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Arthur Schopenhauers Philosophie als Ersatzreligion ?

Gedanken zum 5-jährigen Bestehen des Arthur-Schopenhauer-Studienkreises
von Herbert Becker

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Er hat auch, worauf Arthur Schopenhauer zu Recht hinwies, ein metaphysisches Bedürfnis. Ohne dieses gäbe es keine Religion:

Tempel und Kirchen, Pagoden und Moscheen, in allen Landen, aus allen Zeiten, in Pracht und Größe, zeugen vom metaphysischen Bedürfnis des Menschen, welches, stark und unvertilgbar, dem physischen auf dem Fuße folgt.(1)

Was ist jedoch, wenn die Religionen dieses metaphysische Bedürfnis des Menschen nicht mehr befriedigen können, wenn die Menschen nicht mehr an sie glauben, kann dann Philosophie gewissermaßen als Ersatzreligion an ihre Stelle treten? Die “reine Philosophie” hat, wie Arthur Schopenhauer meinte, einen solchen Anspruch:

Ihr ( der reinen Philosophie ) hohes Ziel ist die Befriedigung jenes edelen Bedürfnisses, von mir das  m e t a p h y s i s c h e  genannt, welches der Menschheit, zu allen Zeiten, sich innig und lebhaft fühlbar macht, am stärksten aber, wann, wie eben jetzt, das Ansehn der Glaubenslehre mehr und mehr gesunken ist.(2)

Hatte Schopenhauer mit seiner Philosophie dieses von ihm so hoch gesetzte Ziel, nämlich das metaphysische Bedürfnis der Menschen zu befriedigen, erreicht?

Wilhelm von Gwinner, der Schopenhauer noch persönlich kannte und später zu seinem Testamentsvollstrecker und Biograf wurde, stellte dazu fest:

“Er ( Schopenhauer ) legte Werth darauf, daß seine Schriften von Dilettanten und, nach deren Art, mit Enthusiasmus ergriffen wurden: nur bei ihnen hoffte er den zum Verständnis nöthigen Grad von Unbefangenheit und Unabhängigkeit finden zu können, und am meisten freute es ihn, wenn er stets neue Beweise erhielt, daß seine scheinbar irreligiösen Lehren ´als Religion anschlugen`, und den leergewordenen Platz des verlorenen Glaubens ausfüllend, zur Quelle innerster Beruhigung und Befriedigung wurden. In der That, der beste Beweis eines unsterblichen Genies!”(3)

Ob allerdings nur “Dilettanten” Schopenhauers Schriften “mit Enthusiasmus  ergriffen”, mag hier dahingestellt bleiben. Sicher ist jedoch: Unter den ersten “Schopenhauerianern” waren kaum Philosophieprofessoren, also jene Berufsphilosophen, die - nach Schopenhauers Meinung -  nicht für, sondern von der Philosophie leben.(4)

Ein Beispiel, wie sehr manche der frühen Anhänger Schopenhauers von dessen Philosophie erfasst wurden, ist der märkische Gutsbesitzer Carl Ferdinand Wiesike. So schrieb Schopenhauer über Wiesike, der ihn besucht und ein Schopenhauer-Bild erworben hatte, in einem Brief:

“Das Unerhörteste aber ist, daß er mir und dem Maler ernsthaft gesagt hat, er wolle für dieses Bild ein eigenes Haus bauen, darin es hängen soll! - Das wäre dann die erste mir errichtete Kapelle.”(5)

Von fast schon religiöser Wertschätzung zeugt auch, dass manche der engsten Anhänger Schopenhauers diesen als “Meister” verehrten.(6) Schon derartige Bezeichnungen deuten darauf hin, dass Schopenhauer mit seiner Philosophie dem Bereich des Religiösen nahe kommt. Bedenkt man außerdem, dass Arthur Schopenhauers Philosophie in ihrem Kern eine dem Buddhismus und den altindischen Upanishaden vergleichbare Erlösungsmystik ist, dann wird verständlich, warum seine Philosophie wie eine Ersatzreligion wirken kann.

