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Lucilio Vanini

Lucilio Vanini
(1585-1619)

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Lucilio Vanini

- ein “ Ketzer “ und Philosoph

aus der Sicht  von

Arthur Schopenhauer

 In eines seiner Manuskripte schrieb Arthur Schopenhauer innerlich sehr bewegt und voller Empörung über das furchtbare Ende des als Ketzer hingerichteten Philosophen Lucilio Vanini (1) :   “... der gelehrte und scharfsinnige von Pfaffen schändlich gemordete Vanini, deßen wir nie erwähnen sollen, ohne seiner schändlichen Mörder zu gedenken, des bigotten, fanatischen und grausamen Parlaments [Gericht] zu Toulouse, welches 1619 ihn lebendig verbrennen und zuvor die Zunge ausschneiden ließ.”(2)

Diese eben zitierte Stelle hatte Schopenhauer nicht veröffentlicht. In seinen Werken jedoch erwähnte er oftmals Vanini und dessen pantheistische Philosophie. Vor allem dann, wenn er die Verfolgung der Ketzer durch die christliche Kirche als Beispiel menschlicher Grausamkeit und religiösen Wahns brandmarkte, wies Arthur Schopenhauer auf Lucilio Vanini und den ebenfalls aus Italien stammenden Giordano Bruno hin. Beide Philosophen erlitten als Ketzer ein ähnliches Schicksal, wobei jedoch Bruno, den die Kirche 1600 in Rom verbrennen ließ, im Vergleich zu Vanini weit bekannter wurde, so dass heute selbst unter denen, die sich für Philosophie oder Religionsgeschichte interessieren, Vanini leider fast vergessen ist.

Die von Bruno und Vanini jeweils vertretene Naturphilosophie zeigt trotz mancher Unterschiede eine Gemeinsamkeit: Sie steht in einem grundsätzlichen Gegensatz  zur Lehre der christlichen Kirche. Hierbei ist besonders aufschlussreich, dass Vanini bereits die Priesterweihe erhalten hatte (3) und somit wie Bruno aus dem Kreis der katholischen Kirche stammte. Beide hatten trotz intensivster kirchlicher Indoktrination ihre Wahrheiten gefunden, wofür die sie dann mit ihrem furchtbaren Ende bezahlen mussten.

 Wie sich durch viele Zitate aus seinen Werken belegen lässt, studierte Arthur Schopenhauer nicht nur eingehend die Philosophie Giordano Brunos, sondern auch die von Lucilio Vanini. So zitierte Schopenhauer zum Beispiel ausführlich aus den von Vanini in Latein verfassten Schriften, in welchen dieser, und zwar durchaus schlüssig, begründete, warum Gott nicht nur der Urheber aller guten, sondern auch aller bösen Handlungen sei.

Hiermit beantwortete Vanini auch die von vielen Gottgläubigen gefürchtete Frage, wie ein allmächtiger und allgütiger Gott sich mit dem überall in der Welt existierenden Leid vereinbaren lässt (> Theodizee). Vaninis Antwort, in welcher er Gott als Urheber und somit auch als letztlich Verantwortlichen des Bösen darstellte, ist für die christliche Kirche und ihre Anhänger aus verständlichen Gründen kaum hinnehmbar.

Der hiermit, also mit dem Problem der Theodizee im Zusammenhang stehende folgende Auszug aus den Schriften Vaninis, den Schopenhauer in der lateinischen Originalfassung zitierte, lautet in der deutschen Übersetzung:  

Wenn Gott nicht wollte, daß die schlimmsten und nichtswürdigsten Handlungen in der Welt ihr Wesen hätten, so würde er ohne Zweifel mit einem Winke alle Schandthaten aus den Grenzen der Welt verjagen und verbannen; denn wer von uns kann dem göttlichen Willen Widerstand leisten? Wie kann man annehmen, daß die Verbrechen gegen Gottes Willen vollbracht würden, wenn er doch bei der Vollbringung der Sünde den Verbrechern die Kräfte dazu verleiht? Wenn aber der Mensch sich vergeht, ohne daß Gott es will, so ist Gott schwächer als der Mensch, der sich widersetzt und dazu die Macht hat. Hieraus schließt man, daß Gott die Welt so haben will, wie sie ist, denn wenn er eine bessere wollte, so würde er eine bessere haben. ...

Wenn Gott die Sünden will, so ist er es, der sie begeht; wenn er sie nicht will, so werden sie dennoch begangen. Folglich muß man von ihm sagen, daß er entweder nicht vorsehend, oder ohnmächtig, oder grausam ist ...(4)

Vaninis Argumente sind, wie das obige Zitat zeigt, so überzeugend, dass Schopenhauer mit Recht meinte:
Allerdings war es leichter, den Vanini zu verbrennen als ihn zu widerlegen.(5)
 

Weiteres > Arthur Schopenhauer: Gott und das Leid - Theodizee (Blogbeitrag)

Anmerkungen

(1) Lucilio Vanini nannte sich selbst Julius Caesar Vanini.
(2) Arthur Schopenhauer, Senilia [Manuskriptbuch], hrsg. v. Franco Volpi und Ernst Ziegler,
      München 2010, S. 165.
(3) Vgl. Wikipedia, Stichwort > Lucilio Vanini (Stand: 01.07.2016).
(4) Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden, Band X,
     Parerga und Paralipomena, 2. Band., 2. Teilband, Zürich 1977, S. 405 f.
(5) Ebd., S. 406.

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