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Arthur Schopenhauer : Harmonie und Kampf

Laut Arthur Schopenhauer ist die Welt eine metaphysische Einheit, die er Wille nannte. Dieser metaphysische Wille  objektiviert sich in allen Erscheinungsformen dieser Welt, d h., er tritt durch seine Objektivationen als Vielheit in Erscheinung. Dementsprechend besteht die Natur, obgleich sie  in metaphysischer Hinsicht eine Einheit ist,  aus unermeßlich vielen,  sehr unter- schiedlichen  Erscheinungsformen. Zwischen ihnen herrscht, wie sich überall beobachten lässt, vollendete Harmonie, aber auch Kampf auf Leben und Tod. Schopenhauer beschrieb den “im allgemeinen Kampf der Natur erscheinenden Widerstreit” des ein und desselben Willens ausführlich und sehr eindrucksvoll. Hierbei lehnte er entschieden die Behauptung des Philosophen Leibniz ab, diese Welt sei die beste aller möglichen Welten.* In seiner vorzüglichen Darstellung der Philosophie Schopenhauers, die als Buch 1926 unter dem Titel Schopenhauer erschien, fasste der Philosoph Heinrich Hasse die Meinung Arthur Schopenhauers zum obigen Thema so zusammen:

“Eine allgemeine und durchgreifende Analogie der Formen, ein immer wiederkehrender Grundtypus ist es, worin sich auf den höheren Stufen der Objektität, also im Pflanzen- und Tierreich, die metaphysische Einheit des Weltwillens empirisch bezeugt. Selbst in den Kräften der unorganischen Natur zeigt sich jene ´allgemeine Verwandtschaft und Familienähnlichkeit`, jene unité de plan [Einheit des Plans], welche alle Produktionen der Natur als Variationen eines einzigen, nicht mitgegebenen Themas zu betrachten gestatten. Was hier in Raum und Zeit zerteilt auftritt, ist ja die nur empirisch differenzierte Darstellung eines und desselben an sich identischen, unteilbaren und in jeder seiner Erscheinungen ganz und ungeteilt gegenwärtigen Willens.

Diese Einheit des metaphysischen Urwillens ist es nun auch, welche über jenen Zusammenhang aller Teile der Welt unter einander, jenen consensus natıırae, Licht verbreitet, welcher die empirische Wirklichkeit durchgängig beherrscht. Zerlegt sich der in seinem Ursprung und an sich einheitliche Wille in der Sphäre seiner Objektivation in eine Vielheit von Erscheinungen, so können die Gebilde und Gestalten, in welchen er sich objektiviert, nicht ohne eine Beziehung zu einander sein, welche die Einheit ihres Ursprunges bekundet.

So wird mit der Harmonie aller Teile der Welt unter einander die zweckmäßige Ordnung der Naturerscheinungen in tiefsinniger Weise begreiflich. Das Problem der Teleologie [Lehre von der Zweckmäßigkeit] der Natur  erfährt aus der Perspektive der monistischen Willensmetaphysik eine ebenso kühne wie geniale Lösung.

Das gilt zunächst von der inneren Zweckmäßigkeit, welche in der Übereinstimmung aller Teile eines Organismus zu einem geordneten Ganzen zum Ausdruck kommt, die der Erhaltung dieses Organismus und seiner Gattung dient. Sodann von der äußeren Zweckmäßigkeit, wie sie sich in der erstaun- lichen Angemessenheit zwischen den organischen Gebilden und ihren teils organischen, teils anorganischen Lebensbedingungen (z. B. der Pflanze und ihrem Boden und Himmelsstrich, dem Tier und seiner Schutzmittel und Beute) darstellt.

Die ´Vorsorge der Natur`, welche sich in dieser Angemessenheit ihrer Erscheinungen ausspricht, ist nicht zeitlich erworben, sondern ein Ausfluß der inneren Einstimmigkeit des aller Zeitlichkeit baren, zwecklos und dennoch zweckvoll waltenden Willens. Dementsprechend muß beim tierischen Organismus alles in und an ihm zu einem Zwecke konspirieren, dem Leben diesesTieres.

Hier ist der Meister, das Werk und der Stoff eines und dasselbe. ´Daher ist jeder Organismus ein überschwenglich vollendetes Meisterstück. Hier hat nicht der Wille erst die Absicht gehegt, den Zweck erkannt, dann die Mittel ihm angepaßt und den Stoff besiegt; sondern sein Wollen ist unmittelbar auch der Zweck und unmittelbar das Erreichen: es bedurfte sonach keiner fremden, erst zu bezwingenden Mittel: hier war Wollen, Tun und Erreichen eines und dasselbe. Daher steht der Organismus als ein Wunder da und ist keinem Menschenwerk, das beim Lampenschein der Erkenntnis erkünstelt wurde, zu vergleichen.`

