich zu nennen ist, weil erst, indem es erscheint, d. h. in die Wahrnehmung unsers Intellects tritt und daher in dessen Formen eingeht, die Natur sich darstellt, deren phänomenale Gesetzmäßigkeit es eben ist, die man unter dem Natürlichen versteht. (P. I, 284 fg.)

Wie dem Gespensterglauben, so liegt auch dem Glauben an Omina [Vorzeichen], der so allgemein und unvertilgbar ist, daß er selbst in den überlegensten Köpfen nicht selten Raum gefunden hat, Wahrheit zu Grunde. Denn da nichts absolut zufällig ist, vielmehr Alles nothwendig eintritt und sogar die Gleichzeitigkeit selbst des causal nicht Zusammenhängenden, die man den Zufall nennt, eine nothwendige ist, indem ja das jetzt Gleichzeitige schon durch Ursachen in der entferntesten Vergangenheit als ein solches bestimmt wurde; so spiegelt sich Alles in Allem, klingt Jedes in Jedem wieder. Der unvertilgbare Hang des Menschen, auf Omina zu achten,  [...],  sein Bibelaufschlagen, sein Kartenlegen, Bleigießen, Kaffeesatzbeschauen u. dgl. zeugen von seiner den Vernunftgründen trotzenden Voraussetzung, daß es irgendwie möglich sei, aus dem ihm Gegenwärtigen und klar vor Augen Liegenden das durch Raum oder Zeit Verborgene, also das Entfernte oder Zukünftige zu erkennen, sodaß er wohl aus Jenem Dieses ablesen könnte, wenn er nur den wahren Schlüssel der Geheimschrift hätte. (P. I, 230 fg.)

Auf der, wenn auch nicht deutlich erkannten, doch gefühlten Ueberzeugung von der strengen Nothwendigkeit alles Geschehenden beruht die bei den Alten so fest stehende Ansicht vom Fatum [Schicksal, ...], wie auch der Fatalismus der Mohammedaner, sogar auch der überall unvertilgbare Glaube an Omina[Vorzeichen], weil eben selbst der kleinste Zufall nothwendig eintritt und alle Begebenheiten, so zu sagen, miteinander Tempo halten, mithin Alles in Allem wiederklingt. Endlich hängt sogar dies damit zusammen, daß, wer ohne die leiseste Absicht und ganz zufällig einen Andern verstümmelt oder getödtet hat, dieses Piaculum [Unglück] sein ganzes Leben hindurch betrauert, mit einem Gefühl, welches dem der Schuld verwandt scheint, und auch von Andern als persona piacularis (Unglücksmensch) eine eigene Art von Discredit [Inverrufbringen] erfährt. (E. 60 fg.)

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