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Arthur Schopenhauer : Gehirn und Vorstellung

Das Verhältnis von Gehirn und Vorstellung ist ein Problem in Arthur Schopenhauers Philosophie, nämlich ein Gehirnparadox , denn nach Schopenhauer ist das Gehirn, wie alle Vielfalt dieser  Welt, nur eine Erscheinung des metaphysischen Willens und somit bloß eine Vorstellung. Andererseits aber entsteht die Vorstellung im Gehirn. Der Philosophiehistoriker Eduard Zeller wies bereits 1873 darauf hin, dass sich ein Widerspruch  ergebe, wenn laut Schopenhauer  “die Vor- stellung ein Produkt des Gehirns und das Gehirn ein Produkt der Vorstellung” sei (1).

Zu diesem vermeintlichen Widerspruch, auch  Zellerscher Zirkel genannt, schrieb der Philosoph Dieter Birnbacher: “Ein Teil der physischen Welt, das Gehirn, kann unmöglich Erscheinung  und zu- gleich Quelle aller Erscheinungen sein. Als Quelle aller Erscheinungen kann das Gehirn nicht selbst zur Erscheinungswelt gehören. Als Teil der Erscheinungswelt kann es nicht Quelle seiner selbst sein.”(2)

Arthur Hübscher hat zu diesem Gehirnparadox in seiner zur Wirkungsgeschichte Schopenhauers sehr informativen Darstellung Denker gegen den Strom. Schopenhauer: gestern - heute - morgen Stellung genommen:

“Die realistische und die idealistische Betrachtungsweise [d. h. die Vorstellung als Produkt des Gehirns einerseits  und das Gehirn als Produkt der Vorstellung andererseits] stehen miteinander in unver- söhnlichem Konflikt. Die Gegenäußerung kann sich auf Schopenhauer selbst berufen, der dem vorgeblichen Widerspruch durchaus ins Auge gefaßt hat: Es ist ebenso wahr, daß die Materie eine bloße Vorstellung des Erkennenden , wie daß der Erkennende ein Produkt der Materie sei. Es verhält sich ähnlich wie bei den beiden entgegengesetzten Behauptungen über eine Hohlkugel - sie sei konkav und sie sei konvex gewölbt -, Behauptungen, die man durch die Einsicht zusammenbringt, daß es auf den Standort des Betrachters - innerhalb und außerhalb der Kugel - ankommt. Nicht anders bei dem Widerstreit von Realismus und Idealismus : beide bestehen zugleich zu Recht; die Welt von außen gesehen, hat empirische Realität, von innen gesehen hat sie transzendentale Idealität [> Transzendentalphilosophie]”.(3)

Somit  wäre diese Welt - je nach dem Standort des Betrachters -  in all ihrer Vielheit eine “empirische Realität”, zugleich aber auch (als Manifestation des einen Willens) eine metaphysische Einheit. Diese Feststellung erinnert an die Aussage des von Arthur Schopenhauer hoch verehrten Buddha: “Alles ist eine Einheit”, so lehrt eine Weltweisheit, “alles ist eine Vielheit von je für sich bestehenden einzelnen Substanzen“, so lehrt eine andere. Diese beiden Enden vermeidend, verkündet der Vollendete in der Mitte die wahre Lehre.(4) Diese Worte deuten darauf hin, dass der Buddha es ablehnte, die Welt einseitig nur als Einheit oder Vielheit, d. h. nur im idealistischen oder realistischen Sinne zu interpretieren. Vielleicht kommt eine solche Auffassung auch im Hinblick auf das oben dargelegte  Gehirnparadox der Wahrheit näher als das im Abendland übliche  Entweder-oder-Denken.

