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Arthur Schopenhauer

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Individuation und Individuationsprinzip
 in der Philosophie von Arthur Schopenhauer

Schauen wir uns in der menschlichen Gesellschaft etwas genauer um, so erblicken wir keineswegs nur eine graue Einheitsmasse, sondern wir sehen eine Vielzahl von individuellen Einzelpersönlichkeiten. Ähnlich ist es in der Tierwelt, zumindest bei weiter entwickelten Tierarten. Auch dort können wir durchaus Individualitäten mit jeweils ausgeprägten Besonderheiten erkennen.  Alles das ist Ergebnis von Individuation, wobei dieser Begriff in philosophischen Lexika mitunter ziemlich abstrakt erklärt wird. So heißt es dort z. B., dass Individuation “die Sonderung eines Allgemeinen in Individuen” (1) und somit in “Einzelwesen”(2) .sei. Diese Aussonderung individueller Einzelwesen aus dem Weltganzen erfolge nach dem Individuationsprinzip ( principium individuationis ).

Arthur Schopenhauer hingegen hatte ein anderes Verständnis von Individuation, weil für ihn diese Welt nicht primär eine reale Vielheit war, die  sich aus irgendeiner “Einheit” gleichsam wie aus einem “Urknall” entfaltet hatte.(3) Vielmehr ging Schopenhauer in Anlehnung an Kant davon aus, dass die Wahrnehmung von Vielheit durch Raum und Zeit bedingt sei, wobei Raum und Zeit vor aller empirischen Anschauung, also a priori , in unserem Bewusstsein lägen. Die Erfassung von Raum und Zeit beruhe daher auf Funktionen unseres Gehirns und würden deshalb nur subjektive Formen unseres Intellekts sein. Jenseits von Zeit und Raum und somit aller vermeintlichen Vielheit sei das, was Schopenhauer als Wille bezeichnete. Dieser Wille ist laut Schopenhauer metaphysisch eine Einheit, die sich aber durch das Individuationsprinzip als Vielheit manifestiert und als solche in einer unübersehbaren Vielzahl von belebten und unbelebten Erscheinungsformen wahrgenommen wird. (4)

Die Individuation und das ihr zugrunde liegende Individuationsprinzip haben in der Philosophie von Arthur Schopenhauer große Bedeutung.  Das  zeigen auch die folgenden Auszüge aus Wagners Schopenhauer - Register :

  • Schopenhauer entlehnt den Ausdruck principium individuationis von den Scholastikern, benutzt ihn aber in einem anderen Sinn als diese.
    > W I 134; E 267.
    Er nennt Zeit und Raum in der Hinsicht, dass sie die Vielheit möglich machen, das principium individuationis.
    > G 99; W I 134, 152, 178, 325, 387, 391 f., 404, 416 f.;
        W II 55 (Tafel ), 552, 568, 642, 652;
        N 105: E 267, 271; P I 39, 320, 322.
    Zeit und Raum sind das Medium der Individuen.
    > W I 154, 325.
     
  • Erkenntnis und Individuation stehen und fallen mit einander, indem sie sich gegenseitig bedingen.
    > W II 311.
    Das Individuationsprinzip ist die Form der dem Individuum als solchem möglichen Erkenntnis.(5)
    > W I 304, 310, 403; W II 700; P II 236.
    Nur durch das Individuationsprinzip sind Möglichkeit und Wirklichkeit, Nähe und Ferne der Zeit und des Raumes verschieden.
    > W I 432, 255.

  • Der Schleier der Maja ist das Individuationsprinzip .(6)
    > W I 299, 416, 431, 438. 441, 447 f., 470;
        W II 366, 691; E 270.
     
  • Das letzte Prinzip aller Individuation ist der
    Satz vom Grunde. (7)
    > W I 199 f.
     
  • Die zwei einander widersprechenden Erkenntnisweisen:
    die eine nach dem principium individuationis ,
    die andere nach dem  > Tat-twam-asi .
     
  • Die im Individuationsprinzip befangene Erkenntnis erkennt nur Erscheinungen, nicht das Ding an sich ; sie nimmt die ewige Gerechtigkeit nicht wahr; auf ihr beruht der Egoismus.
    > W I 299, 416 ff., 422 f., 428 f., 441, 447 f.
    Für sie ist die Geburt ein Entstehen aus dem Nichts und der Tod ein Zurückgehen ins Nichts.
    > W I 324.
    Daher die Todesangst.
    > W II 574, 571.
     
