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Plotin und die Upanishaden

Woher kommen wir, wohin gehen wir?

Die altindischen Upanishaden und die Erkenntnisse des in Ägypten geborenen antiken griechischen Philosophen und Begründer des Neuplatonismus, Plotin (205-270 u. Ztr.), sind auch deshalb von besonderem Interesse, weil sie eine Frage beantworten, welche die Menschen seit jeher bewegt hat: Woher kommen wir und wohin gehen wir? Plotin (griech. Plotinos ) und die Upanishaden zeigen dabei überraschende Ähnlichkeiten.

Die von Arthur Schopenhauer hoch gepriesenen Upanishaden sind das Ergebnis eines wohl mehr als zwei Jahrtausende andauernden spirituellen Erkenntnisprozesses. Es ging dabei immer mehr um die Frage: Was steckt hinter aller Vielheit unserer Welt? Ebenso wie im alten Indien ist das seit dem Altertum auch eine zentrale Frage der westlichen Philosophie.  So bestehe, wie Schopenhauer in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung schrieb, “die Fähigkeit zur Philosophie eben darin ..., worin Platon sie setzte, im Erkennen des Einen im Vielen und des Vielen im Einen”.(1)

Einen geistigen Höhepunkt in dieser Entwicklung erreichten die Upanishaden in der Lehre des Advaita-Vedanta, wonach diese uns als ungeheure Vielheit erscheinende Welt in Wahrheit nur eine Einheit ( Advaita, Sanskrit, wörtl. Nicht-Zweiheit) sei. Die vermeintliche Vielheit sei lediglich eine durch unseren Geist bedingte trügerische Wahrnehmung, eine Illusion, also nur Schein (Maya). Diese Aussage steht in bemerkenswerter Übereinstimmung mit Schopenhauer, denn nach  dessen Philosophie ist die Vielheit der Erscheinungsformen, also die Welt, die wir wahrnehmen, nur eine Vorstellung, und zwar auf Grund des in unserem Gehirn von vornherein (apriori) fest verankertem Denken in Raum, Zeit und Kausalität. 

Diese monistische Auffassung ist jedoch in den älteren Upanishaden nicht enthalten. Dazu stellte Paul Thieme im Nachwort zu seiner Übersetzung der Upanishaden fest: “So läßt sich z. B. zeigen, daß die für die Philosophie Shankaras (des bedeutendsten Interpreten des Advaita-Vedanta) so wichtige Lehre, daß die sogenannte Wirklichkeit der Welt, die uns umgibt, in Wahrheit nur Schein, eine Illusion (maya) sei, in den älteren Upanischaden keine Bestätigung findet. Hier stehen sich vielmehr ursprünglich Einheit, zu der, gegebenenfalls, nach dem Tode eine Rückkehr stattfindet, und spätere Vielheit als Realitäten gegenüber”.(2)

Die Auffassung, dass sich die ursprüngliche Einheit später zu einer Vielheit entfaltete, welche wiederum am Ende zu einer Einheit wird, wurde im Abendland wohl am deutlichsten durch den griechischen Philosophen Plotin vertreten, dessen Philosophie, der so genannte Neuplatonismus, trotz aller Beschränkungen durch christliche Dogmen im westlichen Denken erhebliche Bedeutung erlangte. Richard Harder, einer der wichtigsten Übersetzer Plotins, urteilte in seinem Nachwort “Zu Plotins Leben, Wirkung und Lehre” (1958): “Erst in den letzten Jahrzehnten hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, daß unter den uns erhaltenen griechischen Philosophen, nächst den Klassikern Plato und Aristoteles  dieser späte Nachfahr ( Plotin ) , der am Ende des klassischen Altertums steht, der bedeu- tendste Denker und folgenreichste Anreger gewesen ist.”(3)

Obwohl zwischen  der Philosophie Schopenhauers und der des Plotin erhebliche Unterschiede bestehen, wurden die Enneaden, in denen Plotins Aussagen durch seinen Schüler Porphyrios (4) zusammengestellt sind, von Schopenhauer empfohlen, wobei die vierte “vortrefflich” sei.(5) Hierzu ergänzend meinte Schopenhauer, dass bei Plotin “große, wichtige und tiefsinnige Wahrheiten zu finden (sind) ...; daher er (Plotin) durchaus gelesen zu werden verdient und die hiezu erforderliche Geduld reichlich belohnt”.(6) 

Auch im Zusammenhang mit der Mystik empfahl Arthur Schopenhauer, Plotin zu lesen:  Wer zur Erkenntnis, “bis zu welcher allein die Philosophie ihn leiten kann, ... Ergänzung wünscht, der findet sie am schönsten und reichlichsten im Oupnekhat (Upanishaden), sodann in den Enneaden des Plotinos ...”.(7) Für Schopenhauer waren die Aussagen des Plotin “Indo-Ägyptische Wahrheit”: “Von diesem indischen, durch Ägypten vermittelten Ursprunge der neuplatonischen Dogmen zeugt zunächst und unleugbar die ganze All-Eins-Lehre des Plotinos, wie wir sie vorzüglich in der 4. Enneade dar- gestellt finden.”(8)

