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Arthur Schopenhauer über Bücher und Büchertitel

Arthur Schopenhauer

Aus: Schopenhauer-Lexikon.
Ein philosophisches Wörterbuch,
nach Arthur Schopenhauers sämmtlichen Schriften und handschriftlichem Nachlaß
bearbeitet von Julius Frauenstädt. Band 2, Leipzig 1871, S. 96 ff.
 (Stichworte: Bücher / Büchertitel )

Ein Buch kann nie mehr sein, als der Abdruck der Gedanken des Verfassers. Der Wert dieser Gedanken liegt entweder im Stoff, also in Dem, worüber er gedacht hat; oder in der Form, d. h. der Bearbeitung des Stoffs, also in Dem, was er darüber gedacht hat. (P. II, 540 fg.)

Betrachtung und Beobachtung jedes Wirklichen, sobald es irgend etwas dem Beobachter Neues darbietet, ist belehrender, als alles Lesen und Hören. Denn sogar ist in jedem Wirklichen alle Wahrheit und Weisheit, ja, das letzte Geheimnis der Dinge enthalten, freilich nur in concreto [im besonderen Fall], und so, wie das Gold im Erze steckt; es kommt darauf an, es herauszuziehen. Aus einem Buche hingegen erhält man, im besten Fall, die Wahrheit doch nur aus zweiter Hand, öfter aber gar nicht. (W. II, 77; P. II, 51.)

Dass Bücher nicht die Erfahrung, und Gelehrsamkeit nicht das Genie ersetzt, sind zwei verwandte Phänomene; ihr gemeinsamer Grund ist, dass das Abstrakte nie das Anschauliche ersetzen kann. Bücher ersetzen darum die Erfahrung nicht, weil Begriffe stets allgemein bleiben und daher auf das Einzelne, welches doch gerade das im Leben zu Behandelnde ist, nicht herab gelangen. Hierzu kommt, dass alle Begriffe eben aus dem Einzelnen und Anschaulichen der Erfahrung abstrahiert sind, daher man dieses schon kennen gelernt haben muss, um auch nur das Allgemeine, welches die Bücher mitteilen, gehörig zu verstehen. (W. II, 80.)

Bei den meisten Büchern, von den eigentlich schlechten ganz abgesehen, hat, wenn sie nicht durchaus empirischen Inhalts sind, der Verfasser zwar gedacht, aber nicht geschaut; er hat aus der Reflexion, nicht aus der Intuition geschrieben; und dies eben ist es, was sie mittelmäßig und langweilig macht. Nur, wo dem Denken eines Autors ein Schauen zu Grunde lag, da ist es, als schriebe er aus einem Lande, wo der Leser nicht auch schon gewesen ist; da ist Alles frisch und neu; denn es ist aus der Urquelle aller Erkenntnis unmittelbar geschöpft. (W. II, 77 fg.)

Die schlechten Bücher sind das wuchernde Unkraut der Literatur, welches dem Weizen die Nahrung entzieht und ihn erstickt. Sie reißen nämlich Zeit, Geld und Aufmerksamkeit des Publikums, welche von Rechtswegen den guten Büchern und ihren edlen Zwecken gehören, an sich; sie sind also nicht bloß unnütz, sondern positiv schädlich. (P. II, 589.) Schlechte Bücher sind intellektuelles Gift, sie verderben den Geist. (P. II, 590.)

Kein größerer Irrtum, als zu glauben, dass das zuletzt gesprochene Wort stets das richtigere, jedes später Geschriebene eine Verbesserung des früher Geschriebenen und jede Veränderung ein Fortschritt sei. Das literarische Geschmeiß ist stets bei der Hand und emsig bemüht, das von denkenden und urteilsfähigen Köpfen nach reiflicher Überlegung Gesagte auf seine Weise zu verbessern. Daher hüte sich, wer über einen Gegenstand sich belehren will, sogleich nur nach den neuesten Büchern darüber zu greifen, in der Voraussetzung, dass die Wissenschaften immer fortschreiten. Schon oft ist ein älteres, vortreffliches Buch durch neuere, schlechtere verdrängt worden.
 (P. II, 538 fg.)

Auf Büchertiteln mit seinen eigenen Titeln und Ämtern zu prunken ist höchst unpassend; denn in der Literatur gelten keine andere als geistige Vorzüge: wer andere geltend machen will, verrät, dass er diese nicht hat.
 (M. 425.)

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