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Arthur Schopenhauer , 1815

Arthur Schopenhauer

Autobiografie - Anfang

Redaktion

Arthur Schopenhauer

          Autobiografie

Der Lebenslauf des Einzelnen ist, so verworren er auch scheinen mag,
ein in sich übereinstimmendes Ganzes.
                             Arthur Schopenhauer (1)

Nachwort der Redaktion
zu Schopenhauers Lebenslauf

   Die Bewerbung, für die Arthur Schopenhauer seinen Lebenslauf der Berliner Universität vorlegte, hatte Erfolg, denn er  erhielt von ihr bald danach die Lehrerlaubnis, so dass Schopenhauer im Frühjahr 1820 dort mit seiner Lehrtätigkeit beginnen konnte. Jedoch sein akademisches Wirken war nur von kurzer Dauer. Bereits im ersten Sommer zog er sich aus dem Lehrbetrieb zurück. “Aus den Räumen der alma mater” sollte - wie sein Biograf Arthur Hübscher schrieb - ”von nun an Hegels Weisheit um so ungebrochener widerhallen”(2). Der von ihm zutiefst abgelehnte Professor Hegel hatte sich “zum Liebling von Ministern, zum Hof- und Staatsphilosophen seines Zeitalters emporgeschwungen”(3). Schopenhauer nahm das mit großer Ver- bitterung zur Kenntnis. Das mag einer der Gründe sein, warum er 1842 in sein Manuskriptbuch eintrug:

Arthur Schopenhauer , Manuskript 1842

Ausschnitt aus: Arthur Schopenhauer , Manuskriptbücher, Spicilegia (1842), S. 251.

  Mich haben die Unterrichtsministerien nicht brauchen können: und ich danke dem Himmel, daß ich kein solcher bin, den sie brauchen könnten. Sie können eigentlich nur Solche brauchen, die sich brauchen lassen.

Aufschlussreich ist auch, wie Schopenhauer in einem Brief an seinen Jugendfreund Anthime den Abbruch seiner Dozententätigkeit beschrieb und begründete: 1820 hat man mich an der Universität Berlin habilitiert, als eine Art Honorarprofessor, der nicht durch die Regierung, sondern durch die Studenten bezahlt wird. Danach wird man Professor. Aber ich habe nur in den ersten sechs Monaten gelesen, 1820, und dann habe ich mein Amt nur der Form nach versehen. ... Meine Studien haben immer mehr Zeit verschlungen, das Lehramt verbraucht zu viel davon, und ich sah wohl, das ich nicht  das war, was die Regierung braucht, da ich nicht dazu geschaffen war, ihr Instrument zu sein. Mein Leben ist ein fortgesetztes Studium gewesen, das sein eigener Lohn ist, und ich schätze mich glücklich, daß ich mein ganzes Leben lang dieser Anlage folgen konnte, dieser Art von Instinkt, die mich an die Gegenstände bringt, für die ich gemacht bin, und daß ich immer Herr meiner Zeit gewesen bin. Wenn ich Reichtümer angesammelt hätte, würden sie mich nicht vor den Leiden des Alters schützen; aber ich habe Kenntnisse gesammelt und das Interesse für die großen Wahrheiten gewonnen, für die Philosophie, für meine Werke, und was dazu gehört, ist das Wesen meines Daseins geworden.(4)

          Nicht nur die misslungene Universitätslaufbahn, Schopenhauer musste eine weitere schwere Enttäuschung hinnehmen: 1819, also im gleichen Jahr, in welchem er sich an der Universität bewarb, erschien sein Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung. Es war, wie ihm  dann sein Verleger (Brockhaus) mitteilte, kaum verkäuflich. Erst kurz vor seinem letzten Lebensjahrzehnt kam der Durchbruch. Schopenhauers Philosophie wurde dann nicht nur in Deutschland, sondern mehr und mehr auch weltweit bekannt. Es geht hierbei um eine Philosophie, die 1818 ausgearbeitet war, deren Wurzeln aber bis in Schopenhauers Jugendzeit zurückreichen. Der nachstehende Eintrag in eines seiner Manuskriptbücher widerspiegelt eindrucksvoll das Fühlen und Denken des jungen Schopenhauers, was später in seinen philosophischen Werken immer wieder deutlich zum Ausdruck kam:

Arthur Schopenhauer , Manuskript 1832 (1)
Arthur Schopenhauer , Manuskript 1832 (2)

Ausschnitte aus:
Arthur Schenhauer ,
Manuskriptbücher,
Cholerabuch (1832), S. 89 f.

