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Empedokles als Mystiker und Arthur Schopenhauer

Zwischen Schopenhauer und Empedokles gibt es Verwandtschaften.(1) Friedrich Nietzsche hatte hiermit auf Gemeinsamkeiten hingewiesen, die  nur selten erwähnt werden, denn Arthur Schopenhauer wird zumeist mit Platon, aber kaum mit dem altgriechischen Mystiker Empedokles in Verbindung gebracht. Wer war Empedokles?

Empedokles ist eine der merkwürdigsten Gestalten der griechischen Kulturgeschichte überhaupt, schreibt Wilhelm Capelle in seinem Buch Die Vorsokratiker.(2): Empedokles sei “in seinem Wesen voll unvereinbarer, d. h. dem nüchtern rechnenden Verstande schier unvereinbar erscheinender Widersprüche und Gegensätze, und doch ein Ganzes, eine ebenso bedeutende, ja genialische ... Persönlichkeit: auf der einen Seite der exakte Physiker, der, selbst am modernen Maßstabe gemessen, durch seine naturwissenschaftlichen, insbesondere seine physiologischen Entdeckungen und Theorien unser Staunen erregt, auf der anderen der enthusiastische Mystiker, der im Tone des Propheten und Sühnepriesters seine Volksgenossen zur Umkehr von ihrem ruchlosen Treiben aufruft. Als Bürger schlicht und bescheiden im Auftreten, als Prophet erfüllt von dem Bewußtsein seiner überirdischen Macht und Würde ... Dieser Mann, dem in dem weiten Bereich der Natur ´gar manch Geheimnis wurde kund`,  fühlt sich wirklich als Herr der Elemente und der Geister, der, übernatürlicher Kräfte mächtig, selber zum Gott geworden ist, während er auf der anderen Seite von tiefster Einsicht in die engen Grenzen aller menschlichen Erkenntnisse erfüllt ist ...”

Capelle hebt in seiner oben genannten Darstellung immer wieder hervor, wie sehr  Empedokles einerseits Physiker bzw. Naturphilosoph  und andererseits Mystiker gewesen war. Auch Arthur Schopenhauer war beides: Naturphilosoph mit umfassenden Kenntnissen in den Naturwissenschaften seiner Zeit und Mystiker mit einer metaphysisch sehr tief gegründeten Philosophie.(3) Obwohl Empedokles (um 492-432 v. Chr.) und Schopenhauer durch weit mehr als zwei Jahrtausende voneinander getrennt waren, gibt es nach den bereits erwähnten Worten Nietzsches zwischen ihnen “Verwandtschaften”. Hierzu ist Schopenhauers Notiz über Empedokles in seinem Manuskriptbuch Adversia (1829) sehr aufschlussreich:

Arthur Schopenhauer :  Empedokles

Des Empedokles  φιλια χαι νεχος ist
ein tiefer u. wahrer Gedanke , den Alles
bestätigt.
(4)

Was Schopenhauer dort in griechischen Buchstaben schrieb, bedeutet laut Capelle Liebe und Streit, oft auch übersetzt mit Liebe und Hass. Hierbei ist in der Philosophie des Empedokles die Liebe das vereinigende und der Streit das trennende Prinzip. “Beide Mächte”, so erläutert dazu Capelle, “die die Ursache allen Weltgeschehens sind, liegen in unablässigem Kampf miteinander: ein ewiges Siegen und Unterliegen”.(5)

Arthur Schopenhauer sah diese beiden in der Natur herrschenden gegensätzlichen Prinzipien im Zusammenhang mit dem > principium individuationis.  Das Individuationsprinzip bewirkt, dass nicht nicht die Einheit, die hinter aller Vielheit steht, sondern nur das Trennende, also Individuelle, erkannt wird. Diese Einheit, das Wesen “an sich” in Allem, bezeichnete Schopenhauer als > Wille. Dieser, im Grunde > metaphysische Wille manifestiert sich in allen Erscheinungsformen, wobei diese sich in der belebten Natur in fortwährendem Kampf befinden, so dass der Wille sich in seinen Erscheinungen gewissermaßen selbst zerfleischt.

