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Arthur Schopenhauer : Glaube

Arthur Schopenhauer

Aus: Schopenhauer-Lexikon.
Ein philosophisches Wörterbuch,
nach Arthur Schopenhauers sämmtlichen Schriften und handschriftlichem Nachlaß
bearbeitet von Julius Frauenstädt. Band 1, Leipzig 1871, S. 293 f.

Der Glaube ist wie die Liebe; er lässt sich nicht erzwingen. Daher ist es ein missliches Unternehmen, ihn durch Staatsmaßregeln einführen oder befestigen zu wollen. Denn wie der Versuch, Liebe zu erzwingen, Hass erzeugt; so der, Glauben zu erzwingen, erst recht Unglauben. Nur ganz mittelbar und folglich durch lange zum Voraus getroffene Anstalten, kann man den Glauben befördern, indem man nämlich ihm ein gutes Erdreich, darauf er gedeiht, vorbereitet; ein solches ist die Unwissenheit. (P. II, 420.)

Glauben und Wissen vertragen sich nicht wohl im selben Kopfe; sie sind darin, wie Wolf und Schaf in Einem Käfig; und zwar ist das Wissen der Wolf, der den Nachbar aufzufressen droht. (P. II, 419.)

Die Wissenschaft hat es mit dem zu tun, was man wissen kann; der Glaube hingegen lehrt, was man nicht wissen kann. Denn könnte man es wissen, so würde der Glaube als unnütz und lächerlich dastehen, etwa wie wenn hinsichtlich der Mathematik eine Glaubenslehre aufgestellt würde. Der Glaube könnte nun immerhin mehr lehren, als die Wissenschaft, ohne mit dieser in Konflikt zu kommen, jedoch nichts mit den Ergebnissen dieser Unvereinbares, weil nämlich das Wissen aus einem härteren Stoff ist, als der Glaube, so dass, wenn sie gegen einander stoßen, dieser bricht. Jedenfalls sind beide vom Grund aus verschiedene Dinge, die, zu ihrem beiderseitigen Wohl, streng geschieden bleiben müssen. (P. II, 386 fg.)

Es gibt einen Siedepunkt auf der Skala der Kultur, wo aller Glaube, alle Offenbarung, alle Autoritäten sich verflüchtigen, der Mensch nach eigener Einsicht verlangt, belehrt, aber auch überzeugt sein will. Dann wird es Ernst mit dem Verlangen nach Philosophie; denn das metaphysische Bedürfnis ist so unvertilgbar, als irgend ein physisches. Mit der Unfähigkeit zum Glauben wächst das Bedürfnis der Erkenntnis. (G. 122.)

Es ist augenscheinlich, dass nachgerade die Völker schon damit umgehen, das Joch des Glaubens abzuschütteln; die Symptome davon zeigen sich überall, wiewohl in jedem Lande anders modifiziert. Die Ursache ist das zu viele Wissen, welches unter sie gekommen ist. Die sich täglich vermehrenden und nach allen Richtungen sich immer weiter verbreitenden Kenntnisse jeder Art erweitern den Horizont eines Jeden, so dass der Mythenglaube schwinden muss. Die Menschheit wächst die Religion aus, wie ein Kinderkleid. (P. II, 419.)

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