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Arthur Schopenhauer - der Weise von Frankfurt

Arthur Schopenhauer

... der wächst uns allen noch einmal über den Kopf.

Goethe über Schopenhauer (1)

Der Tor läuft den Genüssen des Lebens nach und sieht sich betrogen: der Weise vermeidet die Übel - eine von Arthur Schopenhauer in seinem Leben selbst befolgte Weisheit. Sie findet sich in seinen Aphorismen zur Lebensweisheit.(2) Besonders dieser Schrift voller Weisheiten, die unmittelbar das tägliche Leben und den Umgang mit den Mitmenschen betreffen, verdankte der seit 1833 in Frankfurt am Main lebende Arthur Schopenhauer seinen Aufstieg von einem fast unbeachteten Verfasser philosophischer Abhandlungen zu einem weltweit bekannten Philosophen. Seitdem  wurde und wird Schopenhauer gerade auch von vielen außerhalb der Universitäts- philosophie stehenden Lesern wegen seiner Lebensweisheit hoch geschätzt, ja als Weiser verehrt. Somit ist es verständlich, wenn seine Leser an Schopenhauers Persönlichkeit besonderes Interesse haben und mehr über dessen Leben erfahren möchten.

Die Redaktion des Arthur-Schopenhauer-Studienkreises veröffentlicht deshalb im folgenden Textauszüge aus dem von Heinrich Hasse verfassten, 1926 unter dem Titel Schopenhauer erschienenen Buch, welches von der Schopenhauer-Gesellschaft (1936) als die “beste auf der Höhe heutiger Ein- sichten stehende Gesamtdarstellung von Schopenhauers Leben, Persönlichkeit und Werk” empfohlen wurde.(3)

In seiner oben genannten Darstellung schrieb Hasse unter anderem über Schopenhauers  Leben etwa um 1840/50 in Frankfurt:

“Die persönliche Lebensweise des alternden Denkers verläuft, ohne je monoton zu werden, in wachsender Gleichförmigkeit. Was Kant natürlich gewesen war, sucht Schopenhauer mit bewußter Energie zur Durchführung zu bringen: sein Leben und Handeln nach festen Grundsätzen zugestalten.

In streng geregelter Tageseinteilung nutzt er seine Zeit, von dem uner- setzlichen Wert dieses Gutes aufs tiefste überzeugt. Täglich werden die ersten Morgenstunden der produktiven Arbeit geweiht. Sorgfältige Befolgung hygieni- scher Regeln gewährt ihm bis ins hohe Alter den Besitz einer unerschütterten Gesundheit.

Die Zurückgezogenheit aber wird dem Denker, bei aller aus dem Mangel an innerlich verwandten Naturen erwachsenden Entbehrung, zur allein angemessenen Lebensform. Hier findet er im geistigen Verkehr mit den Genien der Vergangenheit reichen Ersatz für ebenbürtige Gemeinschaft, welche seine Zeit ihm schuldig bleibt. Hier richtet er sich auf im stolzen Bewußtsein, unter seinesgleichen zu weilen. Neben den antiken Klassikern, mit denen er wohl vertraut ist, lebt er in enger Berührung mit den großen Dichtern der neueren Zeit, von denen ihm die größten am nächsten stehen, insbesondere Shakespeare, Goethe, Calderon, Cervantes, Sterne, Manzoni, Petrarca, Byron, Burns und Bürger, die er alle in der Originalsprache liest

Der beständige Umgang mit den bedeutenden Autoren der Vergangen- heit hat ihm eine Belesenheit von erstaunlichen Dimensionen eingebracht. In der Spruchweisheit aller Zeiten herrscht er, unterstützt durch ein treffliches Gedächtnis, wie ein König im eigenen Reich. Die überlegene Kunst geistvollen Zitierens, von der Schopenhauers Werke zeugen, hat hier ihre Quelle.