Das Verbindende, was die Mauer zwischen dem ICH und dem DU, also die durch die Individuation bedingte Trennung, überwindet, war für Schopenhauer das > Mitleid. Dem auf Mitleid beruhenden selbstlosen Denken und Handeln steht auf der anderen Seite der Egoismus mit allen seinen negativen Eigenschaften (z. B. Habgier, Hass, Neid) gegenüber. Somit sind auch laut Schopenhauers Philosophie zwei gegensätzliche Kräfte wirksam, die aber letztlich nur Ausdruck des einen, sich in der Welt manifestierenden “Willens” sind.

Einen Aspekt der Weltsicht von Empedokles hielt Schopenhauer für besonders wichtig:    “Vor allem aber ist, unter den Lehren des Empedokles, sein entschiedener Pessimismus beachtens- werth. Er hat das Elend unsers Daseyns vollkommen erkannt und die Welt ist ihm  ... ein Jammertal, -  Ατης λειμων (ein Gefilde des Unheils). Schon er vergleicht sie (die Welt), wie später Plato, mit einer finstern Höhle, in der wir eingesperrt wären. In unserm irdischen Daseyn sieht er einen Zustand der Verbannung und des Elends, und der Leib ist der Kerker der Seele. Diese Seelen haben einst sich in einem unendlich glücklichen Zustande befunden und sind durch eigene Schuld und Sünde in das gegenwärtige Verderben gerathen, in welches sie, durch sündigen Wandel, sich immer mehr ver- stricken und in den Kreislauf der Metempsychose ( Seelenwanderung ) geraten, hingegen durch Tugend und Sittenreinheit, zu welcher auch die Enthaltung von thierischer Nahrung gehört, und durch Abwendung von den irdischen Genüssen und Wünschen wieder in den ehemaligen Zustand zurückgelangen können.”(6)

Zu der von Schopenhauer erwähnten Seelenwanderungslehre des Empedokles und den sich daraus ergebenden Konsequenzen bemerkt Capelle:

“Erst durch die Lehre von der Seelenwanderung erhält die enge Verwandtschaft zwischen Mensch und Tier, die sich schon aus seiner ( Empedokles ) Naturphilosophie ergibt, ihre eigentüm- liche Bedeutung. Von einschneidender Bedeutung sind die Folgerungen aus dieser Verwandtschaft: Alles Beseelte umschlingt ein gemeinsames Band, ein für alle gültiges Rechtsverhältnis. Hieraus ergibt sich von selbst als kategorisches Gebot ... die Schonung und Achtung alles Lebendigen. Als scheußlichster Frevel erscheint es daher, Tiere zu töten und von ihrem Fleische zu essen. Sind doch die Leiber der Tiere, die die Ruchlosen verzehren, ´gepeinigter Seelen Wohnsitze `. Und da ´schlachtet in seinem Wahn, ein gottgefälliges Werk zu tun, der Vater seinen lieben Sohn, der die Gestalt gewandelt hat `! So kann der ob solchen Greuels in heiligem Zorn wetternde Prophet seinen Landleuten zurufen:

Wollt ihr nicht lassen vom grässlichen Morden? Ach, merkt ihr denn gar nicht, wie ihr einander zerfleischt, weil gedankenlos stets euer Handeln?(7)    

Gerade die eben zitierten Aussagen zeigen  überraschende Übereinstimmungen mit den aus Indien stammenden Religionen. Dahinter steht, wie Schopenhauer meinte, “die selbe Urweisheit, die den Grundgedanken des Brahmanismus und Buddhaismus ... ausmacht”.(8) Noch deutlicher ist, vor allem was Seelenwanderung, die Achtung und Schonung allen Lebens und die damit zusammenhängende vegetarische Lebensweise angeht, die höchst erstaunliche Übereinstimmung mit dem > Jainismus, einer dem > Buddhismus zwar nah verwandten, aber noch älteren Religion.(9) Schopenhauer selbst konnte hierauf nicht hinweisen, weil er den Jainismus, dem westlichen Kenntnisstand seiner Zeit entsprechend, nur für einen Zweig des Buddhismus hielt.

