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Arthur Schopenhauer über Religion und Moral

Arthur Schopenhauer

Religion und Moral in Arthur Schopenhauers Philosophie - dargestellt durch
Textauszüge aus: Heinrich Hasse, Schopenhauer ,
Geschichte der Philosophie in Einzeldarstellungen, München 1926, S. 378-383 und 450:

Nun erklären die Verteidiger der Religion mit Vorliebe, der eigentliche Sinn und Wert der religiösen Mächte liege auf praktischem Gebiet, in moralischer Richtung sei er zu suchen. Für die Erziehung des Menschen- geschlechtes komme ihnen eine unersetzliche Bedeutung zu, welche unangefochten bleibe, selbst wenn theoretisch die Gegner der Religion triumphieren. In der Tat ist die Einwirkung religiöser Mächte auf das sittliche Bewußtsein nach Schopenhauer nicht zu unterschätzen. So ist insbesondere die Bändigung und Disziplinierung roher Triebe und Leidenschaften mit Hilfe religiöser Motive heilsam gefördert worden.

Es hat also guten Sinn, wenn man sie als wichtigen Hilfsfaktor ansetzt für die Entwicklung wenigstens primitiver sittlicher Kultur. - Aber auch hier ist die Gegenrechnung von einer Art, die es entschieden verbietet, die religiösen Mächte einfach zu den für die Menschheit heilbringenden zu zählen. Bei näherer und unbefangener Prüfung nämlich stellt sich heraus, daß die praktisch-moralische Wirkung der Religion in ihrer Gesamtheit von höchst fragwürdiger Art ist. Nehmen wir etwa an, sagt Schopenhauer, es würden plötzlich durch öffentliche Proklamationen alle Kriminalgesetze für aufgehoben erklärt, so würde schwerlich jemand den Mut haben, unter dem bloßen Schutz der religiösen Motive auch nur allein nach Hause zu gehen. Würde dagegen auf gleiche Weise alle Religion für unwahr erklärt, “so würden wir, unter dem Schutze der Gesetze allein, ohne sonderliche Vermehrung unsrer Besorgnisse und Vorsichtsmaßregeln, nach wie vor leben". Dieses Beispiel bezeugt, daß die Wirkung religiöser Motive auf die Moralität im Grunde sehr gering ist.

Aber die praktische Auswirkung religiöser Mächte zeigt ein noch viel bedenklicheres Gesicht. Der moralisierenden Wirkung der Religionen steht eine entschieden demoralisierende gegenüber; ja der demoralisierende Einfluß scheint weniger problematisch als der moralisierende zu sein. Wird nicht das Verschiedenartigste geradezu als Ersatz des moralischen Wandels von den einzelnen Religionen gepflegt? Durch Zeremonien, Andachtsübungen und Gebete suchen die Gläubigen sich den Himmel zu erbetteln, statt ihn durch sittliches Verhalten zu verdienen. Nicht sittlichen, sondern widersittlichen Mächten wird damit Vorschub geleistet. Die Priester aber erscheinen oft genug als „Vermittler des Handels mit bestechlichen Göttern (1)“.

Viel schlimmere Dinge aber noch hat die Religion auf dem Gewissen. Unzählig und unübersehbar sind die Greuel, welche der religiöse Fanatismus hervorgerufen hat. Der „blutige Wahnsinn“ der Religionskriege ist nur ein Fall unter vielen. Ströme unschuldigen Blutes sind durch frommen Eifer vergossen und geflossen. Beispiele bietet die Geschichte des Islam wie des Christentums in Fülle dar. Von den Kreuzzügen und der Ausrottung der Mauren und Juden in Spanien bis zu den Inquisitionen und Ketzergerichten alter und neuer Zeit: überall die gleichartigen Zeugnisse für den engen Zusammenhang von Religion und jener moralischen Barbarei, die mit Vorliebe im Gefolge religiöser Mächte wandelt.

Unvermeidlich aber ist das Eingeständnis, daß es die monotheistischen Religionen sind, welche mit ihrer Schroffheit und Intoleranz (als natürlichen Folgen des Glaubens an einen Gott!) die tiefste Entzweiung unter die Menschheit gebracht haben. [...] Aber mehr oder weniger stark sieht Schopenhauer diesen Zug bei nahezu allen Erscheinungen des religiösen Lebens ausgeprägt. Nur eine hochbedeutsame Ausnahme bietet sich dar: das ist der Buddhismus. Er hat seine Verbreitung wesentlich ohne Blutvergießen und ohne Gewalttätigkeiten erlangt (2). Alles in allem genommen ergibt sich aus den Tatsachen der Geschichte für den demoralisierenden Einfluß der Religion eine überwältigende Bestätigung. Ihn zu übersehen oder zu übergehen, widerspricht den Pflichten der Philosophie. [...]