Die ilım verwandten Denker höheren und niederen Ranges aller Zeiten machen seine eigentliche philosophische Gesellschaft aus. Mit ihnen weiß er sich in engem gefühlsmäßigem Zusammenhang. Hier sind, nach Schopenhauers großen Vorbildern und Meistern Platon und Kant, aus dem Altertum Aristoteles und Seneca, aus der Neuzeit Macchiavelli, Giordano Bruno, Bacon, Hobbes zu nennen, sodann die großen Vertreter der Aufklärung, unter denen er Voltaire, Helvetius, Rousseau und Hume mit besonderer Verehrung zugetan ist; ferner die großen Moralisten und Psychologen neuerer Zeit Montaigne, La Rochefoucauld, La Bruyère, Chamfort, Shaftesbury, Shenstone, Vauvenargues und später Leopardi, wogegen er unter deutschen Geistern verwandter Art namentlich Lichtenberg als das Muster eines Selbstdenkers verehrt.

Und endlich als Gegenpol dieser Richtung: die führenden Geister der deutschen Mystik, wie sie durch die Namen Meister Eckhart, den Verfasser der deutschen Theologie, Jakob Böhme und Angelus Silesius bezeichnet sind.

Gegensätze von scheinbarer Unvereinbarkeit vertragen sich wider- spruchslos in Schopenhauers Geist wie der gewaltige Einheitsbau seiner philosophischen Weltanschauung selbst die Extreme der Aufklärung und der Mystik in sich versöhnt. Das Andachtsbuch Schopenhauers aber ist der Upnekhat [> Oupnekhat / Upanishaden ], in welchem der abendländische Denker den kostbaren Kern uralter morgenländischer Weisheit, die seinen eigenen Anschauungen verwandte vedische All-Einheitslehre verehrt.

Das Arbeitszimmer des Philosophen, in seiner Einrichtung von größter Anspruchslosigkeit, verrät schon äußerlich die charakteristische Gemeinschaft wissenschaftlicher, künstlerischer und ethisch-religiöser Wesenszüge seines Inhabers. Bildnisse von Descartes, Kant, Goethe und Shakespeare liefern seinen Schmuck, zu dem außer Kants Büste in den letzten Lebensjahren Schopenhauers eine vergoldete Statuette Buddhas kommt, die auf einer Marmorkonsole thront.

Sinnbildliche Bedeutung hat auch die Gesellschaft seines beständigen Lebensgenossen, des Pudels, der neben seinem profanen Namen den Titel Atma (d. h. etwa „Selbst“) führt. In dieser Wahl bekundet sich praktisch Schopenhauers dem jüdisch-christlichen Dogma entgegengesetzte Auffassung, welche in letzter Instanz zwischen Mensch und Tier keinen Wesens- unterschied anerkennt, das ewige Urwesen in allem Lebenden erblickt, ja das Tier durch größere Unschuld, Ursprünglichkeit und Treuherzigkeit seines Verhaltens den Menschen übertreffen läßt. [> Arthur Schopenhauer : Tiere]

 Kennzeichnend für die Verbindung wissenschaftlicher und künstleri- scher Sinnesart bei Schopenhauer ist es, wenn der Philosoph täglich in seinem Arbeitszimmer eine Stunde dem Flötenspiel widmet, bevor er sich zum Mittagsmahl in den ´Englischen Hof` begibt. An dieser Stätte ist er bereits eine bekannte Erscheinung, bevor noch sein Ruhm in die Öffentlichkeit gedrungen ist. Vielfach ablehnend und unzugänglich gegen Fremde, kann er doch bisweilen den Reichtum seines Geistes mit wahrhaft bezaubernder Unterhaltungsgabe entfalten. Hier sieht ihn sein Biograph, wie er einem Tischgenossen den  Satz von der Identität und dem Widerspruch erläutert, mit einem Mienenspiele, ´als spräch' er mit seiner Geliebten von der Liebe`.

Hier sucht man sich ihm in den letzten Jahren seines Lebens zu nähern, als sein Name die Welt durcheilt. Den Eindruck, den der gealterte Denker dort auf den empfänglichen Beobachter macht, hat ein französischer Autor, der ihn daselbst gesehen, in anschaulicher Schilderung festgehalten:

