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Arthur Schopenhauer zum 150. Geburtstag

Arthur Schopenhauer
zum 150. Geburtstag

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Arthur Schopenhauer

Eine Würdigung zu seinem 100. Geburtstag

Arthur Schopenhauer wurde als “ genialer Geist “ und  “ großer deutscher Philosoph “ gegen Ende des 19. Jhs. auch außerhalb Deutschlands hoch geschätzt.  Das zeigt nachstehende Würdigung anläßlich seines 100. Geburtstages (22.02.1788). Sie erschien in der “Libauschen Zeitung” (vom 10.02.1888), die in der baltischen See-und Handelsstadt Libau (damals: Gouv. Kurland / Russland, heute: Liepaja / Lettland) herausgegeben wurde. Deren  Leser gehörten zum großen Teil dem dort ansässigen deutschsprachigen  Bürgertum an. Der hieraus übernommene Artikel wurde von der Redaktion gekürzt, aber in seiner Rechtschreibung nicht verändert. Sein Verfasser, Victor v. Andrejanoff (1857-1895), lebte als  Dichter und Schriftsteller 1882-94 im Baltikum und danach in Berlin. Der folgende Beitrag lässt die geistige Nähe des Autors zu Arthur Schopenhauer deutlich erkennen: 

Das Leben jedes großen Mannes ist ein Trauerspiel. Nur selten freilich liegt seine Tragik in erschütternden äußern Erlebnissen. Die Hinrichtung des Sokrates, den Kinderraub, den das englische Kanzleigericht an Shelley vollzog, der Wahnsinn Lenau's sind außergewöhnliche Vorgänge. Das Genie trägt die Tragik vielmehr in sich selber, indem es, das allgemeine Mittelmaß der Menschheit so hoch über- ragend, kein Verständniß und keine Theilnahme findet, sein Lebenswerk abschließt, ohne der rechten Wirkungen desselben froh zu werden, ja voraussieht, daß noch lange Jahre nach seinem Hinscheiden die Welt sein Charakterbild nur als ein ´von der Parteien Gunst und Haß verwirrtes` erschauen wird.

Zu diesen genialen Geistern gehört auch Arthur Schopenhauer, der große deutsche Philosoph, dessen hundertsten Geburtstag eine zwar noch nicht völlig über seine Bedeutung aufgeklärte, aber doch im Herzen dankbare Nachwelt heute feiert. In den höchstgebildeten Kreisen wenigstens, d.  h. unter Gelehrten, Schrift- stellern und solchen Mitgliedern des großen Publikums, deren Interesse für alles Schöne und Große nicht in dem Bedürfniß nach flüchtiger Sinnenreizung, noch in der eiteln Sucht, jede litterarische ´Mode` mitzumachen, sondern in dem ernsten Streben nach geistiger Vervollkommnung wurzelt, ist Schopenhauer kein Fremder mehr - und schon seit einigen Jahren hat sich ein Komitee, aus den besten Männern aller Nationen, Dichtern, Gelehrten, Staatsmännern bestehend, gebildet, um diesem Könige des Gedankens in der Stadt, in welcher er die letzten Tage seines Lebens hingebracht und die ewige Ruhe gefunden, ein würdiges Denkmal zu errichten. -

Für die Masse der Gebildeten aber ist Schopenhauer immer noch der misanthropische Sonderling der den ´Pessimismus erfunden`.   Seltsam nur, daß letzterer schon dem Buddha, dem Theognis, dem Firdusi, dem Augustinus und vielen andern erleuchteten Geistern seit Jahrtausenden bekannt war! - In gewissen Kreisen wieder wendet man sich von dem ´Atheisten` von dem ´Religionsfeind` Schopenhauer verächtlich ab - und zeigt dadurch, wie so ganz ungeschult im Denken man selber ist. Denn es liegt doch wohl klar auf der Hand, daß der Philosoph einen andern Weg gehen muß, als der Theologe. Auf dem Wege des kritischen Denkens, unermüdlicher Forschung sucht der Philosoph sein letztes Ziel, die Erkenntniß, zu erreichen - und wenn nun das erreichte Ziel im innersten Wesen mit demjenigen des Theologen sich deckt, wenn beide auf verschiedenen Pfaden, durch verschiedene Mittel und in verschiedener Form doch zu ein und derselben Heilswahrheit durchgedrungen, so erscheint es müssig, die Dogmen des Glaubens mithineinzuziehen.