Und in gleicher Weise findet ihre tiefere Aufklärung die wundersame und ´rätselhafte Zweckmäßigkeit` in den sogenannten Kunsttrieben und Instinkten der Tiere, ja zuletzt die gesamte Teleologie der Natur: ´Denn wie der Instinkt ein Handeln ist, gleich dem nach einem Zweckbegriff und doch ganz ohne denselben, so ist alles Bilden der Natur gleich dem nach einem Zweckbegriff und doch ganz ohne denselben. Denn in der äußern wie in der innern Teleologie der Natur ist, was wir als Mittel und Zweck denken müssen, überall nur die für unsere Erkenntnisweise in Raum und Zeit auseinandergetretene Erscheinung der Einheit des mit sich selbst soweit übereinstimmenden Willens`

Aber der Wille, dessen Einheit sich in der Harmonie seiner Erscheinungen spiegelt, ist zugleich ein mit sich selbst entzweiter Wille. Das blinde Drängen und Streben desselben ist unlösbar verknüpft mit Zwiespalt, Feindschaft, Kampf. Die einzelnen Stufen der Objektivation des Willens [...] führen unter einander ein wildes Ringen um die Materie, in welche sie sich zu teilen haben. Selbst Raum und Zeit macht eine der andern streitig. Und dieses Ringen entspringt aus dem Streben des Willens zu immer höherer Objektivation. Aus dem Streit der niederen Stufen geht die höhere, sie alle verschlingende, aber auch das Streben aller in höherem Grade verwirklichende hervor. So kommt die höhere Stufe der Objektivation des Willens überall nur durch Überwältigung uııd Unterwerfung der niederen zustande. [...]

So zeigt der eine Wille in der Vielheit seiner Objektivationen, in welcher er sich darstellt, überall eine tiefe und unheilbare Entzweiung mit sich selbst. Und diese Selbstentzweiung ist ihm wesentlich. Durch die gesamte Natur läßt sich dieser Zwiespalt und der aus ihm hervorbrechende Streit verfolgen; ja, die Natur besteht nur auf Grund und vermöge dieses Zwiespalts und Streits. [...]

Die Welt des organischen Lebens zeigt ein Bild allgemeinen und durchgängigen Kampfes und ist eine überwältigende Offenbarung der dem Willen wesentlichen Entzweiung mit sich selbst. In der Pflanzenwelt tritt der Zwiespalt des Willens deutlich zutage, wo ein Individuum sich auf Kosten des anderen rücksichtslos entfaltet und oft genug im tödlichen Kampfe mit ihm. Selbst die mächtigsten Bäume werden durch rankende Gewächse gefesselt, erdrosselt und erstickt.

Ununterbrochen aber tobt dieser Kampf in der Tierwelt,´welche die Pflanzenwelt zu ihrer Nahrung hat und in welcher selbst wieder jedes Tier die Beute und Nahrung eines andern wird, . . . indem jedes Tier sein Dasein nur durch die beständige Aufhebung eines fremden erhalten kann.`

Daher bildet die Tierwelt eine unerschöpfliche Fundgrube von Beispielen für den bezeichneten Zwiespalt des Willens mit sich selbst. Mit besonderer Deutlichkeit zeigt ihn die Welt der Insekten. Das grausigste Sinnbild dieser inneren Weltentzweiung bietet die australische Bulldogs-Ameise. Wird sie durchschnitten, so beginnt ein Kampf zwischen Kopfteil und Schwanzteil, zwischen Beißwerkzeugen und Stachel, der erst mit dem Tode beider Teile endet.

Das Menschengeschlecht endlich überwältigt alle fremden Naturgebilde, lebt von den Leichen ermordeter Pflanzen und Tiere und betrachtet andere Lebewesen mit naiver Unbedenklichkeit als ´Fabrikat zu seinem Gebrauch`. Das gleiche Menschengeschlecht jedoch kämpft auch in sich selbst, bald offen, bald heimlich, denselben bitteren, unversöhnlichen Kampf und bringt so die Selbstentzweiung des Willens zur furchtbarsten Deutlichkeit, indem das Wort homo homini lupus [Hobbes: Der Mensch ist des Menschen Wolf]) seine volle Bestätigung findet.

So bietet das Bild der Erscheinung des metaphysischen Willens auf der ganzen Linie seiner Objektivationen die gleichen Grundzüge dar: Zwiespalt und Kampf zwischen den Kräften in der unorganischen Natur, zwischen den organischen Wesen, wie zwischen Organischem und Unorganischem. Innerhalb des Organischen aber Kampf zwischen tierischen und pflanzlichen Lebewesen, Kampf der Gattungen und Geschlechter unter einander, Kampf zwischen den Individuen innerhalb der Gattung.

Der Wille ist gekennzeichnet durch ein unbarmherziges Ringen und Vernichten, das ohne Aufhören zwischen seinen Erscheinungen tobt. Und noch mehr: er ist ein hungriger Wille, der, da außer ihm nichts da ist, an sich selber zehrt, sich selber zerfleischt und gegen sich selber wütet, ja in alle Ewigkeit sich selbst zerfleischen und gegen sich selber wüten muß, rastlos, wild, unersättlich. So erklärt sich metaphysisch die Jagd, die Angst und das Leiden in der Erscheinungswelt.

