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Hans Driesch

Hans Driesch
(1867-1941)

Hans Driesch

 über

 Arthur Schopenhauer

als Vorbild

 Redaktion

Arthur Schopenhauer

Arthur Schopenhauer
(1788-1860)

Auch mir, so erklärte der Philosoph Hans Driesch, ist Schopenhauer Vorbild geworden und geblieben. Dieses bemerkenswerte Bekenntnis zu Arthur Schopenhauer schrieb Driesch in einem Beitrag zum 25. Schopenhauer-Jahrbuch.(1)

Hans Driesch war einer der wichtigsten Philosophen des Neuvitalismus in Deutschland. Unter dieser Lehre “versteht man die auf Grund auch experimenteller Forschung vertretene  Auffassung der Lebenserscheinungen, nach der diese nicht aus der physikalisch-chemischen Gesetzmäßigkeit und ihrer Kausalität allein erklärt werden können, sondern einer eigenen, die physikalisch-chemische übergreifenden Gesetzlichkeit (Ganzheitskausalität) folgen, die als die Autonomie des Lebens bezeichnet, auf seelenartige Kräfte (Psychovitalismus) zurückgeführt oder durch die Annahme von Entelechien, Dominanten oder teleologisch erklärt wird”.(2) 

Driesch, der ursprünglich Biologe war, kam zu seiner Philosophie vor allem durch “von ihm selbst durchgeführte zoologische Experimente an Seeigeleiern. Sie erbrachten den Nachweis, daß aus halbierten oder anders geteilten Keimen nicht Teilorganismen, sondern ganze, wenn auch kleinere, Lebewesen entstanden. Eine solche Fähigkeit des Organismus zur Regeneration des Ganzen aus Teilen war auf mechanistischem Wege nicht zu erklären. Dem Leben war eine Ganzheitskausalität eigen, Bestimmung des Teils vom Ganzen her. Die unsichtbare, nicht als solche faßbare Kraft, die hier wirkt, nennt Driesch mit Aristoteles Entelechie ”.(3)

In diesem Zusammenhang sind die Einflüsse Arthur Schopenhauers besonders bedeutsam, denn wie Arthur Hübscher in seinem sehr aufschlussreichen Buch zur Wirkungsgeschichte der Philosophie Schopenhauers hervorhob: “Ohne Schopenhauer ist die Wendung zum Vitalismus und weiter zum Neovitalismus schlechterdings undenkbar.”(4) Das zeigt sich auch bei dem von Hans Driesch verwendeten, oben genannten Begriff Entelechie,  der - wie Hübscher feststellte - “dem Urwillen Schopenhauers nah verwandt” sei. (5)

Aber nicht nur in der Philosophie des Neuvitalismus, sondern auch auf einem anderen Gebiet, für das sich Hans Driesch zunehmend intensiver interessierte, nämlich der > Parapsycholgie, wird die enge Beziehung zu Arthur Schopenhauer sehr deutlich. Schopenhauer kann somit zu Recht als Vorbild für Driesch gelten. In welchem Sinne das zu verstehen ist, erläuterte Driesch in seinem bereits erwähnten, im Schopenhauer-Jahrbuch veröffentlichten Beitrag Schopenhauer als Vorbild:

“Dem Philosophen, der selbst vom Erfahrungswissen ausgegangen, der vom ´Forscher` in langer Arbeit zum ´Philosophen` geworden ist, wird Schopenhauer stets Vorbild bleiben, mag er alle einzelnen Lehren des großen Mannes annehmen oder nicht. Auf dem Wege, den Schopenhauer ging, kann er ihm folgen, Schopenhauers ´Methode` kann auch die seine sein! Das bedeutet mehr; als die bedingungslose Übernahme von Lehrinhalten.

Auch mir ist in diesem Sinne Schopenhauer Vorbild geworden und geblieben. Er hat mir recht eigentlich den Blick geöffnet für das, was Philosophie ist. Kant hatte ich schon vor Schopenhauer gelesen, aber, da ich zu jung war, nicht in seiner Bedeutung verstanden. Auch für das wahre Verständnis Kants öffnete mir Schopenhauer den Blick.

Schopenhauer wird nie das Studium der großen Werke Kants überflüssig machen; durch Kant selbst muß jeder Philosoph hindurchgegangen sein - (was nicht heißt, daß er ein orthodoxer Kantianer oder Neukantianer werden müsse). Aber Kant gibt nicht alles: er gibt das gediegene Rüstzeug für alles philosophische Denken und gibt die Form des Denkergebnisses; er gibt nicht den Inhalt. Das gilt sowohl von der theoretischen Philosophie wie von der sogenannten praktischen, der Ethik.

Schopenhauer ist einer von den großen Denkern, die uns, in der bewährten kritischen Form, auch den Inhalt geben. Er gibt uns ein wahres System, kein dogmatisches, sondern ein auf Erfahrung gegründetes und darum der Verbesserung fähiges. Er selbst hat, wenn er auch die einmal gewonnenen Grundgedanken festhielt, bis zu seinem Tode an der Verbesserung des Einzelnen gearbeitet. Das gilt jedenfalls von seiner theoretischen Philosophie; seine ethische Philosophie war von Anfang an so vollkommen, wie es Menschenwerk überhaupt sein kann.”(6)


Anmerkungen
(1) Hans Driesch , Schopenhauer als Vorbild, in: 25. Schopenhauer-Jahrbuch (1938) der
     Schopenhauer-Gesellschaft, S. 137.
(2) Wörterbuch der philosophischen Begriffe, hrsg. von Johannes Hoffmeister, 2. Auflage,
     Hamburg 1955, S. 649 (Stichwort:
Vitalismus).
     In diesem Zusammenhang weist das Wörterbuch auf eine besondere Art der Ganzheitslehre
     hin, den
Holismus. Vgl. hierzu Holismus - Ganzheitslehre und Ethik (> Blogbeitrag,
     welcher sich auch auf Arthur Schopenhauer bezieht). Stets liegt hier die Erkenntnis zugrunde,
     dass das lebendige Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile.
(3) Hans Joachim Störig, Kleine Weltgeschichte der Philosophie, Band 2,
      Frankfurt a. M. 1984, S. 236.
(4) Arthur Hübscher, Denker gegen den Strom. Schopenhauer: gestern - heute -morgen,
      2. Auflage, Bonn 1982, S. 270.
(5) Ebd., S. 268.
      Vgl. hierzu >
Der metaphysische Wille.
(6) Hans Driesch , a. a. O., S. 136 f.

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