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Arthur Schopenhauer

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und die

indische Philosophie

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So sehr ich auch die religiösen und philosophischen Werke der Sanskritlitteratur verehre; so habe ich dennoch an den poetischen nur selten einiges Wohlgefallen finden können ... (1)

Mit diesen einschränkenden Worten äußerte sich  Arthur Schopenhauer zu den in der altindischen Sanskrtitsprache überlieferten Texten. Zu ihnen gehören die von Schopenhauer hoch geschätzten Upanishaden , welche für die Philosophie des Hinduismus von fundamentaler Bedeutung sind.

So hielt es Schopenhauer für besonders wichtig, dass vor allem jene Sanskrittexte übersetzt werden, die die indische Philosophie betreffen: Da [...] in Europa an poetischen, uns direkt ansprechenden Werken kein Mangel ist, gar sehr aber an richtigen metaphysischen Einsichten, so bin ich der Meinung, daß die Übersetzer aus dem Sanskrit ihre Mühe viel weniger der Poesie und viel mehr den Veden, Upanishaden und philosophischen Werken zuwenden sollten.(2)

In diesem Zusammenhang hob er mit höchstem Lob die lateinische Übersetzung der Upanishaden, Oupnekhat genannt, hervor: Denn, wie athmet doch der Oupnekhat durchweg den heiligen Geist der Veden! Wie wird doch Der, dem, durch fleißiges Lesen, das Persisch-Latein dieses unvergleichlichen Buches geläufig geworden, von jenem Geist im Innersten ergriffen! Wie ist doch jede Zeile so voll von fester, bestimmter und durchgängig zusammenstimmender Bedeutung! Und aus jeder Seite treten uns tiefe, ursprüngliche, erhabene Gedanken entgegen, während ein hoher und heiliger Ernst über dem ganzen schwebt ... Es ist die belohnendeste und erhabendeste Lektüre, die (den Urtext ausgenommen) auf der Welt möglich ist: sie ist der Trost meines Lebens gewesen und wird der meines Sterbens seyn.(3) 

Für Schopenhauer bedeuteten somit die Upanishaden einen Höhepunkt der indischen Philosophie. Was danach kam, war für ihn eher ein Niedergang, wofür er besonders den Islam, der große Teile Indiens eroberte, verantwortlich machte: Der versunkene Zustand der einst so hochgebildeten Hindu ist die Folge der entsetzlichen Unterdrückung, welche sie, 700 Jahre hindurch, von den Mohammedanern erlitten haben, die sie gewaltsam im Islam bekehren wollten.(4)

Schopenhauer schätzte jedoch nicht nur die Texte zur indischen Philosophie, sondern auch die Menschen, die versuchen, nach den dort überlieferten spirituellen Lehren zu leben. Vorbildhaft war für ihn der Yogui [Yogi] oder Saniassi [asketische Einsiedler], welcher methodisch sich zurechtsetzend, alle seine Sinne in sich zurückzieht. die ganze Welt vergißt und sich selbst dazu: - was alsdann noch in seinem Bewußtseyn übrig bleibt, ist das Urwesen. Nur daß die Sache leichter gesagt, als gethan ist.- (5)

Wer sich mit den Werken Arthur Schopenhauers und darüber hinaus auch mit der indischen Philosophie näher befasst, wird wohl dem zustimmen, was der Indologe Helmuth von Glasenapp in seinem Werk Das Indienbild deutscher Denker zu Schopenhauer feststellte: Unter den deutschen Denkern nimmt Arthur Schopenhauer (1788 bis 1860) insofern eine einzigartige Stellung ein, als er nicht nur in seiner Philosophie stark von indischen Gedanken beeinflußt worden ist, sondern überhaupt Indien und seiner Geisteswelt eine entscheidende Bedeutung im Rahmen der Entwicklungsgeschichte der Menschheit beimaß. Er wurde im Jahre 1814 durch den Orientalisten Friedrich Majer in Weimar in das indische Altertum eingeführt und hat seitdem sein ganzes Leben hindurch Indien seine liebevolle Aufmerksamkeit zugewendet. Wie stark die Ausbildung seines metaphysischen Systems von indischen Ideen bestimmt worden ist, bekennt er selbst in einer Notiz aus dem Jahre 1816:

“Ich gestehe ... daß ich nicht glaube, daß meine Lehre je hätte entstehen können, ehe die Upanishaden, Plato und Kant ihre Strahlen zugleich in eines Menschen Geist werfen konnten”(6).

Natürlich ergibt sich nun die Frage, inwieweit tatsächlich Schopenhauers Lehre mit der indischen Philosophie, vor allem mit den Upanishaden und dem Buddhismus, zu dem sich Schopenhauer bekannte, übereinstimmt. Zweifellos gibt es zahlreiche Übereinstimmungen, aber auch, wie von Glasenapp  in seiner oben genannten Schrift ausführlich begründete, nicht unerhebliche Unterschiede. Das Ergebnis seiner Untersuchungen fasste von Glasenapp dort so zusammen:

Vom Standpunkt der Forschung der Gegenwart [1960] aus läßt sich daher nur sagen: Schopenhauers Auffassungen über die Geschichte des metaphysischen Denkens der Inder und seine Vorstellungen von Vedanta und Buddhismus sind heute in vielem überholt und geben ein zwar interessantes, aber keineswegs getreues Bild der tatsächlichen Verhältnisse.

