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Arthur Schopenhauer : Lebenskraft und Materialismus

Arthur Schopenhauer

Aus Unwissenheit und rohem Materialismus,
wird die Lebenskraft geleugnet.
                                        
Arthur Schopenhauer (1)

Lebenskraft ist laut “Wörterbuch der philosophischen Begriffe” das lebensschaffende und -erhaltende Prinzip, die Ursache der Lebens- erscheinungen.(2) Diese Auffassung wird im Vitalismus vertreten, also einer Lehre, wonach das Leben einer besonderen Lebenskraft zu verdanken ist, die die Lebenserscheinungen hervorbringt.(3) Dem steht die vom Materialismus vertretene Auffassung, der sog. Mechanismus gegenüber, der das Leben allein nach physikalischen und chemischen Gesetzen zu erklären versucht.(4)

Arthur Schopenhauer lehnte derartige materialistischen Erklärungen für das Entstehen und die Existenz des Lebens entschieden ab:  Ganz dieser Art  ist endlich der eben jetzt, in der Mitte des 19. Jahrhunderts wieder aufgewärmte, aus Unwissenheit sich original dünkende, rohe Materialismus, welcher zunächst, unter stupider Ableugnung der Lebenskraft, die Erscheinungen des Lebens aus physikalischen und chemischen Kräften erklären [...] möchte.(5)

Wie sich dann zeigte, war Schopenhauers Ablehnung der materialistischen Lebensdeutung nicht ganz unberechtigt, denn naturwissenschaftliche Forschungen  führten in den Jahrzehnten nach Schopenhauer zu Widersprüchen, die mit rein mechanistischen Erklärungen kaum aufzulösen sind. So heißt es in einer Sammlung naturwissenschaftlich orientierter Beiträge, die unter dem Titel “Chaos und Ordnung” veröffentlicht wurden:

Betrachten wir zunächst die Herausforderung durch den “Evolutionismus”. Hier stoßen wir auf den Gegensatz zwischen der Evolutionstheorie Darwins und der Thermodynamik, wie sie von Clausius und Boltzmann entwickelt wurde. Mit der Ausbildung der “klassischen Thermodynamik” hatte die Physik eine weitere Konfliktlinie zur Biologie aufgebaut, wodurch die Entstehung und Entwicklung von Ordnung immer rätselhafter wurde. Im Unterschied zur mechanischen Beschreibung in der alle Prozesse reversibel [umkehrbar] sind, bringt die thermodynamische Beschreibung  von Ausgleichsprozessen Irreversibilität [Unumkehrbarkeit] ins Spiel. Bestimmte Prozesse sind zeitlich nicht umkehrbar. Zwei Gase unterschiedlicher Dichte streben zu einer einheitlichen Dichte, wenn sie in Kontakt geraten. Das Gegenteil, der Aufbau einer Differenz aus einer gleichförmigen Verteilung passiert dagegen so gut wie nie. Allgemein gilt: In abgeschlossenen Systemen wird aus Ordnung (etwa eine Dichtedifferenz) immer nur Unordnung (eine homogene Dichteverteilung). Dagegen ist die Entstehung von Ordnung aus Unordnung nach den Gesetzen der Thermodynamik praktisch ausgeschlossen. [...]

Durch die aus den Gesetzen der Thermodynamik folgende Unwahrscheinlichkeit von Ordnung geriet die Physik erneut in einen Konflikt mit der Biologie, speziell mit den entwicklungsgeschichtlichen Tatsachen. Denn offenbar gibt es in der belebten Natur - über das Wechselspiel von Variation und Selektion (so die Darwinsche Theorie) - eine Entwicklung hin zu immer komplexerer Ordnung und gerade nicht eine “desorganisierende” Entwicklung hin zu wachsender Unordnung. Während in der klassischen Thermodynamik der Zeitvektor “abwärts” zeigt, in Richtung Strukturlosigkeit und Zufall, weist er in der Biologie Darwins “nach oben”, in Richtung zunehmender Strukturiertheit und funktionaler Zweckmäßigkeit.(6)

In diesem Zusammenhang weist der obige Beitrag auf die Arbeiten des deutschen  Biologen und Philosophen > Hans Driesch hin: Er hatte 1891 bei Teilungsexperimenten mit Seeigeln eineiige Zwillinge erzeugt: die beiden aus demselben Seeigelkeim hervorgehenden Blastomeren [Zellen in einem frühen Entwicklungszustand] wuchsen zu vollentwickelten, lebensfähigen Exemplaren heran, vermochten also durch die Teilung verursachten Verluste zu kompensieren [auszugleichen]; für Driesch war dies ein Beleg für “Ganzheitswirkung durch Selbstdifferenzierung” - wurde doch der Organismus nicht halbiert, sondern im Gegenteil verdoppelt. Die Teilung als ganzheitlicher Prozeß widerspreche aber allen mechanistischen Vorstellungen. Für die Entwicklung des Embryos sei stattdessen eine immaterielle “Entelechie” verantwortlich.(7)