Gerade das ist ja aber Schopenhauers größter Verdienst, daß er auf dem Wege philosophischer Untersuchung genau zu derselben Ethik gelangte, welche auch den Kern des Christenthums ausmacht.* Und der gläubige Christ kann, wie jeder Andere, von dem Philosophen lernen ; denn viel Menschenwerk ist im Laufe der Jahrhunderte hinzugekommen, hier scheidet und sondert nicht mehr der Glaube - sondern eben das Wissen. So ist die ernste Thatsache, daß auch das Thier nicht nur geschützt werden muß, weil solches eines edlen Menschen würdig ist, sondern daß es vielmehr ein absolutes Recht hat, solchen Schutz im weitesten Maße zu verlangen, eine Zeitlang dem allgemeinen Bewußtsein ganz abhanden gekommen, von Schopenhauer aber als naturgemäß zu Rechte stehend, nachgewiesen worden.

Das ethische Grundprinzip, welches im Christenglauben als ´erlösende Liebe` gefaßt ist, fand unser Denker im Mitleid. Hierdurch wird der Begriff jener Liebe erst klar entfaltet und auf seinen Urgrund zurückgeführt. Weil Alles was lebt, ein Theil derselben Kraft ist, die Sterne und Mücken ins Dasein ruft, so ist auch Alles im Grunde identisch, daher an dem Leiden eines Theiles des Ganzen, jeder andere Theil mit die Schuld trägt. Indem nun die höchste Erscheinungsform irdischen Lebens, der Mensch, dieses Leiden Aller mitempfindet, soll er sein eigen- williges Ich brechen, um nicht einzig sich selber, sondern vielmehr allen Mitlebenden zu nützen und zu dienen.

Auf dem höchsten Gipfel solchen Mitleiden steht der Heilige, der nur Andern dient, sich selbst im Andern verliert und vergißt und diese ganze Erschei- nungswelt, deren Triebfedern Egoismus und Wahn, als etwas Eitles, Nichtiges von sich weist. Solche Heilige waren Buddha, Franciscus von Assisi, Rance, der Refor- mator des Trappistenordens u. A. m. Weltentsagung in geringerem Grade tritt uns entgegen aus  dem Leben und den Schriften des Angelus Silesius, des Philosophen Spinoza, des Dichters Petrarca. Aber auch jede gute That, gethan aus reinem Mit- leiden, ist eine Weltentsagung, weil eine Brechung des Egoismus, und der arme Tagelöhner, der sein letztes Stück Brot mit seinem Genossen, vielleicht gar seinem Feinde, liebend theilt, kann in dem Augenblicke all jenen Heiligen im Geiste die Hand reichen, hat sich in dem Augenblicke von langem Irren und Wähnen erlöst !

Der Künstler wiederum, indem er, losgelöst von dem blinden Triebe nach Leben und Lebenslust, der Welt erkennend in's tiefste Herz schaut, führt den irrenden Mitgebornen typische Bilder ihres Lebens und Strebens vor, in denen sie all'  das koncentrirt erblicken, was sie in mitten der Hast und Wirrsal des wirklichen Lebens nicht zu bemerken vermögen: Lebensgier, Lebensschuld einerseits, Befreiung von dieser Gier, Erlösung von dieser Schuld durch das Schöne und Gute andrerseits.

Schopenhauer´s Philosophie kann eine ethisch-ästhetische genannt werden - und ebenso tiefsinnig wie ihre ethischen Offenbarungen, ebenso erhaben sind ihre ästhetischen. Was der Denker über das Wesen des Genies, über die bildenden Künste wie über Poesie und Musik gesagt, hat für alle Zeiten monumen- tale Bedeutung. Eben diese Bedeutung aber haben auch alle seine Schriften rein formell betrachtet. Sie gereichen der deutschen Litteratur in Wahrheit zur Zierde. Die sprachliche Form ist der Goethes völlig ebenbürtig - und nur Plato hat unter den Philosophen eine gleiche Künstlerschaft in der Sprache besessen.

In einigen seiner kleineren Schriften macht Schopenhauer auch die ´deutsche Sprache` selbst zum Gegenstande scharfsinniger Untersuchungen und wendet sich bald mit edler Indignation [Entrüstung], bald mit derb dreinfahrendem Zorne gegen die Sprachverhunzer und Sprachverfälscher, deren Zahl seit Anfang dieses Jahrhunderts Legion ist - und deren Haupttummelplätze die ´Zeitungen` sind.  Auch das ist eine ernste Belehrung und Mahnung unseres Philosophen, daß die Sprache ein ehrwürdiges Vermächtniß unsrer Väter, das heilig gehalten und nicht muthwillig angetastet werden soll!