Sein blaues, lebhaftes Auge, seine dünne Lippe, welche ein feines, sarkastisches Lächeln umspielte, seine weite, von zwei weißen Haarlocken eingerahmte Stirne drückten der von Geist und Boshaftigkeit sprühenden Physiognomie das Siegel des Adels und der Vornehmheit auf. Seine Kleider, seine Spitzenkrause und weiße Krawatte erinnerten an einen Greis aus dem Ende des Zeitalters Ludwigs XV.; seine Manieren waren die eines Mannes aus guter Gesellschaft. Sehr zurückhaltend und von einem oft bis zum Mißtrauen gehenden Naturell, verkehrte er bloß mit seinen intimsten Freunden oder den Frankfurt besuchenden Fremden. Seine Bewegungen erreichten in der Konversation oft eine außerordentliche Lebhaftigkeit. Er haßte die eitlen Wortgefechte, dafür aber wußte er umsomehr den Reiz eines gründlichen und geistvollen Gespräches zu würdigen ... Sein Gespräch sprudelte nur so von witzigen Einfällen, Zitaten und interessanten Details und ließ die Stunden vergessen; manchmal lauschten ihm seine intimen Freunde bis Mitternacht, ohne daß sie ein Augenblick der Müdigkeit überkam oder das Feuer seines Blickes erlosch . . . Vor allem zeichnete sich sein Gespräch durch eine seltene Klarheit aus. . . Glücklich diejenigen, denen es gegönnt war, diesen letzten der Causeure [Plauderer] aus dem Zeitalter des vorigen Jahrhunderts zu hören! Er war in dieser Hinsicht ein Zeitgenosse Voltaires, Diderots, Helvetius' und Chamforts.

Dieser Bericht zeigt bereits, daß die Zurückgezogenheit, in welcher Schopenhauer im letzten Abschnitt seines Lebens verharrt, keineswegs als mürrische Selbstverkapselung gedeutet werden darf. Und dazu kommt ein Weiteres. Meidet er auch jede Berührung mit den öffentlichen Ange- legenheiten ebenso streng wie jeden lästigen Verkehr, so nimmt er doch an den Einrichtungen, die dem geistigen und künstlerischen Leben dienen, vielseitig teil. Er besucht die Stadtbibliothek, das Städelsche Insitut, er besucht Konzerte, Schaupiel und Oper. Er benutzt das Kabinett des Physikalischen Vereins und die Sammlungen der Senckenbergischen naturforschenden Gesellschaft, um sich über die Fortschritte der Naturwissenschaften zu unterrichten. Er ist Mitglied [des > Frankfurter Tierschutzvereins], der Frankfurter Kasino-Gesellschaft, deren Lesekabinett dem Liebhaber der Times schätzbare Dienste leistet, und später noch der Lesegesellschaft Bürgerverein.

Als regelmäßiger Benutzer dieser Einrichtungen verfolgt er die neuesten Ereignisse in der literarischen Welt, mit gespanntem Interesse den Wandel der geistigen Strömungen beobachtend und mit höchstem Eifer lauschend auf die unausbleibliche, und doch bisher ausgebliebene Teilnahme des Zeitalters an seinem Lebenswerk.

Inzwischen hatte sich eine bescheidene Zahl erster Anhänger um Schopenhauer zusammengefunden, die teils persönlich, teils brieflich mit ihm in Beziehung getreten waren. In reger Werbetätigkeit setzen sich mehrere von ihnen öffentlich für den verkannten Meister ein. Halb scherzhaft, halb im Ernst werden sie von diesem Apostel und Evangelisten genannt. An ihrer Spitze Julius Frauenstädt, der Erzevangelist, ein Berliner Privatgelehrter jüdischer Abstammung, der in eigenen Publikationen schon 1840 mit nachdrücklichen Worten für Schopenhauer eingetreten war, 1846 den Philosophen in Frankfurt besucht und seitdem in dauernder Berührung mit ihm bleibt. Er wird im Verlauf der Jahre zu einer Art Famulus [Diener] Schopenhauers, der alle literarischen Aufträge des Meisters ausrichten, alle seine Grillen kosten, aber auch alles Lob einheimsen darf und später der Erbe des literarischen Nachlasses Schopenhauers wird.

Ferner der Justizrat Dorguth und der Rechtspraktikant von Doß, denen sich später der Redakteur der Vossischen Zeitung, Ernst Otto Lindner, und der Lehrer der englischen Sprache David Asher anreihen. Nur einer aber unter den ersten Anhängern zeigt philosophische Qualitäten. Nur mit ihm läßt sich Schopenhauer, in bewußtem Gegensatz zu anderen, in sachliche Kontroversen ein. Das ist der Advokat und spätere Kreisrichter Johann August Becker in Mainz, dessen Briefwechsel mit Schopenhauer philosophisch Bemerkens- wertes enthält.