Im übrigen ist wohl dem Philosophen Johannes Volkelt zuzustimmen, der in seinem Buch Arthur Schopenhauer zu dem Widerspruch, der von Schopenhauers Kritikern am “häufigsten hervorgehobenen” wird, nämlich dem Gehirnparadox, die Frage stellte: “Ja, ist nicht gar am Ende die Welt so geartet, daß selbst das schärfte und umsichtigste Denken, wenn es nur genügend in die Tiefe steigt, zu Widersprüchen geführt wird, ohne sie doch zur völligen Ausgleichung bringen zu können?”(5) Wenn dem so  ist, dann trifft das gerade auf Schopenhauers Philosophie zu, denn sie führt in eine Tiefe, in der sich offenbart, dass die Wahrheit - wie Schopenhauer erkannte -  paradox ist:

In allen Jahrhunderten hat die arme Wahrheit darüber  erröten müssen, dass sie paradox war: und es ist doch nicht ihre Schuld. Sie kann nicht die Gestalt des thronenden allgemeinen Irrtums annehmen. Da sieht sie seufzend auf zu ihrem Schutzgott, der Zeit, welcher ihr  Sieg und Ruhm zuwinkt, aber dessen Flügelschläge so groß und langsam  sind, dass das Individuum darüber hinwegstirbt, So bin denn auch ich mir des Paradoxen [... in meiner Philosophie] sehr wohl bewußt, kann jedoch nicht der Wahrheit Gewalt anthun. (6)


Anmerkungen

(1) Eduard Zeller, Geschichte der deutschen Philosophie seit Leibniz,
München 1873, S. 885 f.

(2) Dieter Birnbacher, Schopenhauer, Stuttgart 2009, S. 19.

(3) Arthur Hübscher, Denker gegen den Strom. Schopenhauer:
gestern - heute - morgen, 4. Aufl., Bonn 1988, S. 255 ff.
Hiernach ist die Welt einerseits (von innen betrachtet) eine Vorstellung,
also ein Gehirnphänomen, aber andererseits (von außen gesehen) eine
- wie oben dargelegt - empirische Realität.

Auf obige Problematik wies auch Johannes Volkelt ( Arthur Schopenhauer ,
5. Aufl., Stuttgart 1923, S. 210 f.) hin: “...die Vorstellung setzt den Leib voraus, indem sie nur  durch die Funktion eines leiblichen Organs entsteht; aber ebenso wahr ist es, daß das Dasein des Leibes die Welt der Vorstellung voraussetzt, indem er nur in ihr ist. [...] Ja Schopenhauer erhebt diesen Widerspruch geradezu zu einer Norm, indem er zwei ´Ansichten des Intellekts`, die subjektive und die objektive unterscheidet und beide für gleichberechtigt erklärt, ja  sogar das Auseinandergehen in beide Betrachtungen auf eine besondere ´Antinomie` [Widerspruch zweier gültiger Sätze] unseres Erkenntnisvermögens zurückführt.”

(4) Pfad zur Erleuchtung, Buddhistische Grundtexte. Übers. und hrsg.
von Helmuth von Glasenapp, Düsseldorf/Köln 1974, S. 61.

5) Johannes Volkelt, a. a. O., S. 211 f.

Das  Gehirnparadox ergibt sich nicht nur in Schopenhauers Philosophie, sondern wohl in allen Lehren, welche die Welt  nur als Einheit und alle scheinbare Vielheit nur als Täuschung auffassen: Das ist zum Beispiel in der von Schopenhauer mit großer Zustimmung hervorgehobenen (idealistischen) Lehre des  Vedanta der Fall, wonach nur das Brahman Realität, alle Vielheit hingegen Täuschung (Schopenhauer:  Schleier der Maja ) sei. Ähnliches gilt auch für die idealistische Auffassung, wie sie besonders im Lankavatara-Sutra des späteren Mahayana - Buddhismus deutlich wird.
S. auch: Einheit und Vielheit in den Upanishaden  und
             der Philosophie von Arthur Schopenhauer
> hier .

(6) Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe , Werke in zehn Bänden, Band VI,
Stuttgart 1977, Preisschrift über die Grundlage der Moral, § 22, S. 314.

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