Ob, wie Schopenhauer meinte, Plotins Lehre von der Alleinheit, ihren Ursprung in Indien hatte, ist strittig. Jedenfalls berichtete Porphyrios, Plotins Schüler und Biograf: Plotin sei “so tief in die Philosophie eingedrungen, daß er auch die bei den Persern und bei den Indern gebräuchliche und angesehene Philosophie  kennenzulernen trachte. Als daher der Kaiser Gordian (III.) sich anschickte gegen die Perser zu ziehen, begab er sich in sein Feldlager und zog mit.”(9) Plotin kam jedoch weder nach Persien noch nach Indien, denn der Feldzug endete mit der Ermordung des Kaisers bereits in Mesopotamien., von wo Plotin “nur unter Schwierigkeiten entkommen” konnte.

Nicht bloß Schopenhauer sah bei Plotin Gemeinsamkeiten mit der altindischen Philosophie, also vor allem mit den Upanishaden. So fand bereits der besonders wegen seines Einflusses auf Plotin wichtige Platoniker Numenios  in Platons  Philosophie “Übereinstimmung nicht nur mit mit den Lehren des Pythagoras, sondern auch mit den Offenbarungen der indischen Brahmanen ...”, deren wichtigste Schrift dazu die Upanishaden sind.(10)

Beide, die Upanishaden und Plotin, beantworteten die Frage: Woher kommen wir und wohin gehen wir? In den Upanishaden heißt es: “Das Brahman seiend, geht er (gemeint ist die Seele) in das Brahman ein.(11). Die Seele geht dorthin, woher sie kam, eigentlich schon immer war, es aber wegen ihrer getrübten Erkenntnis nicht wusste.

Nach Plotin erfolgt die Rückkehr zum Ursprung als Aufstieg zum Einen über den Weg von der  asketischen “Reinigung zur Wendung nach innen, über die Konzentration zur Kontemplation”.(12) Über diesen Weg nach Innen gelangt man zur “Schau” des Einen, wobei von Plotin immer wieder betont wurde, dass hierzu vor allem das Stillwerden erforderlich sei. Schließlich heißt es, das “Selbst auslöschen, alle Eigenbewegung, auch die schauende, stillegen, sich gänzlich darangeben und mit dem Geschauten vereinigen, selber das Geschaute nicht mehr schauen, sondern es werden”. Das sei - wie Harder im Kommentar zu seiner Übersetzung der Enneaden feststellte - die unio mystica. Schopenhauer nannte es die Überwindung des principium indiviationis, in den Upanishaden ist es die Erkenntnis des Tat twam asi. Auf diesem Weg, der an den Edlen Achtfachen Pfad des Buddha zur Erlösung vom Leid der Welt erinnert, hätte Plotin, so schilderte Porphyrios,  alles getan, “ um zu entrinnen der beißenden Woge” des “blutig mordenden” irdischen Lebens.(13)

Wie Porphyrios bezeugen konnte, war Plotin nicht nur als Lehrer, sondern auch als Mensch mit seiner alltäglichen Lebensführung ein außergewöhnlicher Philosoph: “Er war von sanftem Wesen und stand jedermann zur Verfügung, der irgendwie mit ihm bekannt war ... immer  anziehend von  Anblick, ... zeigte sich eine freundliche Bereitschaft gegenüber Fragen und zugleich eine unermüdliche Auf- merksamkeit”. Seine Charakterisierung Plotins bekräftigend, hob Porphyrios hervor, daß er (Plotin) “mild war und sanft und liebenswürdig und freundlich, was wir aus Augenschein bezeugen können, daß er wachsam war, ohne einzuschlafen, daß seine ´Seele rein` war”.(14) So kann Plotin, der übrigens vegetarisch (vielleicht sogar vegan) lebte, nicht nur im Hinblick auf seine Lehre, sondern auch auf seine Lebensführung durchaus mit den altindischen Weisen verglichen werden.(15) Auf den Weisen Plotin traf zu, was von Schopenhauer - wie im alten Indien - höher als bloß theoretisches Wissen geschätzt wurde:

Weisheit scheint mir nicht bloß theoretische, sondern auch praktische Vollkommenheit zu bezeichnen. Ich würde sie definieren als die vollendete, richtige Erkenntnis der Dinge, im Ganzen und Allgemeinen, die den Menschen so völlig durchdrungen hat, dass sie nun auch in seinem Handeln hervortritt, indem sie sein Tun überall leitet.(16)

