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Arthur Schopenhauer

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 Arthur Schopenhauer

aus Sicht von Julius Frauenstädt

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Julius Frauenstädt

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Zu den wichtigsten Persönlichkeiten, die mit Arthur Schopenhauer in enger Verbindung standen und sich besonders aktiv für seine Philosophie eingesetzt hatten, gehörte Julius Frauenstädt. Er trug mit seinen Schriften schon zu einer Zeit, als Schopenhauer noch weithin unbekannt war,  wesentlich zur Verbreitung der Philosophie Schopenhauers bei. Schopenhauer verdankte Frauenstädt viel: Er war, wie ihn Schopenhauer zwar etwas scherzhaft, aber nicht unzutreffend nannte, sein “Erzevangelist”(1).

Frauenstädt (1813-1879), der schon früh vom jüdischen zum christlichen Glauben übertrat, studierte Theologie und Philosophie in Berlin. Bevor er sich 1848 in Berlin  als Privatgelehrter dauer- haft niederließ (1848), hielt er sich etwa sechs Monate (Winter 1846/47) in Frankfurt am Main auf. Dort traf er Schopenhauer, der ihn persönlich mit seiner Philosophie vertraut machte.(2)

Aus den Briefen Schopenhauers geht deutlich hervor, wie sehr er Frauenstädt, seinen “werthesten Freund”,  seinen “lieben Getreuen”, schätzte.(3) Mit seinem Buch Briefe über die Schopenhauer´sche Philosophie habe er ihm, wie Schopenhauer am 28. Januar 1854 an Frauenstädt schrieb, “einen größtmöglichen Gefallen erzeigt”. Dieses Buch müsse seiner “Philosophie Bahn brechen”. Er habe es (also Frauenstädts  Buch über seine Philosophie ) “2 Mal mit unendlichem Pläsir gelesen: ist mir, als sähe ich in einen Konvexspiegel mein verkleinertes Bild. Ist eine vollkommen ähnliche Miniatur. Sie ( Frauenstädt ) haben es machen  können, weil Sie nicht nur eine vollständige Kenntniß und Verständniß meiner Philosophie haben, sondern so tief eingedrungen sind und sie so durchdacht und durchdrungen haben, daß Sie so viel davon wissen wie ich selbst”(4).

Im Verhältnis zwischen Schopenhauer und Frauenstädt gab es zwar zeitweilig auch einige  nicht unerhebliche Spannungen, was aber wohl kaum etwas an der  grundsätzlich positiven Einstellung Schopenhauers zu  seinem  “Erzevangelisten” änderte. So hinterließ ihm Schopenhauer testamentarisch seinen ganzen handschriftlichen Nachlass und die Verlagsrechte an seinem Werk.(5) Auch das beweist, welches Vertrauen Schopenhauer in Frauenstädt setzte, und wie sicher er war, dass Frauenstädt in seinem Sinne weiterarbeitete. Damit war Frauenstädt bestens legitimiert, als er 1873/74 Schopenhauers Sämtliche Werke in sechs Bänden herausgab. 1878 folgte die 2., verbesserte Auflage.

1863 erschien in Berlin ein Buch unter dem Titel Arthur Schopenhauer. Von ihm. Ueber ihn. Dessen Verfasser waren Julius Frauenstädt und  Ernst Otto Lindner, der Schopenhauer 1852 persönlich kennen gelernt hatte und dann zu einem der wichtigsten Anhänger des Philosophen wurde. Frauenstädt berichtete dort über Gespräche mit Schopenhauer. Diese Berichte sind wertvoll, denn sie  helfen, nicht nur Schopenhauers Philosophie besser zu verstehen, sondern darüber hinaus auch Schopenhauer als Menschem näher zu kommen. So ist zum Beispiel im Hinblick auf Schopenhauers Biographie und Philosophie folgendes Gespräch Frauenstädts mit dem Philosophen aufschlussreich:

 Als ich ihn einst darüber befragte, ob er etwa in jungen Jahren viel gelitten habe, und daraus sein Pessimismus zu erklären sei, erwiderte er: “Gar nicht; sondern ich war als Jüngling immer sehr melancholisch und einmal, ich mochte ungefähr 18 Jahr alt sein, dachte ich, noch so jung, bei mir: Diese Welt soll ein Gott gemacht haben? Nein, eher ein Teufel.”(6)

Das Urteil der Zeitgenossen, die Schopenhauer noch aus eigener Anschauung kannten, ist wohl weit höher zu werten als die Äußerungen späterer Kritiker, die sich - aus mitunter böswilligen Motiven - nicht nur über die Philosophie, sondern auch über die Person Schopenhauers abfällig äußerten. Aus  ihrem bloßem Bücherwissen können sie wahrscheinlich kaum nachvollziehen, welch tiefen Eindruck die persönliche Bekanntschaft mit Schopenhauer etwa bei Frauenstädt und Lindner hinterlassen hatte. Dazu heißt es in dem erwähnten Buch:

Für mich ist Schopenhauer, trotz seiner menschlichen, fleischlichen Schwächen und Gebrechen, die ich durchaus nicht in Abrede stellen will, so wie er sie selbst nicht in Abrede gestellt, vielmehr offen zu mir bekannt und gesagt hat: “Ich habe wohl gelehrt, was ein Heiliger ist, bin aber selbst kein Heiliger” - für mich, sage ich, ist Schopenhauer, trotz seiner Schwächen, einer der edelsten Menschen, die je gewesen sind.(7) 

Dennoch: Schopenhauer war nicht, wie er zuweilen genannt wurde, der Buddha von Frankfurt. Frauenstädt erinnerte sich aber, “mit welcher Begeisterung und innern Befriedigung er mir einst das entsagende Leben Buddha´s schilderte und die Sanftmuth der vom ächten Geiste des Buddhismus Durchdrungenen bei Beleidigungen, Kränkungen und Verletzungen pries”(8).