          In meinem 17ten Jahre, ohne alle gelehrte Schulbildung, wurde ich vom Jammer des Lebens so ergriffen wie Buddha in seiner Jugend, als er Krankheit, Alter, Schmerz und Tod erblickte. Die Wahrheit, welche laut und deutlich aus der Welt sprach, überwand bald die auch mir eingeprägten jüdischen Dogmen, und mein Resultat war, daß diese Welt   kein Werk eines allgütigen Wesens sein könnte, wohl aber das eines Teufels, der Geschöpfe ins Dasein gerufen, um am Anblick ihre Qual sich zu weiden: darauf deuteten die Data, und der Glaube, daß es so sei, gewann die Oberhand. -

          Was Arthur Schopenhauer hier in seinem Manuskriptbuch notierte war  nicht bloß ein seine Autobiografie ergänzendes Detail: Es war weit mehr, nämlich eines der wesentlichen Ausgangspunkte seiner Philosophie, verbunden mit einer Mitleidsethik, die in der Philosophiegeschichte wohl einmalig ist. Ohne diese Erfahrung, dieses Ergriffensein vom Jammer des Lebens, wäre es Schopenhauer wohl kaum möglich gewesen, eine Philosophie zu entwickeln, die in ihrem Kern eine Erlösungslehre ist. Auch in dieser Hinsicht ist Schopenhauers Philosophie mit dem Buddhismus zu vergleichen, bei  dem die Vier Edlen Wahrheiten, deren erste die Wahrheit vom Leid ist, im Mittelpunkt stehen.

       So sind der  Buddha und Arthur Schopenhauer eindrucksvolle Beispiele dafür, welch prägende Kraft Erfahrungen aus der Jugendzeit für Leben und Werk haben können.  In sein Manuskriptbuch vermerkte Schopenhauer:

Arthur Schopenhauer , Manuskript 1829

    Die Erfahrungen und die Bekanntschaften der Kindheit und frühsten Jugend werden die
stehenden Typen und Rubriken aller spätern Erkenntniß und Erfahrung, gleichsam die Kategorien derselben, wenn man auch der Sache sich nicht deutlich bewußt ist.

Ausschnitt aus:
Arthur Schenhauer ,
Manuskriptbücher,
Adversia (1829), S. 204.

Deshalb sind die im Pali-Kanon des Theravada-Buddhismus über- lieferten Berichte aus der Kindheit und Jugend des Buddha sowie Arthur Schopenhauers autobiografische Mitteilungen für das Verständnis sowohl der buddhistischen Lehre als auch der ihr nahe stehenden Philosophie Schopenhauers durchaus von erheblicher Bedeutung.

So wichtig für Schopenhauer die Erfahrungen seiner Jugend auch waren, nicht minder bedeutsam wurde für ihn die Begegnung mit einem Buch, das er gleichsam als Heilige Schrift verehrte und welches - wie kaum ein anderes - zu seiner Philosophie beitrug: Die altindischen Upanishaden. Er erwähnte das zwar nicht in seiner, der Universität vorgelegten Autobiografie, aber in seinem Manuskript aus dem Jahre 1816 brachte er das sehr deutlich zum Ausdruck: Ich gestehe übrigens, daß ich nicht glaube, daß meine Lehre je hätte entstehen können, ehe die Upanischaden, Plato und Kant ihre Strahlen zugleich in eines Menschen Geist werfen konnten.(5)

Für Schopenhauers Philosophie, ja für sein Leben selbst gewannen die Upanishaden, die er zunächst nur in ihrer lateinischen Übersetzung unter dem Namen Oupnekhat kennenlernte, eine Bedeutung, wie sie größer kaum sein könnte, denn, wie er noch in seinem letzten Lebensjahrzehnt, nämlich in in seiner 1851 erschienenen Schrift Parerga und Paralipomena, schrieb:  Es ist die belohnendeste und erhabendeste Lektüre, die (den Urtext ausgenommen) auf der Welt möglich ist: sie ist der Trost meines Lebens gewesen und wird der meines Sterbens seyn.(6)
                                                                                                                     hb

Anmerkungen
(1) Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden, Band VII
      (Parerga und Paralipomena I), Hrsg. von Arthur Hübscher, Zürich 1977, S. 224 f.
(2) Arthur Hübscher, Schopenhauer, Biographie eines Weltbildes, 2. ergänzte Auflage,
      Stuttgart 1967, S. 74.
(3) Ebd.
(4) Brief Schopenhauers vom 10.12.1836 an Anthime Grégoire de Blésimaire.
     Aus dem Französischen in das Deutsche übersetzt in: Arthur Schopenhauer,
     Gesammelte Briefe. Hrsg. von Arthur Hübscher, 2. verb. und erg. Auflage.
     Bonn 1987, S. 671.
(5) Arthur Schopenhauer , Der handschriftliche Nachlaß in fünf Bänden,
      hrsg. von Arthur Hübscher, Band 1, München 1985, S. 422.
      Besonders bemerkenswert: Schopenhauer setzte in dieser autobiografischen
      Notiz die Upanishaden noch vor Platon und Kant an die erste Stelle!
(6) Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden, Band X
      (Parerga und Paralipomena II), Hrsg. von Arthur Hübscher, Zürich 1977, S. 437.
      Die überaus große Bedeutung, welche  die Upanishaden für Schopenhauer hatten,
      hob auch Wilhelm v. Gwinner, der Schopenhauer noch persönlich näher kannte und
      von diesem zu seinem Testamentsvollstrecker eingesetzt wurde, hervor:
      “Das Oupnekhat lag auf seinem [Schopenhauers] Tisch und vor dem Schlafengehen
       verrichtet er darin seine Andacht.” (Wilhelm v. Gwinner, Schopenhauers Leben,
      3. Ausgabe, Leipzig 1910, S. 342.)             

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