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Gustav Friedrich Wagner , Schopenhauer-Forscher

Gustav Friedrich Wagner

- ein Schopenhauerianer

und

Pionier der Schopenhauer - Forschung

Gustav Friedrich Wagner (1)

Außerhalb eines kleinen Kreises von Schopenhauer-Forschern ist Gustav Friedrich Wagner wahrscheinlich nicht sehr bekannt, obwohl er eines der wichtigsten Bücher zu Arthur Schopenhauer und dessen Philosophie geschrieben hatte, nämlich sein 1909 unter dem Titel Encyklopädisches Register zu Schopenhauer ´s Werken veröffentlichtes Buch. Es sollte, wie Wagner im Vorwort schrieb, “zunächst dem Freunde Schopenhauers´s die Möglichkeit bieten, jeden wichtigeren Satz in den Werken des Philosophen rasch aufzufinden”. In der Einleitung zu der 1960 erschienenen zweiten Auflage dieses Nachschlagewerkes zu Schopenhauers Philosophie, nun kurz als Schopenhauer-Register tituliert, nannte es deren Herausgeber, Arthur Hübscher, “ein Meisterstück ordnender Durchdringung der Gedankenwelt Schopenhauers, das für alle Zukunft seinen Wert behalten wird. Es hat mich in langen Jahren bei meinen eigenen Arbeiten begleitet und kaum je in Stich gelassen”. Wagners Register, so urteilte Hübscher am Ende seiner Einleitung, “bildet heute wie zur Zeit seines Erscheinens eine unentbehrliche Grundlage für jede gründliche Beschäftigung mit Schopenhauers Werk”.

Jedoch auch bei größtem Bemühen um Objektivität ist jede Auswahl und stichwortartige Verkürzung des Originaltextes nicht ganz frei von subjektiver Wertung. Deshalb ist die Frage angebracht: Wer war Gustav Friedrich Wagner und in welcher Beziehung stand er zu Arthur Schopenhauer und dessen Philosophie? Da über die Person Wagners biografisch leider nur wenig bekannt ist, dürfte der von Maria Groener im Achten Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft (1919) veröffentlichte Nachruf  für Wagner, aus dem die folgenden Angaben entnommen wurden, von besonderem Interesse sein (2):

Gustav Friedrich Wagner wurde am 2. November 1848 als Sohn eines Goldwarenhändlers in Pforzheim geboren. Er war Teilnehmer am Krieg 1870/71 gegen Frankreich. Danach nahm er sein Studium der Naturwissenschaften am Polytechnikum in Karlsruhe zwar wieder auf, doch seine Kriegserlebnisse konnte er bis zu seinem Lebensende nicht vergessen.

In der Folgezeit musste er mehrmals sein Studium unterbrechen, denn - so die Verfasserin des Nachrufs - “sein außerordentlich sensitives Gemüt, das schon durch den Krieg über die Maßen erschüttert worden war, ward in jener Zeit durch Schicksalsschläge und Widerwärtigkeiten privater Natur stark angegriffen”.

Hinzu kam, dass er “in jenen Jahren auch mehr und mehr, der Philosophie sich zuneigend, erkannte, daß das Studium einer rein empirischen Wissenschaft auf die Dauer nie vollkommen ihn befriedigen könne”.  Außerdem litt er an “zeitweiligen Gemütsdepressionen”. So suchte er einen stillen abgeschiedenen Ort. Er fand ihn in Achern, zumal in der Nähe die Anstalt Illenau war. Der dortige Direktor Roller wurde dann für ihn zu einem “verständnisvollen Freund und Berater”.

Dann kam das entscheidende Ereignis, nämlich Wagners Begegnung mit Arthur Schopenhauers Werken: “Als dem stillen emsigen Forscher das erstemal Schopenhauer in seiner ganzen Größe aufging, packte ihn dies tiefer als das vorangegangene intensive Studium Kants, und er erlebte Schopenhauer mit einer seltenen Intensität und Beglückung, denen ein gründliches Studium der Werke jenes Philosophen folgte. Mehr und mehr erkante er: Hier war die Wahrheit. Ihr allein wollte er fortan leben.”

