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Arthur Schopenhauer : Glaubenslehren

Arthur Schopenhauer

Aus: Schopenhauer-Lexikon.
Ein philosophisches Wörterbuch,
nach Arthur Schopenhauers sämmtlichen Schriften und handschriftlichem Nachlaß
bearbeitet von Julius Frauenstädt. Band 1, Leipzig 1871, S. 294 f.

Zweck aller Glaubenslehren.

Der großen Menge, welche die Wahrheit rein und an sich zu fassen nicht fähig ist, ein Surrogat [Ersatz] derselben in Form des Mythos zu geben, welches als Regulativ [steuerndes Element] für das Handeln hinreichend ist, indem es die ethische Bedeutung desselben, in der dieser selbst ewig fremden Erkenntnisweise gemäß dem Satze vom Grunde, doch durch bildliche Darstellung fasslich macht, — ist der Zweck aller Glaubenslehren, indem sie sämtlich mythische Einkleidungen der dem rohen Menschensinn unzugänglichen Wahrheit sind. (W. I, 420.)

Was jeder Glaubenslehre ihre große Kraft gibt.

Was jeder positiven Glaubenslehre ihre große Kraft gibt, der Anhaltspunkt, durch welchen sie die Gemüter fest in Besitz nimmt, ist durchaus ihre ethische Seite, wiewohl nicht unmittelbar als solche, sondern indem sie mit dem übrigen, der jedesmaligen Glaubenslehre eigentümlichen mythischen Dogma fest verknüpft und verwebt, als allein durch dasselbe erklärbar erscheint, so dass die Gläubigen die ethische Bedeutung des Handelns und ihren Mythos für ganz unzertrennlich, ja schlechthin Eins halten und nun jeden Angriff auf den Mythos für einen Angriff auf Recht und Tugend halten. (W. I, 427, Anm.)

Schädliche Wirkung früh eingeprägter Glaubenslehren.

Zum Glauben ist die Fähigkeit am stärksten in der Kindheit. Durch Bemächtigung daher dieses zarten Alters viel mehr noch, als durch Drohungen und Berichte von Wundern, schlagen die Glaubenslehren Wurzel. Wenn nämlich dem Menschen in früher Kindheit gewisse Grundansichten und Lehren mit ungewohnter Feierlichkeit und mit der Miene des höchsten, bis dahin von ihm noch nie gesehenen Ernstes wiederholt vorgetragen werden, dabei die Möglichkeit eines Zweifels daran ganz übergangen, oder darauf als auf einen Schritt zum ewigen Verderben hingedeutet wird; da wird in der Regel der Mensch beinahe so unfähig sein, an jenen Lehren, wie an seiner Existenz, zu zweifeln; weshalb dann unter vielen Tausenden kaum Einer die Stärke des Geistes haben wird, nach der Wahrheit der überlieferten Glaubenslehre zu fragen. [...] Für die Übrigen aber gibt es nichts so Absurdes, oder Empörendes, dass nicht, wenn auf jenem Wege eingeimpft, der festeste Glaube daran in ihnen Wurzel schlüge. (P. II, 349 fg.)

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