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Arthur Schopenhauer : Gottesbeweise und Philosophie

Obwohl oder vielleicht gerade weil Arthur Schopenhauer Atheist war, hatte er sich mit dem Thema Gottesbeweise im Rahmen seiner Philosophie intensiv auseinandergesetzt. Für die Theisten war dieses Thema ohnehin seit jeher von besonderer Bedeutung, denn oft begnügten sie sich nicht damit, an > Gott bloß zu glauben, sondern vielmehr wollten sie seine Existenz sogar beweisen. Gottesbeweise sind, so erklärt das Philosophische Wörterbuch, “Versuche, das Dasein Gottes und seine Eigenschaften begrifflich zu erschließen und dadurch den Glauben an Gott rational zu stützen. Nach Kant ist das Dasein Gottes schlechterdings unbeweisbar, womit Kant jedoch nicht behaupten will, daß es keinen Gott gäbe.”(1)

Das Wörterbuch der Religionen beschreibt das Ziel der Gottesbeweise in ähnlichem Sinne, nämlich als “das Bestreben, den Gottesglauben vor Vorstand und Vernunft zu rechtfertigen.” Das habe “zur Aufstellung einer Reihe von  Gottesbeweisen geführt:
a) der ontologische Augustins und Anselms von Canterbury, der aus der Idee Gottes als vollkommensten Wesens auf seine Existenz schließt;
b) der kosmologische, der aus der Existenz der Welt auf ihren Urheber, aus ihrer Bewegung auf einen ersten Beweger schließt (so schon Aristoteles);
c) der teleologische, der sich speziell auf die Zweckmäßigkeit und Ordnung gründet ( so schon Sokrates);
d) der moralische, der aus der Unbedingtheit der sittlichen Forderung (das Gewissen Stimme Gottes, Röm 2, 14 f.!) oder dem Vorhandensein einer speziell moralischen Weltordnung auf einen Urheber des sittlichen Bewusstseins und Garanten des schließlichen Ausgleichs von Tugend und Glück schließt (Kant);
e) der historische, der die Wahrheit des Gottesglaubens schon durch die religiöse Übereinstimmung der Völker gewährleistet findet.”(2)

Handelt es sich um Gottesbeweise, die auf  heiligen Schriften beruhen, so weist das Wörterbuch der Religionen zu Recht darauf hin, dass diese “von vornherein nur für diejenigen Gültigkeit haben, die sich der Autorität einer heiligen Schrift unterwerfen”.

Die heiligen Schriften der im Abendland vorherrschenden “abrahamitischen” Religionen enthalten, genau genommen, keine Gottesbeweise im philosophischen Sinne, sondern Offenbarungen. Dazu Arthur Schopenhauer:

“ In der christlichen Religion ist das Dasein Gottes eine ausgemachte Sache und über alle Untersuchung erhaben. So ist es Recht: denn dahin gehört es und ist daselbst durch Offenbarung begründet. Ich halte es daher für einen Missgriff der Rationalisten, wenn sie in ihren Dogmatiken das Dasein Gottes anders als aus der Schrift zu beweisen versuchen: sie wissen, in ihrer Unschuld, nicht, wie gefährlich diese Kurzweil ist. Die Philosophie hingegen ist eine Wissenschaft und hat als solche keine Glaubensartikel: demzufolge darf in ihr nicht als daseiend angenommen werden, als was ent- weder empirisch geradezu gegeben oder aber durch unzweifelhafte Schlüsse nachgewiesen ist. Diese glaubte man nun freilich längst zu besitzen, als Kant die Welt hierüber enttäuschte und sogar die Unmöglichkeit solcher Beweise  so sicher dartat, dass seitdem kein Philosoph in Deutschland wieder versucht hat, dergleichen aufzustellen. Hierzu aber war er ( Kant ) durchaus befugt; ja, er tat etwas höchst Verdienstliches, denn ein theoretisches Dogma, welches sich herausnimmt, jedem, der es nicht gelten lässt, zum Schurken zu stempeln, verdient doch wohl, dass man ihm ein mal ernstlich auf den Zahn fühlte.” (P I 114)

Dementsprechend lehnte Arthur Schopenhauer , dessen Philosophie eine sehr tief fundierte Metaphysik enthält,  philosophisch begründete Gottesbeweise als nicht stichhaltig ab. Das gilt selbst für den sog.  teleologischen Gottesbeweis (Teleologie = Lehre von der Zweckmäßigkeit). Dieser Beweis enthält, wie Schopenhauer anerkannte, das stärkste Argument, nämlich den Anschein, dass die Welt auf Ordnung und Zweckmäßigkeit hin orientiert ist, was auf die Existenz Gottes schließen läßt. Dennoch verwarf Schopenhauer das Argument, weil nach seiner Philosophie dieser Welt letztlich ein > metaphysischer Wille zu Grunde liegt. Alle die vielfältigen Erscheinungsformen dieser Welt sind lediglich Manifestationen des Willens. Dieser ist jedoch blind und erkenntnislos (er “will” eben nur!). Folglich sind seine Manifestationen nicht auf einen Zweck gerichtet, sind  also nicht teleologisch.(3) Somit ergibt sich aus Schopenhauers Metaphysik, dass auch der zunächst überzeugend erscheinende teleologische Gottesbeweis unhaltbar ist.

