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Arthur Schopenhauer : Individualität

Ein Beitrag zu den Grenzen der Philosophie Schopenhauers

Individualität sei, erklärt das Philosophische Wörterbuch, ”die  Eigenart, der Inbegriff von Eigenschaften und Merkmalen, durch die ein Wesen sich als eigenartiges, einmaliges Individuum bekundet”.(1)

Jeder Mensch und zumindest auch jedes höher entwickelte Tier hat eine ausgeprägte Individualität, durch die sich das jeweilige Individuum deutlich von anderen seiner Art unterscheidet. Das ist eine für  das tägliche Leben hoch bedeutsame Tatsache, denn - so Arthur Schopenhauer - durch die Individualität jedes Menschen würde “gleich einem eindringenden Färbestoff alle Handlungen und Gedanken desselben, bis auf die unbedeutendesten herab, genau bestimmt; in Folge wovon der ganze Lebenslauf, d. h. die äußere und innere Geschichte, des Einen so grundverschieden von der des Andern ausfällt”.(2)

Die Frage jedoch, worauf diese für das ganze Leben so entscheidende Individualität beruht, führt an die Grenzen der Philosophie Schopenhauers: An mehreren Stellen seiner Schriften (3) hob Schopenhauer hervor, dass das Individuum “nur Erscheinung, nicht Ding an sich”, d. h. nur die Erscheinungsform eines metaphysischen Willens sei. Jedoch an anderer Stelle  wies er daruf hin, “daß die Individualität nicht allein auf dem principium individuationis beruht und daher nicht durch und durch bloße Erscheinung ist; sondern daß sie im Dinge an sich, im Willen des Einzelnen wurzelt; denn sein Charakter selbst ist individuell. Wie tief nun aber hier ihre Wurzeln gehn, gehört zu den Fragen, deren Beantwortung ich nicht unternehme”.(4)

Im obigen Sinne notierte Schopenhauer in  sein Manuskriptbuch :
“ ... Die ethische Verschiedenheit scheint unmittelbar aus dem Willen hervorzugehn [...] Vielleicht wird nach mir Einer diesen Abgrund beleuchten und erhellen.”(5)

Wenn die Individualität, wie Arthur Schopenhauer erkannte, nicht bloß eine Erscheinung des metaphysischen Willens ist, sondern in diesem selbst wurzelt, dann stellt sich die Frage, ob das als Einschränkung bzw. Aufweichung seiner ansonsten strikt monistischen Philosophie zugunsten einer Vielheitslehre gedeutet werden kann.(6) So meinte der Philosoph Johannes Volkelt in seiner Kritik an Schopenhauers Einheitslehre, dass   Schopenhauer dem “schlechthin einen Willen” einen “Trieb zur Vielheit, Entwicklung zur Mannigfaltigkeit” einpflanze.(7) Das erinnert an ältere Lehre der von Schopenhauer sehr geschätzten indischen Upanishaden, wonach sich das Eine zum Vielen entfalte, dann aber das Viele in das Eine zurückkehre.(8)

Bei der Frage nach der Wurzel der Individualität scheint es um ein Grundproblem der Philosophie zu gehen, nämlich das Eine im Vielen und das Viele im Einen zu erkennen.(9) In diesem Zusammenhang seien Worte des von Arthur Schopenhauer hoch verehrten Buddha zitiert: “Alles ist eine Einheit, so lehrt eine Weltweisheit, alles ist eine Vielheit [...], so lehrt eine andere. Diese beiden Enden vemeidend, verkündet der Vollendete in der Mitte die wahre Lehre.”(10)

 H.B.

Anmerkungen

(1) Philosophisches Wörterbuch, begr. von Heinrich Schmidt, neu bearb. von
 Georgi Schischkoff, 21. Auflage, Stuttgart 1982, S. 311 (Stichwort: Individualität).

(2) Arthur Schopenhauer , P II, S. 246.

(3) Arthur Schopenhauer , E, S. 175; W II, S. 370.

(4) Arthur Schopenhauer , P II, S. 243.

(5) Arthur Schopenhauer , HNH, 4, I, S. 393.

(6) M. E. zu Recht schrieb dazu Heinrich Hasse  in seinem Buch über Schopenhauers Leben und Werk: “Offenbar gerät Schopenhauer hier mit seiner Lehre von Zeit und Raum, als grundsätzlichen Bedingungen aller Individualität in unlösbaren Konflikt.” (Heinrich Hasse, Schopenhauer, München 1926, S. 511, Fußnote 828). Weiteres zu Hasse und seinem sehr empfehlenswerten Schopenhauer-Buch > dort

(7) Johannes Volkelt , Arthur Schopenhauer , 5. Aufl., Stuttgart 1923, S. 178.

(8) Vgl > dort.

(9) In diesem Sinne äußerte sich auch Schopenhauer, wonach “die Fähigkeit zur Philosophie eben darin besteht,worin Platon sie setzte, im Erkennen des Einen im Vielen und des Vielen im Einen” (Arthur Schopenhauer, W I, S. 98).

(10) Helmuth von Glasenapp, Pfad zur Erleuchtung, Düsseldorf/Köln 1974, S. 61.

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