Nachdem Wagner über Schopenhauer bereits mehrere Schriften herausgegeben hatte, erschien 1909 sein bedeutendstes Werk - das bereits erwähnte Enzyklopädische Register, zu dem die Verfasserin des Nachrufs meinte:

“Dies Buch, eine Arbeit von Jahrzehnten, ist einzigartig in seiner Bedeutung, weil es als ein lückenloses Verzeichnis aller Schopenhauer- stellen nicht allein unentbehrlich ist zum eingehenden Studium des Philosophen, sondern weil es infolge seiner eigenartigen Gruppierung auch zur raschen allgemeinen Orientierung im Gedankensystem Schopenhauers überhaupt sich eignet.[...] Das Werk, das mehr als eine Notwendigkeit war, fand unter Kennern und Anhängern Schopenhauers begeisterte Aufnahme.”

Zu den begeisterten Lesern gehörte auch  der einzige (1919) noch lebende Freund Schopenhauers, Wilhelm von Gwinner. Er äußerte sich zu dem Register in zwei Briefen an Wagner, aus denen die Verfasserin des Nachrufs wie folgt zitierte;

“Ihr Register ist vorzüglich in jeder Beziehung und macht Ihrem Fleiße nicht nur, sondern ebenso ihrem kritischen Scharfblick alle Ehre ... Ihr Buch hat mir schon öfters gute Dienste geleistet: es ist weit mehr als ein Register, und Schopenhauer würde Sie zu seinen Evangelisten gestellt haben. Das darf ich bezeugen, weil ich weiß, wie er seine Anhänge taxierte.”(3)

Gustav Friedrich Wagner : Schopenhauer-Register  (1909)

Oberer Teil des Titelblattes des Schopenhauer Registers (1909)
 von Gustav Friedrich Wagner

Unter einem Aufruf, der 1911 aus Anlass der Gründung der Schopenhauer-Gesellschaft veröffentlicht wurde, erscheint auch der Name Wagners, der zu den Gründungsmitgliedern der Gesellschaft gehörte. Unterhalb seines Namens  ist vermerkt: Verf. d. Schopenhauer-Lexikons.(4) Dieser Hinweis deutet darauf hin, dass Wagners Register bereits zwei Jahre nach seiner Herausgabe einige Bedeutung erreicht hatte.  

Was die Persönlichkeit Wagners betrifft, so schrieb die Verfasserin des Nachrufs, und zwar aus ihrer eigenen unmittelbaren Bekanntschaft mit Wagner: “Zieht man die ganze vornehme Eigenart Wagners in Betracht, so kann man sich nicht wundern, daß der Mann der öffentlichen Auswirkung fern geblieben ist. Propaganda für seine Ideen machte er keine.”

Auf die  damals herrschende “Schulphilosophie” legte Wagner wohl wenig Wert, denn “den weder nach Ruhm noch Beifalls sich sehnenden Privatgelehrten konnte das [Urteil der ´Schulphilosophie`] nicht kümmern. Sein Leben, das sich in tatkräftigem, selbstlosem und verschwiegenem Wohltun und in liebevollem Eingehen auf die Sorgen und Leiden seiner Mitmenschen erschöpft, floß in zielbewußter, steter Arbeit ruhig dahin, bis er durch eine schwere, kurze, innere Erkrankung, von welcher auch eine Operation nicht mehr Heilung brachte, sein Ende fand”. 

Wagner starb  am 1. November 1917 in Achern/Baden. Schon durch  sein Encyklopädisches Register zu Schopenhauer´s Werken, das - wie oben erwähnt - der Schopenhauer-Forscher Hübscher für ”unentbehrlich” hielt, darf er mit Recht als ein Pionier der Schopenhauer-Forschung gelten. Für den  Arthur-Schopenhauer-Studienkreis war und ist Wagners Arbeit stets eine sehr wertvolle Hilfe. Auch deshalb soll hier an Gustav Friedrich Wagner, den Schopenhauerianer - oder in den Worten Gwinners - den “Evangelisten” Schopenhauers, erinnert werden.


Anmerkungen
(1) Foto aus: Gründungsbuch der Neuen Deutschen Schopenhauer-Gesellschaft, hg. von Johann Emil Weber, Innsbruck und Leipzig 1921..
(2) Die Verfasserin, Maria Groener, war “offenbar eine Schülerin und Vertraute von Wagner gewesen” (Andreas Hansert, Schopenhauer im 20, Jahrhundert. Geschichte der Schopenhauer-Gesellschaft, Wien/Köln/Weimar 2010, S. 60).
(3) Apostel und Evangelisten nannte Arthur Schopenhauer halb scherzhaft, halb im Ernst diejenigen seiner Anhänger, die sich in der Öffentlichkeit besonders aktiv für die Verbreitung seiner Philosophie einsetzten. An der Spitze stand sein  Erzevangelist Julius Frauenstädt.
(4) S. Foto in: Andreas Hansert, a. a. O., S. 33.

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