Obwohl Gott philosophisch nicht beweisbar ist, glaubt seit jeher eine großer Teil der Menschheit an Gott bzw. an Götter. Das mag daran liegen, dass - wie Schopenhauer es nannte - die Menschen ein metaphysisches Bedürfnis haben. Das kann aber noch einen weiteren Grund haben. Schopenhauer führte ihn im Zusammenhang mit dem keraunologischen, d. h. auf Furcht gegründeten Gottesbeweis an:

“Es ist der, welcher sich gründet auf das Gefühl der Hilfsbedürftigkeit, Ohnmacht und Abhängigkeit der Menschen unendlich überlegenen, unergründlichen und meistens unheildrohenden Naturmächten gegenüber, wozu sich sein natürlicher Hang, alles zu personifizieren, gesellt und endlich noch die Hoffnung kommt, durch Bitten und Schmeicheln, auch wohl durch Geschenke, etwas auszurichten. Bei jeder menschlichen Unternehmung ist nämlich etwas, das nicht in unserer Macht steht und nicht in unsere Berechnung fällt: der Wunsch dieses für sich zu gewinnen, ist der Ursprung der Götter. Primus in orbe Deos fecit timor
                             ( Die Furcht schuf als erstes den Glauben an die Götter.)
ist ein alter Wahrspruch des Petronius.”(W I, S. 607)

Wenn sich die Existenz Gottes, wie Kant und Schopenhauer schlüssig darlegten, philoso- phisch nicht beweisen lässt, dann stellt sich die Frage, ob im Zusammenhang mit dem Thema Gott überhaupt etwas beweisbar ist. Doch, und zwar bringt bloße Anschauung den Beweis, nämlich für die Nichtexistenz eines allmächtigen und allgütigen Schöpfergottes! Völlig zu Recht verwies dazu Schopenhauer “auf die traurige Beschaffenheit einer Welt, deren lebende Wesen dadurch bestehn, dass sie einander auffressen, die hieraus hervorgehende Not und Angst alles Lebenden, die Menge und kolossale Größe der Übel, die Mannigfaltigkeit und Unvermeidlichkeit der oft zum Entsetzlichen anwachsenden Leiden, die Last des Lebens selbst und sein Hineilen zum bittern Tode”. Diese traurige Beschaffenheit der Welt sei, so Arthur Schopenhauer, “ehrlicherweise nicht damit zu vereinigen, dass sie das Werk vereinter Allgüte, Allweisheit und Allmacht sein sollte”.(P I, S. 131)

Wer wirklich Mitgefühl mit dem Leid von Mensch und Tier hat, wird Schopenhauer da kaum widersprechen können. Ja, der bedarf wohl keines weiteren Beweises für die von den Kirchen gepredigte Existenz Gottes, denn die Frage ist für ihn entschieden. Für die nach wie vor  Kirchen- gläubigen aber gilt, was Arthur Schopenhauer in sein Notizbuch schrieb:

 Ich wollte doch, daß ehe sie in das Lob des Allgütigen ausbrächen, sie ein bisschen um sich herumsähen, wie es aussieht und hergeht auf dieser schönen Welt. - Nachher würde ich sie fragen, ob solche dem Werke der Allwissenheit, Allgüte, Allmacht, oder dem des blinden Willens zum Leben ähnlicher sieht. (HNF, S. 441)                                                                                                 

Anmerkungen
(1) Philosophisches Wörterbuch, begr. v. Heinrich Schmidt, neu bearb. v. Georgi Schischkoff, 21. Aufl.,
      Stuttgart 1982, S. 243.
(2) Wörterbuch der Religionen, begr. v. Alfred Bertholet, neu bearb.v. Kurt Goldammer, 3. Aufl.,
      Stuttgart 1976, S: 209.
(3) Hierzu sei auf den Brief von Arthur Schopenhauer an Johann August Becker vom 23.08.1844
     ( Arthur Schopenhauer , Gesammelte Briefe, hrsg. v. Arthur Hübscher, 2. Aufl., Bonn 1987, S. 216)
      verwiesen. Dort räumte Schopenhauer auf  Beckers scharfsinnige Fragen und Argumente ein, dass
     die Welt ein mit Notwendigkeit sich vollziehender Läuterungsprozess des Willens sein könne.
     Wenn dem so wäre, dann stellt sich die Frage, ob dieser “Prozess” nicht doch auf eine teleologische
     Zweckgerichtetheit hindeutet.
                                                                                                                                                                                      
HB
                                                                    > Arthur Schopenhauer : Gott

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