Übersicht

Abkürzungen / Quellen

Studienkreis

Arthur Schopenhauer

Redaktion

 Arthur Schopenhauer

 Magie - praktische Metaphysik

Um über alle geheime Sympathie, oder gar magische Wirkung, vorweg zu lächeln, muß man die Welt gar sehr, ja, ganz und gar begreiflich finden. Das kann man aber nur, wenn man mit überaus flachem Blick in sie hineinschaut, der keine Ahnung davon zuläßt, daß wir in ein Meer von Räthseln und Unbegreiflichkeiten versenkt sind und unmittelbar weder die Dinge, noch uns selbst, von Grund aus kennen und verstehn.
           Arthur Schopenhauer , Über den Willen in der Natur , Animalischer Magnetismus und Magie (N 109)

Wie kaum ein anderer bedeutender westlicher Philosoph der Neuzeit hatte Arthur Schopenhauer das Thema Magie in seine Philosophie einbezogen. Er bezeichnete die Magie in Anlehnung an Francis Bacon, einem englischen Gelehrten im 16. Jahrhundert, als  praktische Metaphysik ( N 104). Hierbei verstand Schopenhauer unter Metaphysik “jede angebliche Erkenntnis, welche ... über die Natur oder die gegebene Erscheinung der Dinge hinausgeht”
(W II 180).

Der Glaube an Magie spielt im Alltag - ob verborgenen oder offen - eine weit größere Rolle als die meisten Menschen zugeben wollen. Auch von den im Abendland vorherrschenden mono- theistischen Religionen, die Magie als Aberglauben verurteilen, wird sie dennoch mehr oder weniger praktiziert, und zwar vor allem im Rahmen ihrer Zeremonien und Riten.* Deren Gläubige wenden sich dabei an eine “höhere Macht”, von ihnen “Gott” genannt, um deren Beistand zu erbitten. Wenn ihnen dann tatsächlich, wie sie annehmen, geholfen wird, so ist das ein Ereignis, das sie der Macht Gottes zuschreiben, welches jedoch nicht kausal im naturwissenschaftlichen Sinne zu erklären ist.

Der Mensch hat, wie Arthur Schopenhauer erkannte, ein metaphysisches Bedürfnis. Das kommt auch in der Magie zum Ausdruck. Hierbei versucht der Mensch, durch Magie die ihm von der Natur gesetzten “normalen” Grenzen zu überschreiten, d. h. über das Physische zum Metaphysischen zu gelangen. Dieses zu allen Zeiten und in allen Kulturen überaus bedeutsame Phänomen wurde von Schopenhauer in seiner Philosophie ausführlich und schlüssig erklärt, und zwar vor allem in seiner Schrift Über den Willen in der Natur . Dort wird deutlich, dass Schopenhauer eine enge Verbin- dung zwischen der Magie und dem sah, was hinter allen Erscheinungen der Natur steht, nämlich ein metaphysischer > Wille .

Die Aussagen Schopenhauers zur Magie sind für das Verständnis seiner Philosophie, vor allem seiner Lehre vom metaphysischen Willen,  von wesentlicher Bedeutung. Deshalb, aber auch im Hinblick auf die  > Upanishaden , welche in der Magie ihren Ursprung haben und die, wie Schopenhauer betonte, eine wichtige Ergänzung seiner Philosophie sind, ist das Thema Magie für den Arthur - Schopenhauer - Studienkreis  von erheblichem Interesse. Jedoch gerade dieses Thema erfordert besondere Seriosität und daher Vorsicht, denn - so stellte Schopenhauer zur Magie völlig zu Recht  fest -  “ Lüge und Betrug, überall in der Welt häufig, haben nirgends einen so freien Spielraum, als da, wo die  Gesetze der Natur ... für aufgehoben erklärt werden” (N 108). 

Anmerkungen
* Das “Wörterbuch der Religionen” (3. Aufl., Stuttgart 1976, S. 358, Stichwort “ Magie” ) meint hingegen, Magie stehe im Gegensatz zur “höheren Religion”, weil die Magie “auf einem Mechanismus unpersönlicher Kräfte” beruhe, “die der Mensch  in Bewegung setzt”. Der Magie liege zugrunde “der Glaube an die Automatik von  Kräften, die der Mensch zum eigenen Nutzen wie zu anderer Schaden auszuwerten sucht”. Allein schon die besonders in alten Kulturen weit verbreitete Heilung durch schamanistische und somit magische Praktiken zeigt, dass Magie durchaus auch zum Nutzen anderer angewendet werden kann. Die in obiger Definition erfolgte  Eingrenzung auf die “schwarze” Magie ist aber verständlich, wenn man an das Tötungsgebot der Bibel denkt: Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen.(2. Mose 22,17), was übrigens auch noch an  anderen Stellen der Bibel zum Ausdruck kommt.