Arthur Schopenhauer wurde am 22. Februar 1788 zu Danzig geboren, wo sein Vater einer der angesehensten Kaufleute war. Während seines Knabenalters hielt er sich mit den Eltern längere Zeit in Frankreich und England auf und machte sich die Sprachen beider Länder völlig zu eigen ; später lernte er noch Italienisch und Spanisch, beherrschte das Griechische und Lateinische wie der erfahrenste Philologe, beschäftigte sich mit den orientalischen Sprachen und dem Sanskrit und erlangte so eine höchst selten philologische und litterarische Bildung, zu der er dann im Laufe der Jahre tiefgehende Kenntnisse in allen übrigen Disciplinen fügte. 1809 bezog er die Universität Göttingen, wo er Naturwissenschaften und Geschichte studirte. welche später seiner eignen Philosophie die breite, erfahrungsmäßige, gediegene Grundlage gaben.

Früh versenkte er sich auch in das Studium Plato´s und Kants, besonders nachdem er 1811 nach Berlin übergesiedelt war. 1813 promovirte er dann in Jena mit der Dissertationsschrift ´Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde`. Darauf verbrachte er einen Winter in Weimar, wo ihn Goethe an sich heranzog, ihn in seine ”Farbenlehre" mit Vorzeigung seiner Experimente einweihte und so vertraut mit ihm wurde, wie es der Altersunterschied zwischen Beiden zuließ. Von nicht geringeren Einfluß auf ihn wurde die Einführung in das indische Alterthum durch den Orientalisten Majer. Daher schreibt sich die hohe Verehrung Schopenhauers für die heiligen Schriften der Hindu, welche, wie er selbst sagt, nächst Kant und der ´anschaulichen Welt` ihn am meisten in seiner Betrachtung und Erkenntniß gefördert haben.

 Materiell in schöner Sorgenlosigkeit und Unabhängigkeit lebend privatisirte Schopenhauer in den Jahren 1814 - 18 in Dresden, dessen Bibliotheken und Kunst- sammlungen ihm reiche Anregung boten. Hier schrieb er sein grundlegendes Werk ´Die Welt als Wille und Vorstellung`, welches 1819 bei Brockhaus in Leipzig erschien, aber wie alles Große und Ureigne im Publikum kein Verständniß fand. Die Zunftgelehrten schwiegen es todt und “freie" Gelehrte gab es sehr Wenige in Deutschland. - Nach wiederholten Reisen durch Italien und einer kurzen Lehr- thätigkeit an der Berliner Universität zog er sich im Jahre 1931 nach Frankfurt am Main zurück, wo er bis zu seinem am 21. September 1860 erfolgten Tode, unver- ehelicht und von der Welt zurückgezogen, als einsamer Denker lebte. [...]

Durch die Nichtbeachtung seitens des Publikums lange Jahre verbittert, dabei seines Werthes sich voll bewußt, hatte Schopenhauer gegen Ende seines Lebens doch die Genugthuung, zu sehen, daß seine Lehre Anhänger und Freunde sich erwarb.  Neue Auflagen seiner Schriften wurden erforderlich und einige Jünger beeiferten sich dieselben durch geistvolle Kommentare dem Publikum näher zu bringen, so namentlich der edle Julius Frauenstädt. ** Ein Sonnenblick also fiel zum Ende doch in dieses große, einsame Leben!”


Anmerkungen

* Wie auch oben aus den weiteren Ausführungen des Verfassers hervorgeht, schloß Arthur Schopenhauer in seine Ethik alles Leben, also auch das der Tiere, mit ein. Hierin besteht ein fundamen- taler Unterschied zur christlichen Ethik, die sich nur auf Menschen bezieht. Schopenhauer wies darauf mehrmals sehr deutlich und in missbilligenden Worten hin. Gustav Friedrich Wagner fasste mit genauen Quellenangaben  in seinem  > “Schopenhauer-Register” (S. 54) die Meinung Schopenhauers zu diesem Thema so zusammen: “Ein Grundfehler des Ch´s [Christentums] ist, daß es widernatürlicherweise den Menschen losgerissen hat von der Thierwelt; darauf beruht die unverantwortliche Rechtlosigkeit der Thiere in Europa: daher ist die Christliche Moral durchaus nicht die allervollkommenste.”  S. hierzu auch > Arthur Schopenhauer : Tiere .

** Zu Julius Frauenstädt, den Arthur Schopenhauer seinen ”Erzevangelisten” nannte und der sich große Verdienste um die Verbreitung der Philosophie Schopenhauers erwarb, s. > dort.

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