Wenn hier Schopenhauers Philosophie in ihrer Wirkung einer Ersatzreligion gleichgestellt wird, so ist das in durchaus positivem Sinne gemeint, denn in ihr ist etwas zu finden, was sonst wohl nur Religionen bieten können, nämlich Trost und Hoffnung. Sie vermag es, wie es oben in Gwinners Schopenhauer-Biografie sehr zutreffend heißt, zur “Quelle innerster Beruhigung und Befriedigung” zu werden.(7) Ich selbst kann das aus eigener Lebenserfahrung bestätigen.

Diese persönlichen Erfahrungen waren für mich der entscheidende Grund, warum ich nach dem im Jahre 1985 gegründeten Arbeitskreis “Schopenhauer und Buddhismus” dann 2007 den sich ganz auf Schopenhauer und die Upanishaden beziehenden “Studienkreis” einrichtete und ins Internet brachte. Die seitdem, und zwar besonders in den letzten Jahren, laut Webstatistik stark ansteigenden Besucherzahlen, sind für uns, die wir im “Studienkreis” mitarbeiten, eine Ermutigung, die Arbeit fortzusetzen.

Wenn der Studienkreis auf seinen Webseiten verschiedene Aspekte zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie vorstellt, so gilt auch dabei: Der Finger, der auf den Mond weist, ist noch nicht der Mond selbst.  Diese Webseiten können demnach nur eine Anregung sein. Wer das “unsterbliche Genie”, wie Gwinner in der oben erwähnten Biografie Schopenhauer nannte, in seiner ganzen Genialität wirklich erfassen will, muss ihn selbst lesen. Jedenfalls was mich angeht, so finde ich in meiner fast täglichen Schopenhauerlektüre immer wieder das, was ich in der akademischen Philosophie vergeblich gesucht hatte: Lebenshilfe. Vielleicht verstehe ich nun etwas besser die Worte, mit denen einer der kompetentesten Schopenhauer-Kenner, Arthur Hübscher, seine Selbstbiografie abgeschlossen hatte: 

Ich habe viele Menschen und viel unnützes Gepäck auf meiner Lebensreise zurückgelassen. Schopenhauer habe ich mitgenommen, - er hat mich nie im Stich gelassen. Er wird auch da sein, wenn es an der Zeit ist, abzutreten.(8)
                                                                                                                                          Herbert Becker

Anmerkungen
(1)  Arthur Schopenhauer , W II, S 177.
(2)  Arthur Schopenhauer , P I , S. 160.
(3)  Wilhelm v. Gwinner, Schopenhauers Leben, 3. Auflage, Leipzig 1910, S. 393.
(4)  Vgl. Arthur Schopenhauer (z. B. in W II, S. 178 f.), der sich oftmals sehr kritisch, ja mitunter sogar fast
       verächtlich zu diesem Berufsstand geäußert hatte. (S. dazu auch Ueber die Universitäts-Philosophie in
     
  P I, S. 151 ff.)
(5)  Brief von Schopenhauer an Frauenstädt vom 17. Aug. 1855, in: Arthur Schopenhauer , Gesammelte Briefe,
       hrsg. v. Arthur Hübscher, 2. Auflage, Bonn 1987, S. 370.
(6)  Beispiele s. Arthur Schopenhauer , Gespräche, neue, stark erw. Ausgabe, hrsg. v. Arthur Hübscher,
       Stuttgart-Bad Cannstatt 1971, S. 141-155.
(7)  Hierzu sei  auf die Beiträge in der Festgabe zum 80. Geburtstag Arthur Hübschers verwiesen:
       Wege zu Schopenhauer, Arthur Hübscher zu Ehren, hrsg. v. Clemens Köttelwesch, Wiesbaden 1978.
(8)  Arthur Hübscher , Leben mit Schopenhauer, Frankfurt am Main 1966, S. 141.

                                 > Arthur Schopenhauer und das metaphysische Bedürfnis (Blogbeitrag)
                                                                          > Zur Erlösungslehre in Schopenhauers Philosophie
                                                                                                         > Tolstoi : Schopenhauer

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