Weisheit ist nicht unbedingt Mystik. In der Weisheit kann aber Mystik verborgen sein. Sie ist nicht jedem so ohne weiteres zugänglich, denn  sie offenbart sich wohl nur dem Stillgewordenen, dem Schauenden als Erleuchtung. Wie Porphyrios berichtete, hatte Plotin, während er bei ihm weilte, wahrscheinlich viermal Erlebnisse, die auf Erleuchtung hindeuten.(17) Es war für Plotin ein “Zustand des Schauens”, das plötzlich eintritt und “sein Eintreten nicht in die Macht des Menschen gegeben ist, daß er sich zuletzt ohne aktives Zutun ´ereignet `”.(18)  So beruhten Plotins Erkenntnisse weniger auf diskursivem Denken als vielmehr, wie Harder in seinem Vorwort zur vierten Enneade schrieb, auf “seiner mystischen Erfahrung der Versenkung und des Erwachens aus ihr”.(19)

Auf diesem spirituellen Wege fanden Plotin und die Weisen der Upanishaden Antworten auf  existentielle Fragen der Menschheit, zu der ja auch die oben in der Überschrift gestellte Frage nach dem Woher und Wohin gehört. Ihre Antworten sind zwar unterschiedlich formuliert, aber von ihrem tieferen Inhalt her einander erstaunlich ähnlich. Ist das nicht schon ein Beleg dafür, dass die Aussagen des altgriechischen Philosophen Plotin und der altindischen Upanishaden der Wahrheit nahe kommen?

Die Lehren von Plotin und der Upanishaden sind in ihrem Kern  Mystik. Sie zeigen  eindrucks- voll, wie Recht Arthur Schopenhauer hatte, wenn er meinte:

Die überraschende Übereinstimmung der Mystiker aller Zeiten und Länder im innern Sinn und Geiste ihrer Lehren, sowie in ihrer Handlungsweise, bei der großen Verschiedenheit ihrer sonstigen Ansichten, bezeugt die Wahrheit ihrer Aussagen.(20)
                                                                                                                                                     hb

Anmerkungen
(1)   Arthur Schopenhauer , W I, S. 98.
(2)   Upanischaden, aus dem Sanskrit übertr. und erl. von Paul Thieme, Stuttgart 1979, S.87.
(3)   Plotin , Ausgewählte Schriften, in der Übers. von Richard Harder, teilw. überarb. von Willy Theiler und
        Rudolf Beutler, hrsg. von Walter Marg, Stuttgart 1973, S. 245.
(4)   Über Porphyrios (etwa 232-304) urteilte Arthur Schopenhauer, dass er “bei weitem besser” sei als die anderen
        Neuplatoniker, denn “er ist der einzige, der deutlich und zusammenhängend schreibt”(P I, S. 60).
        Porphyrios war u. a. der Verfasser eines 15-bändigen Werkes unter dem Titel Kata Christianōn  (griech.,
        Gegen die Christen). Dieses Werk, das sich durch “immense Gelehrsamkeit und eindringenden Scharfsinn”
        auszeichnet, war für das Christentum so gefährlich, dass es vor 325 auf Anordnung von Kaiser Konstantin
        und dann nochmals 448 von den Kaisern Theodosios II. und Valentinian vernichtet werden musste. (Vgl.
        Lexikon der philosophischen Werke, Stuttgart 1988, S. 372.)
(5)   Arthur Schopenhauer , P I, S. 62
(6)   Ebd.
(7)   Arthur Schopenhauer , W II, S. 703.
(8)   Arthur Schopenhauer , P I, S. 62 f.
(9)   Porphyrios: Über Plotins Leben, in: Plotin, a. a. O., S. 9.
(10)  Jens Halbwassen, Plotin und der Neuplatonismus, München 2004, S. 22.
(11) Upanischaden , a. a. O., S.87. Brhadaranyaka-Upanishad 4.4.8 und Kausitaki-Upanishad 1,4
(12) Hierzu und dem Folgenden s. Richard Harder: Zu Plotins Leben, Wirkung und Lehre, 
        in: Plotin  , Ausgewählte Schriften, a. a. O., S. 267.
(13) Porphyrios: Über Plotins Leben, a. a. O., S. 18.
(14) Ebd., S. 13, 16 und 18.
(15) Zur vegetarischen und damit die Tiere schonenden Lebensweise, die in Indien jetzt noch weit verbreitet ist
        und für die sich - was im Abendland eine Ausnahme war - Plotins Schüler und Biograf Porphyrios auch aus
        ethischen Gründen vehement einsetzte, s. Porphyrios , Über die Enthaltsamkeit von fleischlicher Nahrung,
        Leipzig 2004.
(16) Arthur Schopenhauer , P II, S. 637.
(17) Porphyrios: Über Plotins Leben, a. a. 0., S. 18 f.
(18) Richard Harder: Zu Plotins Leben, a. a. O., S. 267.
(19) Plotin , Ausgewählte Schriften, a. a. O., S. 23.
(20) Zusammenfassung mehrerer Schopenhauer-Zitate durch Gustav Friedrich Wagner in seinem
        Schopenhauer-Register,  neu hrsg. von Arthur Hübscher,  Stuttgart-Bad Cannstatt 1960, S. 290
        (Stichwort Mystik).

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