Damit ist deutlich, daß die Einstimmigkeit und Harmonie, welche die empirische Welt durchwalten, den allgemeinen Kampf der Natur nicht aufzuheben vermag, welcher den im Kern des Weltwillens angelegten Widerstreit offenbart. Die Eintracht des Weltinnern ist eine zwieträchtige, so daß auch das empirische Antlitz des Universums als rerum concordia discors [zwieträchtige Eintracht der Dinge] erscheint.

Denn jene Harmonie geht nur so weit, daß sie den Bestand der Welt und ihrer Glieder möglich macht, welche ohne sie längst untergegangen wären. ´Daher erstreckt sie sich nur auf den Bestand der Spezies und der allgemeinen Lebensbedingungen, nicht aber auf den der Individuen. Wenn demnach, vermöge jener Harmonie und Akkomodation [Anpassung], die Spezies im Organischen und die allgemeinen Naturkräfte im Unorganischen neben einander bestehen, sogar sich wechselseitig unterstützen, so zeigt sich dagegen der innere Widerstreit des [...] objektivierten Willens im unaufhörlichen Vertilgungskriege der Individuen jener Spezies und im beständigen Ringen der Erscheinungen jener Naturkräfte mit einander.`[...]

 Der Tod ist ein Element des Lebens dieser Welt,´welche dahinrollt im unübersehbaren Gewirre zahlloser Gestalten und durch stete Zerstörung sich selbst erhält.

Die Welt ist nicht die beste, sondern die schlechteste aller möglichen Welten. Was die Teleologen [Anhänger von der Lehre der Zweckmäßigkeit dieser Welt] anführen als Zeichen ihrer Trefflichkeit, sind conditiones sine quibus non [notwendige Bedingungen]. Sie ist so eingerichtet, wie sie sein mußte, um mit genauer Not bestehen zu können. Wäre sie noch ein wenig schlechter, so könnte sie schon nicht mehr bestehen. Folglich ist eine schlechtere, da sie nicht zu bestehen vermöchte, gar nicht möglich, sie selbst also unter den möglichen die schlechteste.

Damit enthüllt sich der Grundgedanke des kosmologischen Pessimismus  Schopenhauers, der zugleich ein metaphysíscher ist. Er hat mit blasierter Resignation und schwächlicher Klage nichts zu schaffen, sondern beruht auf dem ernsten Eingeständnis, daß diese Welt, ein `Tummelplatz gequälter und geängstigter Wesen, welche nur dadurch bestehen, daß eines das andere verzehrt, wo daher jedes reißende Tier das lebendige Grab tausend anderer und seine Selbsterhaltung eine Kette von Martertoden ist,` von einer Dissonanz im Innersten beherrscht wird, welche ihr einen geradezu höllenartigen Charakter verleiht und so Leibnizens berühmte Lehre von dem meilleur des mondes possibles [von der besten aller möglichen Welten] völlig ad absurdum führt.” (Heinrich Hasse , Schopenhauer , München 1926, S. 234-239.)


* Nachwort der Redaktion

Schopenhauers Kritik an Leibniz bezieht sich im vorliegenden Fall auf dessen Theodizee (deutscher Buchtitel: Versuche der Theodizee über die Güte Gottes, die Freiheit des Menschen und den Ursprung des Übels). Dort wird behauptet, dass wenn es nicht die beste aller möglichen Welten gäbe, dann hätte Gott überhaupt keine geschaffen. Das Übel gehöre zur bestmöglichen Welt. Die Übel in unserer Welt seien zudem beinahe nichts angesichts der Unermeßlichkeit des Universums. Gott habe das Gute gewollt, das Böse aber nur zugelassen.
(S.  Lexikon der philosophischen Werke, hrsg v. Franco Volpi und Julian Nida-Rümelin, Stuttgart 1988, S. 239 f.)

Schopenhauer hielt dieser Rechtfertigung Gottes angesichts der Übel dieser Welt entgegen,  dass “der Schöpfer [...] ja nicht bloß die Welt, sondern auch die Möglichkeit selbst geschaffen [hat]; er hätte demnach diese darauf einrichten sollen, daß sie eine bessere Welt zuließe. Überhaupt aber schreit gegen eine solche Ansicht der Welt, als des gelungenen Werkes eines allweisen, allgütigen und dabei allmächtigen Wesens, zu laut einerseits das Elend, dessen sie voll ist, und andrerseits die augenfällige Unvollkommenheit [...]. Hier liegt eine nicht aufzulösende Dissonanz”.
( Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden, Band IX,
Parerga und Paralipomena II, Zürich 1977, S. 327.)

S. hierzu auch > Leid und Gott ( Theodizee ).

> Arthur Schopenhauers Erlösungslehre und Lebensphilosophie

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