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Arthur Schopenhauer über das Denken

Aus: Schopenhauer-Lexikon.
Ein philosophisches Wörterbuch,
nach Arthur Schopenhauers sämmtlichen Schriften und handschriftlichem Nachlaß
bearbeitet von Julius Frauenstädt. Band 1, Leipzig 1871, S. 113 ff.

Denken im weiteren Sinne.

Alles Denken, im weiteren Sinne des Worts, also alle innere Geistestätigkeit überhaupt, bedarf entweder der Worte, oder der Phantasiebilder; ohne Eines von Beiden hat es keinen Anhalt. Aber Beide zugleich sind nicht erfordert; obwohl sie, zu gegenseitiger Unterstützung, ineinandergreifen können. (G. 103.)

 Denken im engeren Sinne.

Denken im engeren Sinne ist das Bilden abstrakter Begriffe aus Anschau- ungen und das Operieren mit ihnen. (W. II, 312.)

In den endlosen, mit Hilfe der Worte vollzogenen Kombinationen der Begriffe besteht das Denken. (E. 10. 33.)

Die Beschäftigung des Intellekts mit Begriffen ist es, welche eigentlich und im engeren Sinne Denken heißt. (G. 101.)

Das Denken im engeren Sinne besteht nicht in der bloßen Gegenwart abstrakter Begriffe im Bewusstsein, sondern in einem Verbinden, oder Trennen zweier, oder mehrerer derselben, unter mancherlei Restriktionen [Einschränkung] und Modifikationen, welche die Logik angibt. (G. 105.)

 Verhältnis der Empirie [ Erfahrung ] zum Denken.

Die bloße Erfahrung kann das Denken nicht ersetzen. Die reine Empirie verhält sich zum Denken, wie Essen zum Verdauen und Assimilieren. Wenn jene sich brüstet, dass sie allein durch ihre Entdeckungen das menschliche Wissen gefördert habe; so ist es, wie wenn der Mund sich rühmen wollte, dass der Bestand des Leibes sein Werk allein sei. (P. II, 532.)

Unterschied zwischen dem rein logischen
 und dem auf Anschauungen sich beziehenden Denken.

Das Denken im engeren Sinne, also das abstrakte, mit Hilfe der Worte vollzogene, ist entweder ein logisches Räsonnement [vernünftiges Überlegen], wo es dann gänzlich auf seinem eigenen Gebiete bleibt; oder es streift an die Grenze der anschaulichen Vorstellungen, um sich mit diesen auseinanderzusetzen, in der Absicht, das empirisch Gegebene und anschaulich Erfasste mit deutlich gedachten abstrakten Begriffen in Verbindung zu bringen, um es so ganz zu besitzen. Es sucht also entweder zum gegebenen anschaulichen Fall den Begriff, oder die Regel, unter die er gehört; oder aber zum gegebenen Begriff, oder Regel, den Fall, der sie belegt. In dieser Eigenschaft ist es Tätigkeit der Urteilskraft. (G. 103.)

Das mit Hilfe anschaulicher Vorstellungen operierende Denken ist der eigentliche Kern aller Erkenntnis, indem es zurückgeht auf die Urquelle, auf die Grundlage aller Begriffe. Daher ist es der Erzeuger aller wahrhaft originellen Gedanken, aller ursprünglichen Grundansichten und aller Erfindungen, sofern bei diesen nicht der Zufall das Beste getan hat. Bei demselben ist der Verstand vorwaltend tätig, wie bei jenem ersteren, rein abstrakten, die Vernunft. (G. 103 fg.)

Qualität und Schnelligkeit des Denkens.

Der Unterschied der Intelligenzen zeigt sich vorzüglich in der Qualität und Schnelligkeit des Denkens. Die Qualität besteht in dem Grade der Klarheit des Verständnisses und demnach in der Deutlichkeit des gesamten Denkens. Wie in Zimmern der Grad der Helle verschieden ist, so in den Köpfen. Diese Qualität des ganzen Denkens spürt man, sobald man nur einige Seiten eines Schriftstellers gelesen hat. Da sieht man, ehe man noch weiß, was er Alles gedacht hat, sogleich wie er denkt, nämlich welches die formelle Beschaffenheit, die Textur [Struktur] seines Denkens sei, die sich in Allem, worüber er denkt, gleich bleibt, und deren Abdruck der Gedankengang und Stil ist. Die schlechten Köpfe sind es nicht bloß dadurch, dass sie schief sind und mithin falsch urteilen; sondern zunächst durch die Undeutlichkeit ihres gesamten Denkens, als welches dem Sehen durch ein schlech- tes Fernrohr, in welchem alle Umrisse undeutlich und wie verwischt erscheinen und die Gegenstände in einander laufen, zu vergleichen ist. Statt deutlicher Begriffe begnügen sie sich mit unbestimmten sehr abstrakten Worten. (W. II, 158 fg.)

Ferner zeigt der Unterschied der Intelligenzen sich in der Schnelligkeit des Denkens. Die Ferne der Folgen und Gründe, zu der das Denken eines Jeden reichen kann, scheint mit der Schnelligkeit des Denkens, in einem gewissen Verhältnis zu stehen. Wahrscheinlich macht das langsame und anhaltende Denken den mathema- tischen Kopf, die Schnelle des Denkens das Genie; dieses ist ein Flug, jenes ein sicheres Gehen auf festem Boden, Schritt vor Schritt. (W. II, 1 57.)

Die Anfachung, deren das Denken bedarf.

Man kann sich zwar willkürlich applizieren [verlegen] auf Lesen und Lernen; auf das Denken hingegen eigentlich nicht. Dieses nämlich muss, wie das Feuer durch einen Luftzug, angefacht und unterhalten werden durch irgend ein Interesse am Gegenstande desselben; welches entweder ein rein objektives, oder aber bloß ein subjektives sein mag. Das letztere ist allein bei unseren persönlichen Angelegenheiten vorhanden; das erstere hingegen nur für die von Natur denkenden Köpfe, denen das Denken so natürlich ist, wie das Atmen, welche aber sehr selten sind. (P. II, 526.)

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