  • Der Wille zum Leben objektiviert seinen Widerstreit
    mit sich selbst durch das Individuationsprinzip .(8)
    > W I 393, 404, 418, 441, 455, 465.
     
  • So lange die Erkenntnis im Individuationsprinzip befangen ist, ist die Gewalt der Motive unwiderstehlich; wenn aber dasselbe durchschaut wird, tritt ein Quietiv (eine Beruhigung)
    des Wollens ein,  und die Motive werden unwirksam.
    > W I 477.
     
  • Die Durchschauung des principium individuationis ist der Ursprung der Gerechtigkeit, und wenn sie weiter geht, der Liebe und des Edelmutes; sie führt schließlich zur Verneinung des Willens zum Leben. Sie ist nicht die Folge einer besonderen Überlegenheit des Intellekts. Die Fähigkeit dazu würde in jedem vorhanden sein, wenn nicht sein Wille sich widersetzte.
    > W I 299, 355, 423, 437-449, 464, 470 f., 483;
       W II 690, 695 f., 700; E 271; P II 337.
     
  • Für die Erkenntnis, die das Individuationsprinzip durchschaut, ist ein glückliches Leben nur der glückliche Traum des Bettlers.
    > W I 417 f., 470. 

Anmerkungen

(1) Philosophisches Wörterbuch, neu bearb. von Georgi Schischkoff, 21. Aufl., Stuttgart 1982, S. 312.

(2) Wörterbuch der philosophischen Begriffe, hrsg. von Johannes Hoffmeister, 2. Aufl., Hamburg 1955, S. 326.

(3) Eine derartige Auffassung, wonach sich die Vielheit aus einer ursprünglichen Einheit entfaltet hatte, vertrat z. B der wohl bedeutendste Philosoph des Neuplatonismus, Plotin. Auch in den älteren Teilen der von Arthur Schopenhauer überaus hoch geschätzten  Upanishaden sind ähnliche Ansichten zu finden, nämlich die Entstehung der Vielheit aus dem Brahman .

(4) Im Folgenden wird anstelle des von Schopenhauer oft verwendeten  Begriffes  principium individuationis auch das heute in der Philosophie gebräuchliche Wort Individuationsprinzip benutzt.

(5) Das Individuationsprinzip ist eine Erkenntnisform. Durch sie wird die Welt als  individuelle Vielfalt, nicht aber als Einheit erkannt und begriffen.

(6) Maja (Sanskrit: Maya = Täuschung, Illusion, Schein) ist ein zentraler Begriff der Philosophie des  Vedanta :
      “Als Nicht-Erkenntnis oder kosmische Illusion überdeckt Maya  Brahman. Maya verschleiert die Sicht des Menschen, so daß er nur
die Vielfalt des Universums erblickt und nicht die eine Wirklichkeit. “
(Lexikon der östlichen Weisheitslehren,
Bern, München, Wien  1986, S. 239).

(7)  Der Satz vom Grunde bedeutet, stark vereinfacht ausgedrückt, dass alles, was ist, einen Grund hat, warum es ist. Dieser ziemlich simpel erscheinende Satz ist das Fundament der Erkenntnislehre, die Arthur Schopenhauer ausführlich in seiner Schrift Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde ( G ) dargelegt hatte. “Der Satz vom Grunde ist die Grundlage der Schopenhauer´schen Philosophie; er setzt das Zerfallen in Subjekt und Objekt schon voraus”
(Wagner, Schopenhauer - Register,  a.a.O., S. 159).
Die Trennung in Subjekt und Objekt bzw. in eine Vielzahl von Objekten ist somit Ausdruck der Individuation.
 
(8)  Der Wille ist  eine metaphysische Einheit, die sich gemäß
dem Individuationsprinzip in einer Vielzahl Erscheinungsformen
objektiviert. Diese Manifestationen des Willens stehen im
Widerstreit zu einander, so dass sich der Wille in seinen
Erscheinungsformen gleichsam selbst zerfleischt. Man denke
dabei an Darwins “Kampf ums Dasein” oder an Heraklit, für
den zwar alle Dinge letztlich eine metaphysische Einheit waren,
aber zugleich der Kampf als Weltprinzip, als “Vater von allem”,
galt  (Die Vorsokratiker,  hrsg. von Wilhelm Capelle,
Stuttgart 1968 , S. 131 und 135).                                                                                                                                                                                              > Arthur Schopenhauer : Wer bin ich ?
            ( Das geheimnisvolle Ich und das wahre Selbst )

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