Übersicht / Links

Arthur Schopenhauer , 1815

Arthur Schopenhauer

Autobiografie - Anfang

Nachwort

Redaktion

Arthur Schopenhauer

          Autobiografie

Teil 3 / 6 

Somit lasse ich mir diese Reise mitnichten leid sein. Es blieb mir danach jedoch ein viel schlimmerer, in Wahrheit zu beklagender Nachteil. Denn, nach Hamburg zurückgekehrt, mußte ich Wort halten und mich ohne Ausflüchte dem kaufmännischen Beruf widmen. Ich kam deshalb zu einem angesehenen Hamburger Kaufmanne und Senator in die Lehre. Nie aber hat es einen schlechteren Handlungsbeflissenen gegeben als mich. Meine ganze Natur widerstrebte diesen Geschäften; immer auf anderes gerichtet, vernachlässigte ich meine Obliegenheiten und war Tag für Tag nur darauf bedacht, Zeit zu gewinnen, die ich zu Hause den Büchern widmen oder in der ich mich wenigstens an Gedanken und Phantasien weiden könne. Auch hatte ich auf dem Comptoir immer Bücher versteckt, an denen ich mich, sobald ich unbewacht war, ergötzte.

Als der berühmte Stirnschauer und Urheber der Schädellehre, Gall, in Hamburg Vorlesungen hielt, hinterging ich, um dessen Vorträge fleißig hören zu können, meinen Lehrherrn täglich mit List und Betrug. Außer diesen Tugenden machte eine tiefe Niedergeschlagenheit mich unfügsam und für andere beschwerlich, teils weil an die Stelle der fortwährenden Zerstreuungen, an welche mich die lange Reise gewöhnt hatte, nunmehr eine verhaßte Beschäftigung und die schlimmste Knechtschaft getreten war, teils weil ich mehr und mehr zur Einsicht kam, daß ich einen verkehrten Lebensweg eingeschlagen habe - ein Fehler, den wieder gutmachen zu können, ich gänzlich verzweifelte.

Zu diesem meinem Unglück kam bald der schrecklichste Schicksalsschlag: mein geliebter bester Vater wurde mir durch einen jähen, von ungefähr eingetretenen blutigen Tod plötzlich entrissen. Infolge dieses Trauerfalls steigerte sich die Verdüsterung meines Gemüts so sehr, daß sie von wirklicher Melancholie wenig mehr entfernt war. Obwohl ich sozusagen schon mein eigner Herr war und meine Mutter mir in nichts im Wege stand, fuhr ich fort meine Stelle bei dem Kaufherrn zu versehen, teils weil der übergroße Schmerz die Energie meines Geistes gebrochen hatte, teils weil ich mir ein Gewissen daraus machte, die Beschlüsse des Vaters alsbald nach seinem Tode wieder aufzuheben, endlich weil ich bereits in einem zu weit vorgeschrittenen Alter zu stehen glaubte, um die alten Sprachen noch erlernen zu können. Daß das Schicksal mit mir wie einst die Sibylle mit dem Tarquinius verfahre, ahndete ich nicht.

Fast zwei Jahre verbrachte ich bei jenem Kaufmanne, die mir ohne irgendwelchen Nutzen gänzlich verloren gingen. Endlich gegen das Ende dieser Zeit, als ich, von unerträglichen Gemütsleiden gequält, in den Briefen an meine bereits in Weimar wohnende Mutter mich in jämmerlichen Klagen ergoß über den vereitelten Lebenszweck, über den unersetzlichen Verlust der auf nichtige Arbeit vergebens verwendeten Kräfte und Jugend, endlich über mein vorgeschrittenes Lebensalter, das mir nicht mehr verstatte, die gewählte Laufbahn zu verlassen und eine neue zu beginnen - da geschah es, daß der berühmte Fernow, ein Mann von wirklich ausgezeichneten Geistes- gaben und meiner Mutter damals eng befreundet, Einsicht von diesen Briefen nahm und dadurch, obwohl ich ihm übrigens unbekannt war, bewogen ward, sich mir gegenüber schriftlich zu äußern, indem er mir klarmachte, daß die bis dahin verlorene Zeit noch ersetzbar sei, dies durch sein eignes Beispiel sowie dasjenige anderer, selbst der bedeutendsten Gelehrten, welche erst spät die gelehrte Laufbahn angetreten hätten, bewies und mir riet, alles im Stich zu lassen, um mich auf die Erlernung der alten Sprachen zu werfen. Als ich diesen Brief gelesen, brach ich in heftiges Weinen aus, und auf der Stelle stand in mir, dem sonst jede Wahl Qual machte, der Entschluß fest. Nachdem ich meinem Lehrherrn gekündigt, reiste ich sogleich nach Weimar. Es war dies zu Anfang des Jahres 1807, als ich eben das achtzehnte Jahr zurückgelegt hatte.

Auf Fernows Rat begab ich mich sodann ohne Verzug nach Gotha, wo ich in dem daselbst blühenden berühmten Gymnasium als Schüler Aufnahme fand. Jedoch konnte ich wegen meiner gänzlichen Unkenntnis der alten Sprachen nur an den Unterrichtsstunden teilnehmen, die in meiner Muttersprache gegeben wurden. Der rühmlichst bekannte Direktor des Gymnasiums, Döring, aber gab mir täglich zwei Privatstunden, in welchen er mich die Anfangsgründe des Lateinischen lehrte; denn so groß war meine Unwissenheit in dieser Sprache, daß ich erst deklinieren und konjugieren lernen mußte.

Bald aber, meiner unglaublich raschen Fortschritte halber, prophezeite mir Döring für die Zukunft das Beste und Rühmlichste, infolgedessen ich, aus jener Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit nach und nach wieder emporgerichtet, neue Hoffnung faßte und das mir vorge- steckte Ziel mit großer Frische und Spannkraft verfolgte.

Aber, o neues Mißgeschick! noch hatte ich nicht gelernt, mich gefährlicher Scherze zu enthalten, was mich zu Fall brachte. Ein Gymnasialprofessor namens Schultz, den ich meines Erinnerns nie gesehen, hatte sich in einem Tagesblatt nachteilig über die Selekta, der auch ich für die deutsch gehaltenen Lehrstunden angehörte, ausge- sprochen, und diese in die Öffentlichkeit getretene Äußerung zog ich bei Tische mit etlichen Witzen durch.

Meine Verwegenheit wurde ihm hinterbracht und hatte zur Folge, daß mir Döring den Privatunterricht aufsagte. Zugleich jedoch gab er mir die Versicherung, daß es ihm zu besonderem Genusse gereicht habe, mich zu unterrichten, daß er aber sein gegebenes Wort halten müsse; auch sprach er den Wunsch aus, ich solle im Gymnasium bleiben und bei jemand anderem Privatstunden nehmen, was ich jedoch nicht wollte.

Übersicht / Links

Autobiografie - Anfang

Fortsetzung > Teil 4

Nachwort

Redaktion