                                                                                                                               > Magie (kurze Einführung)
                            > Magie und Schopenhauers Philosophie

Auszüge aus > Wagners Schopenhauer-Register
(Stichwort Magie , S. 254 f.):

  • Zu allen Zeiten und bei allen Völkern hat man an die Magie
    geglaubt, und überall stand die Todesstrafe darauf (s. dazu
    obige Anm., letzter Satz). Ganz allein das vorige (18.) Jahr-
    hundert macht eine Ausnahme, indem man, in der guten
    Absicht, den Hexenprozessen eine Ende zu machen, die
    Unmöglichkeit aller Magie behauptete.
    > N 105, 107.
    Trotzdem hat das Volk nie aufgehört, an Magie zu glauben.
    > N 105, 108, 110 f.; P I  241, 284; ( P II 307 ).
    Aus der Beharrlichkeit, mit welcher die Menschheit den
    Gedanken der Magie verfolgt hat, muss man schließen, dass
    er einen tief liegenden Grund hat, und nicht eine willkürlich
    ersonnene Grille ist.
    > N 110 ff.
    Der Gedanke an Magie beruht auf dem Glauben, dass es noch
    eine andere Art gibt, auf die  Dinge zu wirken, als der gewöhn-
    liche Kausalnexus ( Zusammenhang von Ursache und Wirkung)
    , nämlich ein Wirken von innen. Wir können, als natura
    naturans
    ( Natur, die schöpferisch die Einzeldinge aus sich
    hervorgehen lässt ) wirken, den Mikrokosmos als Makrokosmos
    geltend machen. Es ist das innere Gefühl der Allmacht des
    Willens, welche unter gewissen Umständen die Schranken der
     Individualität durchbrechen kann.
    > N 111 f.; P I 281 f., ( 284 f.).
     
  • Die Magie wurde als Werk des Teufels angesehen. Diese
    Meinung war die Grundlage der Gesetze gegen Zauberei.
    > N 114 f., 105, 123, 126; P I 313.
     
  • Der grausame Eifer, mit welchem die Kirche die Magie verfolgt
    hat, beruht nicht bloß auf der Rolle des Teufels dabei, sondern
    auch auf der dunklen Ahnung, dass die Magie die Urkraft an ihre
    richtige Quelle zurückverlege ( Malleus maleficarum ; Circular- schreiben der Römischen Inquisition 1856).
    > N 127; P I 286.
     
  • Man unterschied eine schwarze und weiße Magie; letztere
    geschah durch Mitwirkung Gottes oder indem man den Teufel
    zum Gehorsam zwang.
    > N 114, 123 f.
     
  • Während die meisten Schriftsteller sich die magische Wirkung
    als keine unmittelbare, sondern als eine durch Götter und
    Dämonen vermittelte dachten, hatten die tiefer sehenden,
    gelehrten Schriftsteller schon früher erkannt, dass der > Wille
    das eigentliche Agens ( treibende Kraft ) dabei sei.
    > N 113, 115 f.
     
  • Aussprüche von Paracelsus, Agrippa v. Nettesheim, Vanninus,
    Helmont, Pomponatius, Jane Leade, Böhme, Campanella.
    > N 117- 124 f.,
     
  • Die Aufgabe der Magie war, den Weg zu finden, um die Isola-
    tion, in welcher der Wille sich in jedem Individuo befindet,
    aufzuheben und einen Einfluss über den eigenen Leib des
    Wollenden hinaus zu gewinnen.
    > N 112.
    Das physische Mittel ( symbolische Handlungen, Wachsbilder )
    wurde nur als Vehikel eines Metaphysischen genommen; das
    eigentlich Wirkende war der Willensakt, den man daran knüpfte.
    > N 112 f.
    Deshalb können auch falsche Ansichten über die Wirkungsweise
    der Magie ihrer Ausführung nicht hinderlich sein.
    > N 116.
     
  • Die Magie ist ein starker Beleg der Lehre Schopenhauers vom
    Willen.
    > N 104, 115; P I 283, 321.
    Allen Versuchen zur Magie liegt eine Antizipation der
    Metaphysik Schopenhauers zum Grunde, indem angenommen
    wird, dass ein unmittelbares Wirken auf die Natur, von Innen
    aus, möglich sei und ein solches nur durch den Willen vollzo-
    gen werden könne.
    > N 126, 112; P I 281 f., 319.
    Der Weg der magischen Wirkung geht durch das
    > Ding an sich .
    > P I 322, 327, 242 f., 310, 320; N 104 f., 109, 111.
     
  • Magie, Geschlechtsliebe, Mitleid sind drei Phänomene, welche
    auf der metaphysischen Identität des Willens beruhen, und die
    man unter den gemeinsamen Begriff der Sympathie bringen
    kann.
    > W II 691. 

 Übersicht

Abkürzungen / Quellen

Studienkreis

Redaktion