Aber auch das echte Christentum bleibt mit schweren Gebrechen behaftet, Gebrechen, die es selbst in seinen reinsten Ausprägungen nicht abzustreifen vermocht hat, da sie mit seinen Überlieferungen allzufest verwachsen sind. Dazu gehört der Glaube an den persönlichen Gott, der die Welt - gleichsam durch ein ideales Individuum - „von außen“ geschaffen sein läßt, und zwar geschaffen aus dem Nichts, ein Glaube, der auch in den Verfeinerungen theologischer Interpretation seine Absurdität nicht verleugnet.

Dazu gehört die Verkennung der Wesensverwandtschaft des Menschen mit der Tierwelt, durch welche das Christentum die organische Einheit des Lebendigen sprengt, den Menschen von der Tierreihe willkürlich losreißt und die Tiere zu moralischer Rechtlosigkeit verurteilt.(x) Die pantheistische Umdeutung des christlichen Theismus dagegen stellt nur eine Verschleierung gottloser Weltanschauung dar und verläßt damit den christlichen Boden.

Der Gipfel innerhalb der Rangordnung der historisch gegebenen Religionen aber wird nicht von den zeitlich spätesten unter ihnen eingenommen, sondern einige der ältesten stehen dem Rang nach obenan. Es sind die indischen Religionen, in denen der Gedanke der Ureinheit alles Wirklichen, ohne theistisch-personalistische Verzerrung, eine großartige und geschlossene Verkörperung findet, in denen die idealistische und pessimistische Grundanschauung ungebrochen zum Ausdruck kommt und zu einer Moral von unvergleichlicher Größe führt.

Die Wesensverwandtschaft des Menschen mit der gesamten Natur wird unumwunden anerkannt und für die Sittlichkeit fruchtbar gemacht: Tat twam asi ! (Dies bist du!) heißt es nicht nur jedem Mitmenschen gegenüber, sondern gegenüber jedem Tier, ja jedem lebenden Wesen schlechthin, eben weil man in jedem von ihnen das gleiche Urwesen walten sieht, in welchem das eigene Individuum wurzelt. Mit dem Gedanken der Metempsychose, der als Glaube an die Wanderung der Seelen auftritt, wird ein Maximum mythischer Weisheit erreicht.

An der Spitze dieser Gruppe aber steht als die „vornehmste" aller Religionen der Buddhismus mit seiner überwältigenden Bekennerzahl, die atheistische Religion. Es ist verständlich, wenn Schopenhauer angesichts der Übereinstimmung der Geisteswelt der indischen Religionen mit den Ergebnissen seiner Philosophie eine tiefe Genugtuung empfindet und wenn er von dieser Seite her eine Art zweiter Renaissance für die europäische Menschheit erhofft (4).

                          > Schopenhauer und Buddhismus


Anmerkungen der Redaktion

Die folg. Quellenangaben, die sich auf Grisebach beziehen, wurden aus dem Bibliographischen Wegweiser und den Anmerkungen in Hasses o. g. Buch (S. 463 und 512) übernommen.

(1) E. Grisebach, Arthur Schopenhauers sämtliche Werke in 6 Bänden, Leipzig 1891 und später, V, 367, 414.

(2) E. Grisebach, a. a. O., II, 411; III, 615-16; IV, 27; V, 359, 365, 366, 372-73, 375, 376.

(3)  Gegen Ende seines o. g. Schopenhauer-Buches (S. 450 f.) wies Heinrich Hasse auf die “Gedanken” hin, “mit welchen Schopenhauer die Einordnung des Menschen in die Reihe der höheren Wirbeltiere vollzieht”. In diesem Zusammenhang hob Hasse hervor, dass Schopenhauers “philosophische Zurückweisung     [....] einer Sonderstellung des Menschen gegenüber den Tieren und die damit verbundene Anerkennung der Wesensverwandtschaft des Menschen mit der Tierwelt eine innerhalb des abendländischen Denkens höchst verdienstvolle Tat” sei. “Ihre Bedeutung erscheint noch größer bei der Erwägung, daß (im Gegensatz zur indischen Weltauffassung] das christlich-europäische Denken mit der Leugnung dieser Wesens- verwandtschaft die Einheit des organischen Lebens gesprengt, den Menschen von der Tierreihe willkürlich losgerissen und die Tiere zu moralischer Rechtlosigkeit verurteilt hatte.”

(4) E. Grisebach, a. a. O., I, 13; IV, 72; V, 232.

                     > Heinrich Hasse : Arthur Schopenhauer 

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