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Zur Lebensphilosophie von Arthur Schopenhauer

Meditation - Kontemplation - Versenkung

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Bereits 1810 notierte Arthur Schopenhauer als Randglosse zu Kant, seinem ansonsten von ihm hoch geschätzten Lehrer: “Es ist vielleicht der beste Ausdruck für Kants Mängel, wenn man sagt: er hat die Kontemplation nicht gekannt.”(1) Diese Bemerkung findet sich in den frühsten Aufzeichnungen Schopenhauers. Sie zeigt, welche Bedeutung er schon in seinen jungen Jahren der Kontemplation beimaß. Dementsprechend wurde und blieb dann auch die Kontemplation, später von Schopenhauer auch Meditation genannt, ein zentrales Thema seiner Philosophie.

Kontemplation  definiert das “Philosophische Wörterbuch”  als “Schauen, Betrach- tung, anschauende Versenkung unter Ausschaltung alles Wollens ...; besonders bei den Mystikern die Beschauung des Göttlichen im Spiegel des eigenen Innern, zugleich die Erschließung übersinnlicher Wirklichkeitsstiefen”(2).

   Meditation , so erläutert das vorgenannte Wörterbuch, ist “Nachdenken, Nach- sinnen, Betrachtung im philosophisch-metaphysischem bzw. religiös-mystischem Sinne. ...Im religiös-mystischem Sinne wird Meditation als Versenkung erlebt, zum Mittel tiefsten Erkennens”.(3) Das Wörterbuch verweist dazu auf die obige Erklärung zur  Kontemplation.

Aus diesen Definitionen wird deutlich, dass Meditation und Kontemplation gleich- bedeutende Begriffe sind oder zumindest zwischen ihnen ein sehr enger Zusammenhang besteht. Stets handelt es sich  hierbei um  Versenkung , also um etwas, was in den aus Indien stammenden Religionen“, also im Hinduismus und Buddhismus einschließlich ZEN, von größter Bedeutung ist. Dort wird es als Dhyana (Sanskrit) oder Jhana (Pali) bezeichnet. Auch das ist eine der Gründe, warum gerade Buddhismus und Hinduismus der Philosophie Schopenhauers nahe stehen.

Arthur Schopenhauer hat - wie wohl kein anderer deutscher Philosoph -  beschrieben, was Kontemplation bzw. Meditation oder Versenkung zu bewirken vermag:

Wenn man, durch die Kraft des Geistes gehoben, die gewöhnliche Betrachtungsart der Dinge fahren läßt, ... nicht mehr das Wo, das Wann, das Warum und das Wozu an den Dingen betrachtet; sondern einzig und allein das Was; auch nicht das abstrakte Denken, die Begriffe der Vernunft, das Bewußtseyn einnehmen läßt; sondern statt alles diesen, die ganze Macht seines Geistes der Anschauung hingibt, sich ganz in diese ver- senkt, und das ganze Bewußtseyn ausfüllen läßt durch die ruhige Kontemplation des gerade gegenwärtigen natürlichen Gegenstandes, sei es eine Landschaft, ein Baum, ein Fels, ein Gebäude oder was auch immer; indem man, nach einer sinnvollen Deutschen Redensart, sich gänzlich in diesen Gegenstand verliert, d. h., eben sein Individuum, seinen Willen vergißt und nur noch als reines Subjekt, als klarer Spiegel des Objekts bestehend bleibt; so daß es ist, als ob der Gegenstand allein da wäre, ohne Jemanden, der ihn wahrnimmt, und man also nicht mehr den Anschauenden von der Anschauung trennen kann, sondern beide Eines geworden sind, indem das ganze Bewußtseyn von einem einzigen anschaulichen Bilde gänzlich gefüllt und eingenommen ist; wenn also ... das Subjekt aus aller Relation zum Willen getreten ist, dann ist, was also erkannt  wird, nicht mehr das einzelne Ding als solches; sondern es ist die Idee, die ewige Form... : und eben dadurch ist zugleich der in dieser Anschauung Begriffene nicht mehr Individuum; denn das Individuum hat sich eben in solche Anschauung verloren: sondern er ist reines, willenloses , schmerzloses Subjekt der Erkenntniß. (4)

Aus diesen Ausführungen wird auch verständlich, warum Schopenhauers Philosophie  zwar auf der von Kant beruht, aber doch weit über diese hinaus geht und eine Tiefe erreicht, die wohl nur mit der in den östlichen Weisheitslehren und der abendländischen Mystik vergleichbar ist. Der Schopenhauer-Biograph Walter Abendroth schrieb zu obigem Zitat:         “Hier wird ersichtlich, welche außerordentliche Bedeutung ihr (der Kontemplation ) für eine höhere Art der Erkenntnis, als die normale Tätigkeit des Intellekts vermitteln kann, zukommt. Die kontemplative Anschauung * oder auch meditative Versenkung ermöglicht in Einem die Befreiung des einzelnen Menschen aus den Fesseln der Einzelheit, das heißt aber: der Gebundenheit aus Zeit, Raum und Ursächlichkeit...”.(5) Befreiung - darum geht es letztlich bei der Meditation bzw. Kontemplation und somit in Schopenhauers Philosophie!

> Buddhistische Meditation / Versenkung

Anmerkungen:
(1) Arthur Schopenhauer , HNH 1, S.13.
(2) Heinrich Schmidt, Philosophisches Wörterbuch. Neu bearb. von Georgi Schischkoff,
      21. Aufl., Stuttgart 1982, S. 370 (Stichwort Kontemplation).
(3) Ebd., S. 444 (Stichwort Meditation).
(4) Arthur Schopenhauer , W I, 210 f.
(5) Walter Abendroth , Arthur Schopenhauer in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten
      (rowohlts monographien), Reinbek bei Hamburg 1967/1980, S. 51.

* Auf kontemplativer Anschauung beruhte z. B. die > Ikonenandacht der altrussischen Mönche.
                                                                                                                                                                      HB

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