Eines der wichtigsten Stufen des Achtfachen Pfades, der zu den Vier Edlen Wahrheiten des Buddha gehört, ist die rechte Rede, also die Wahrhaftigkeit. Auch in dieser Hinsicht war Frauenstädt von Schopenhauer überzeugt: Schopenhauer war kein Heuchler, sondern der wahrhaftigste Charakter, den es je gegeben hat.(9) Auch wenn man diese Bewertung etwas abschwächt, so kam in dieser Hinsicht Schopenhauer seinem Vorbild, dem Buddha, ziemlich nahe.

Den von ihm herausgegeben Sämmtlichen Werken Schopenhauers stellte Frauenstädt Ein   Lebensbild des Herausgebers voran. Dort nahm er Stellung zu der auch heute noch oft geäußerten Behauptung, Schopenhauer sei ein Sonderling gewesen:

“Ich will es nicht in Abrede stellen, daß er ein Sonderling war. Aber es kommt nach meiner Ansicht Alles darauf an, aus welchen Motiven Einer ein Sonderling ist. Ich unterscheide zwei Arten von Sonderlingen, eine edele, lobenswerthe, und eine gemeine, verwerfliche Art. Der gemeine Sonderling sondert sich von der herrschenden Denk- und Lebensweise ab aus Eitelkeit, aus der Sucht, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und für ein Original zu gelten. Der edele Sonderling sondert sich ab, weil er ein Original ist, weil er selbst denkt und den Muth hat, lieber seiner eigenen Ueber- zeugung zu folgen, sollte er auch darüber für einen Narren gehalten werden, oder sich Feinde machen,
als sich zum Sklaven der herrschenden Vorurtheile zu erniedrigen, sollte Letzteres auch noch so viel Ehre, oder Vortheil einbringen. Also Originalität und Muth, der eigenen Ueberzeugung zu folgen, machen den edelen Sonderling. Schopenhauer nun gehörte, wie mehr oder weniger alle Genies, zu dieser Klasse der edelen Sonderlinge und darum kann man das Prädicat Sonderling in Bezug auf ihn zwar gelten lassen, muß aber den Tadel aus demselben streichen.”
(10)

War Arthur Schopenhauer ein edler Sonderling, so hat wahrscheinlich gerade diese Eigenschaft mit dazu beigetragen, dass Schopenhauers Philosophie - zumindest im abendländischen Geistesleben - so einzigartig und in ihrer Tiefe vielleicht nur mit den östlichen Weisheitslehren, vor allem mit dem Buddhismus und den altindischen Upanishaden, vergleichbar ist. Es dürfte daher verständlich sein, wenn Schopenhauer gegenüber Frauenstädt äußerte:

Ueber mich kann wohl in der Breite, aber nicht in der Tiefe hinaus.(11)                                                                                                                                                                                   hb

Anmerkungen

(1)   Schopenhauers Brief vom 28.01.1854, in: Arthur Schopenhauer . Gesammelte Briefe.
        Hrsg. von Arthur Hübscher. 2. verb. und erg. Auflage, Bonn 1987, S. 328 ff.
(2)   Arthur Schopenhauer . Leben und Werk in Texten und Bildern.
        Von Angelika Hübscher. Frankfurt am Main 1989; S. 305.
        Dort wurde auch obiges Frauenstädt-Bild als Ausschnitt entnommen.
(3)   S. hierzu Briefe vom 16.12.1847 und 06.08.1852, in: Arthur Schopenhauer, Gesammelte Briefe,  a. a. O.,
        S. 226 und  287.
(4)   Arthur Schopenhauer , Gesammelte Briefe, a. a. O., S. 328.
(5)   Arthur Schopenhauer . Leben und Werk, a. a. O.,   S. 305.
(6)   Lindner / Frauenstädt , Arthur Schopenhauer. Von ihm. Über ihn, Berlin 1863, S. 306,
        zit. aus: Arthur Schopenhauer .Gespräche. Neue, stark erw. Ausgabe. Hrsg. von Arthur Hübscher,
        Stuttgart-Bad Cannstatt 1971, S. 131.
(7)   Lindner / Frauenstädt , a. a. O., S. 273, zit. aus Volker Spierling, Kleines Schopenhauer-Lexikon,
       Stuttgart 2010, S.64.
(8)   Lindner / Frauenstädt, a. a. O., S. 366f, zit aus: Arthur Schopenhauer . Gespräche, a. a. O., S. 104.
(9)   Lindner / Frauenstädt, a. a. O., S. 336, zit. aus: Volker Spierling, a. a. O., S.63.
(10) Arthur Schopenhauer´s sämmtliche Werke. Hrsg. von Julius Frauenstädt . Zweite Auflage. Neue Ausgabe.
       1. Band, Leipzig 1919., S.202 f.
(11) Lindner / Frauenstädt , a. a. O., S. 155, zit aus: Arthur Schopenhauer . Gespräche, a. a. O., S. 110.   

Weiteres zu Frauenstädt  Schopenhauers Philosophie im Überblick und in Auszügen

Andere Wegbereiter Arthur Schopenhauers  > John Oxenford und > Ernst Otto Lindner

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