Und doch hat Schopenhauer wie kein anderer sich die größten Verdienste um die Verbreitung der Kenntnisse indischer Weisheit im Abendlande erworben. Niemand hat mit so edler Begeisterung wie er immer wieder auf die geistigen Schätze des Gangeslandes hingewiesen, niemand hat ihnen durch seine Schriften so viele Freunde im Westen erworben wie er [ ...]

Und dazu kommt noch ein zweites: Gewiß ist vieles von dem, was Schopenhauer über indische Philosophie gesagt hat, heute der Korrektur bedürftig. Mit dem Auge des Genies aber hat er die beiden Grundgedanken erkannt und vertreten, die in den indischen Systemen in immer neuen Abwandlungen erscheinen. [ ... ]

 Die Quintessenz aller Ethik besteht in der Ahimsa. Dieses Wort, das auch von Gandhi viel gebraucht wird, heißt an sich “Nicht-verletzen, Nicht- schädigen, Niemand etwas zuleide tun”, hat aber einen viel weiteren positiven Sinn, es bezeichnet aber auch die Freundlichkeit, das Wohlwollen, die sich im aktiven Verhalten gegen andere Wesen (einschließlich der Tiere) äußern.

Der vieldiskutierte Begriff “Shunyata” aber bezeichnet die jenseits allen diskursiven Denkens liegende unbeschreibbare transzendente Realität (tattva), eine mystische Erfahrung, eine Wirklichkeit, die “weder Sein, noch Nichtsein, weder beides zusammen noch etwas von beiden verschiedenes”,kurzum für uns unerkennbar und undefinierbar ist.

Es bedarf keiner weiteren Ausführungen darüber, daß das, was hier als Kern des Buddhismus herausgestellt wird, sich mit dem Kern von Schopenhauers Lehre in völliger Harmonie befindet. Denn Schopenhauer begründet seine Moral auf das Mitleid , das “nicht bloß mich abhält, den Andern zu verletzen, sondern mich antreibt, ihm zu helfen”(7).

Von seiner Erlösungslehre aber sagt unser Philosoph: “Sie kann hier nur von dem reden, was verneint, aufgegeben wird: was dafür aber gewonnen, ergriffen wird, ist sie genötigt als Nichts zu bezeichnen und kann bloß den Trost hinzufügen, daß es nur ein relatives, kein absolutes Nichts sei. Denn wenn etwas nichts ist von allem dem, was wir kennen, so ist es  allerdings für uns überhaupt nichts. Dennoch folgt hieraus noch nicht, daß es absolut nichts sei, daß es nämlich von jedem möglichen Standpunkt aus und in jedem möglichen Sinne nichts sein müsse, sondern nur, daß wir auf eine völlig negative Erkenntnis desselben beschränkt sind; welches sehr wohl an der Beschränkung unseres Standpunktes liegen kann.”(8) 

Seinen Vergleich der Schopenhauerschen mit der indischen Philosophie schloss von Glasenapp mit einem Schopenhauer-Zitat, das deutlich zeigt, wie sehr Arthur Schopenhauer den Kern der Upanishaden wie auch des Buddhismus erfasst hatte: Hinter unserem Dasein steckt etwas anderes, welches uns erst dadurch zugänglich wird, daß wir die Welt abschütteln.(9)

 

Anmerkung
Helmuth von Glasenapp verglich in seinem o. a. Buch eingehend Schopenhauers Philosophie mit den Weltanschauungen, die sich in Indien herausgebildet hatten. Statt diese Vergleiche hier im einzelnen zu zitieren, sei auf dieses Buch, aber auch auf die Webseiten des Arbeitskreises “Schopenhauer und Buddhismus” und des Arthur-Schopenauer-Studienkreises hingewiesen, die kurze Darstellungen enthalten, durch die sich der Leser selbst ein erstes Urteil über das Verhältnis der Schopenhauerschen zur indischen Philosophie bilden kann. Das gilt z. B. für die Übersichten
> zur Philosophie Schopenhauers,
> zu den Vier Edlen Wahrheiten (Lehre des Buddha) und
> Upanishaden (Philosophie des Hinduismus).

Quellenangaben
Die Quellen zu den Schopenhauer-Zitaten  und den dazu nachstehend verwendeten Abkürzungen sind > dort erläutert.
(1) Arthur Schopenhauer  (Zürcher Ausgabe), P II, S. 435.
(2) Ebd., S. 435 f.
(3) Ebd., S. 437.
(4) Ebd., S. 442.
(5) Ebd., S. 441 f.
(6) Helmuth von Glasenapp, Das Indienbild deutscher Denker, Stuttgart 1960, S. 68 f.
      Vgl. Arthur Schopenhauer, Der handschriftliche Nachlaß, hrsg. v. Arthur Hübscher,
       Bd. 1, München 1985, S. 422.
(7)  Vgl. Arthur Schopenhauer (Zürcher Ausgabe), E, S. 266.
(8)  Helmuth von Glasenapp, a. a. O.,  S. 99 f.
      Vgl. Arthur Schopenhauer (Zürcher Ausgabe), W II, S. 716.
(9) Helmuth von Glasenapp, a. a. O., , S. 101.
     Vgl. Arthur Schopenhauer (Zürcher Ausgabe), W I, S. 500.

> Schopenhauer - seine Philosophie und die Weisheit des Buddhismus

> Der Jainismus - die indische Religion der Ahimsa

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