Laut “Philosophischem Wörterbuch” ist in der gegenwärtigen Naturphilosophie Entelechie [...] etwas Reales, aber nicht etwas von physischer oder psychischer Realität, sondern von metaphysischer Realität.(8) Diese Erklärung kommt der Auffassung Arthur Schopenhauers sehr nahe, denn nach seiner Philosophie ist der Wille “als Lebenskraft tätig” (9), wobei dieser Wille, wie an anderer Stelle dargelegt ist (> dort),  von Schopenhauer im metaphysischen Sinne verstanden wurde. Somit ist die Kraft, die alles Leben schafft und erhält, metaphysisch, ja mehr noch: Die Lebenskraft ist mit dem [metaphysischen] Willen identisch.(10)

Im Folgebeitrag der bereits erwähnten Sammlung wird auf die Forschungen von Driesch Bezug genommen und gefragt: “War es eine nichtmaterielle Kraft, die solche [wie die von Driesch beschriebenen] Vorgänge bewirkt?”(11)  Schopenhauer gab die Antwort, und zwar philosophisch tief und überzeugend begründet.

Indem Schopenhauer mechanistische Erklärungen für das Entstehen und die Existenz des Lebens als “rohen Materialismus” verwarf und stattdessen vom Wirken einer immateriellen Lebenskraft ausging, wurde er zum Wegbereiter einer vitalistischen Lebensauffassung, der sich nicht nur Driesch, sondern auch andere bedeutende Wissenschaftler wie etwa der Nobelpreisträger für Physik, Wolfgang Pauli, weitgehend anschlossen. Deshalb ist es keine Übertreibung, wenn Arthur Hübscher in seiner sehr umfasenden Untersuchung zur Wirkungsgeschichte Schopenhauers feststellte: Ohne Schopenhauer ist die Wendung  zum Vitalismus und weiter zum Neovitalismus schlechterdings undenkbar.(12)

Gerade seine metaphysisch tief gegründeten Darlegungen zum Thema Lebenskraft zeigen Arthur Schopenhauer als einen Philosophen, für den das Leben weit mehr bedeutete als das bloß zufällige Ergebnis physikalischer und chemischer Prozesse. Wohl auch deshalb hat sich Schopenhauers Lebensphilosophie seit bald  zwei Jahrhunderten für viele Menschen als hilfreich erwiesen.


Weiteres zum Begriff Lebenskraft in Schopenhauers Philosophie  > dort


Anmerkungen

(1)   Sinngemäß zit. aus der in Anm. 5 genannten Quelle. 
(2)   Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Hrsg. von Johannes Hoffmeister.
        2. Auflage, Hamburg 1955, S. 370 (Stichwort: Lebenskraft).
(3)   Wörterbuch, a. a. O., S. 649 (Stichwort: Vitalismus).
(4)   S. Anm. 1.
(5)   Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden, Band I,
        Die Welt als Wille und Vorstellung I, Zürich 1977, S. 169.
(6)   Günter Küppers und Rainer Paslack, Die natürlichen Ursachen von Ordnung und
        Organisation. In: Chaos und Ordnung. Hrsg. von Güter Küppers, Stuttgart 1996, S. 54.
(7)    Ebd., S. 55.
(8)    Philosophisches Wörterbuch. Neu bearb von Georgi Schischkoff,
        21. Auflage, Stuttgart 1982, S. 155 f. (Stichwort: Entelechie).
(9)    Arthur Schopenhauer, a. a. O., Band III, Die Welt als Wille und Vorstellung II, S. 249.
(10)  Gustav Friedrich Wagner, Schopenhauer-Register. Neu hrsg. von Arthur Hübscher,
        Stuttgart-Bad Cannstatt 1960, S. 239 (Stichwort: Lebenskraft). Dort sind zum obigen
        Zitat, in welchem Wagner die diesbezüglichen Aussagen Schopenhauers sinngemäß
        zusammenfasste, die Schopenhauer-Quellen angegeben.
(11) Reinhold Mocek, Ganzheit und Selbstorganisation: Auf den Spuren eines
        biologischen Grundproblems. In: Chaos und Ordnung, a. a. O., S. 65.
(12) Arthur Hübscher, Denker gegen den Strom. Schopenhauer : Gestern - Heute - Morgen.
        4. Auflage, Bonn 1988, S. 270.

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