Schopenhauer hatte für die Ähnlichkeiten der Lehren des Empedokles mit denen des alten Indiens eine Erklärung:  Er hielt es für wahrscheinlich, dass “Empedokles, den die Alten durchgängig als einen Pythagoreer bezeichnen”, seine Ansichten von Pythagoras übernommen habe, wobei Pythagoras sogar bis Indien gekommen und dort von den Brahmanen unterrichtet worden sei.(10) Möglich ist aber auch, dass der Mystiker Empedokles und die Mystiker des alten Indiens aus eigener intuitiver Erfahrung weitgehend unabhängig zu ihren Erkenntnissen gekommen waren. Auch hier gilt wohl das, worauf Arthur Schopenhauer mehrmals in seinen Werken hinwies:

Die überraschende Übereinstimmung der Mystiker aller Zeiten und Länder  im innern Sinn und Geiste ihrer Lehren, sowie in ihrer Handlungsweise, bei der großen Verschiedenheit ihrer sonstigen Ansichten, bezeugt die Wahrheit ihrer Aussagen.(11) 

Anmerkungen 
(1)   Zit. aus Nietzsche-Register, alph..-systemat. Übersicht über Friedrich Nietzsches Gedankenwelt  von
        Richard Oehler, 4. Aufl.,  Stuttgart: Kröner, 1978, S. 91 (Stichwort: Empedokles).

(2)    Die Vorsokratiker. Die Fragmente und Quellenberichte übersetzt und eingeleitet von Wilhelm Capelle,
        Stuttgart: Kröner: 1968, S. 181.
(3)    Zur Mystik und deren Verhältnis zur Philosophie im Zusammenhang mit Schopenhauer s. > dort.
(4)    HNH 3, S. 536. In ähnlichem Sinne äußerte sich Arthur Schopenhauer über Empedokles auch in seinen
         Ausführungen zur vorsokratischen Philosophie (P I 46 f.). 
(5)    Wilhelm Capelle, Die griechische Philosophie, Bd. 1: Von Thales bis zum Tode Platons, 3. bearb. Aufl.,
         Berlin: Göschen: 1971, S. 105.
(6)    Arthur Schopenhauer, P I 47 f.
(7)    Wilhelm Capelle, Die griechische Philosophie, a. a. O., S. 118.
(8)    Arthur Schopenhauer, P I, 48.
(9)    Anders als die Lehre von der Seelenwanderung (Metempsychose) im Jainismus geht die, wie
         Schopenhauer hervorhob, “esoterische Lehre des Buddhaismus” von Palingenesie aus, d. h.
         die Zersetzung und Neubildung des Individuums,  indem der Wille beharrt und die Gestalt eines
         neuen Wesens annimmt (Arthur Schopenhauer, W II 575 f.; P II 293).
(10)   Arthur Schopenhauer, P I 48 und 52.
         Zu den indischen Einflüssen auf Empedokles äußerte Karl Eugen Neumann, der Übersetzer der
         Reden des Buddha, dass Empedokles “außerordentlich viel aus Indien über Ägypten bezogen
         haben muß” (Karl Eugen Neumanns Übertragungen aus dem Pali-Kanon, Gesamtausgabe in
         drei Bänden, Zürich und Wien 1957, Band II, S. 940).
(11)   Zitatkurzfassung lt. Wagners > Schopenhauer - Register, S. 290 (Stichwort Mystik),
         s. dazu Arthur Schopenhauer W II 704-707; W I , S. 384, 454 - 460; P II 340 f.
                                                                                                                                                                                        hb

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