Zur Aufgabe dieser zunächst kleinen Schar verehrender Anhänger wird es nun, mit der Feder für den Meister zu wirken; ferner alles, was auf seine Philosophie sich beziehend, öffentlich erscheint, ihm zur Kenntnis zu bringen.
[...]

Wenn es aber dem gealterten Denker auch an Zügen persönlicher Eitelkeit keineswegs gebricht, so ist bei solcher Feststellung nicht zu übersehen, daß es sich für ihn in letzter Instanz nicht um den Ruhm der eigenen Person , sondern um den Sieg der mit seinem Namen nun einmal verknüpften Sache handelt, eben der Sache, welcher er die Interessen seiner Person jahrzehntelang untergeordnet hatte, und deren Sieg für ihn mit dem Siege der Wahrheit zusammenfällt. War es doch Schopenhauers aufrichtige Überzeugung, durch seine Leistung das Rätsel der Welt seiner Lösung nähergeführt zu haben als irgendein Sterblicher zuvor. “(4)

Ganz in diesem Sinn notierte Schopenhauer 1845, also während jener Zeit, wo er in Frankfurt noch als weithin unbekannter Philosoph lebte, in sein Manuskriptbuch:

Arthur Schopenhauer : Wahrheit

... ich habe den Schleier der Wahrheit weiter gelüftet,
           als irgend ein Sterblicher vor mir. -
(5)

Ob diese Aussage Schopenhauers zutrifft, mag der philosophisch  kundige Leser seiner Werke selbst beurteilen. Fest steht: Der Buddha in Frankfurt, wie er mitunter genannt wurde (6), war er zwar nicht, doch der Weise von Frankfurt war Arthur Schopenhauer gewiss! Die Stadt Frankfurt ehrte ihn mit einem Denkmal - zu Recht.

Denkmal für Arthur Schopenhauer in Frankfurt  am Main

Denkmal für
Arthur Schopenhauer
in Frankfurt am Main (7)

 

Anmerkungen

(1) Wilhelm v. Gwinner, Schopenhauers Leben, 3. Ausg. Leipzig 1910, S.104.

(2) Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden, Band VIII,
      Parerga und Paralipomena I / 2, Aphorismen zur Lebensweisheit, S. 443.
      (Die Schreibweise wurde modernisiert.)

(3) Nachruf für Heinrich Hasse im 23. Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft (1936).

(4) Heinrich Hasse , Schopenhauer , München 1926, S. 51-56.
      Für den oben zitierten Textauszug aus Hasses Schopenhauer-Buch wurden die dort
      enthaltenen Anmerkungen und Quellenangaben nicht übernommen. Hierzu sei auf das
      Buch verwiesen.

(5) Manuskriptbuch Spicilegia, S. 301
      (Universitätsbibliothek Frankfurt a. M., > Digitalisat  , Stand: 12.03.2017).

(6) Z. B. in: Arthur Schopenhauer und Indien,  Begleitbuch zur Ausstellung
      anlässlich der Buchmesse 2006, zusammengestellt und hrsg. v. Jochen Stollberg,
      Frankfurt am Main 2006, S. 16.

(7) “Das Schopenhauer-Denkmal wurde 1895 am gleichen Ort aufgestellt, an dem der
      Philosoph 1859 den jungen Julius Frank vor dem Selbstmord durch Ertrinken rettete.
      Bei der Feier wußte noch niemand von dieser hilfreichen Tat, über die Schopenhauer
      - der sich bis zu seinem Tode um den jungen Mann kümmerte - selbst nie gesprochen
      hat. Das Denkmal wurde im zweiten Weltkrieg bis auf die Büste zerstört.” (Zit. aus:
      Arthur Schopenhauer , Leben und Werk in Texten und Bildern , hrsg. von
      Angelika Hübscher, Frankfurt am Main 1989, S. 344 f.)
      Das obige Bild zeigt das Schopenhauer-Denkmal heute, und zwar am gleichen Ort
      (an der Obermainanlage).         .

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