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Die Bhagavadgita im Verhältnis zu den Upanishaden
und zur Philosophie von Arthur Schopenhauer

In der Bhagavadgita , so bekannte Mahatma Gandhi, finde ich einen Trost, den ich selbst in der Bergpredigt vermisse. Wenn mir manchmal die Enttäuschung ins Antlitz starrt, wenn ich, verlassen, keinen Lichtstrahl erblickte, greife ich zur Bhagavadgita . Dann finde ich hier und dort eine Strophe und beginne alsbald zu lächeln inmitten aller niederschmetternden Tragödien - und mein Leben ist voll von äußeren Tragödien gewesen. Wenn sie alle keine sichtbare, keine untilgbare Wunde auf mir hinterlassen haben, verdanke ich dies den Lehren der Bhagavadgita (1)

Aber nicht nur in Indien, auch im Abendland findet die Bhagavadgita, nachdem sie 1823 von August Wilhelm Schlegel ins Lateinische übersetzt wurde, höchste Anerkennung. So bezeichnete sie Wilhelm von Humboldt als “das schönste, ja vielleicht das einzig wahrhaft philosophische Gedicht, das alle uns bekannten Literaturen aufzuweisen haben” (2). Ja mehr noch, er (Humboldt) danke dem Schicksal, dass es ihn lange genug habe leben lassen, um die Bhagavadgita noch kennen zu lernen.

Bhagavadgita heißt wörtlich “der Gesang (Gita) des Erhabenen (Bhagavad)“, wobei “der “Erhabene” Krishna ist, welcher den höchsten Gott Vishnu verkörpert. Krishna, also Gott, vermittelt in der Bhagavadgita die wichtigsten Lehren des Hinduismus, und zwar in einem 700 Strophen um- fassenden philosophischen Gedicht. Dieses Gedicht ist wiederum Teil des sehr umfangreichen Sanskrit-Epos Mahabharata.

Die Bhagavadgita steht hinsichtlich ihrer zeitlichen Entstehung, ihres Inhaltes und ihrer Form in so engem Zusammenhang mit den > Upanishaden , dass sie auch als eine Vers-Upanishad im weiteren Sinne bezeichnet werden kann.(3) In der Bhagavadgita wurden Lehren fortentwickelt, die zum großen Teil bereits in den älteren Upanishaden enthalten sind. Diese alten Lehren  verband die Bhagavadgita mit dem Glauben an einen höchsten persönlichen Gott, verkörpert in Menschengestalt, nämlich Krishna, dem größte Verehrung (Bhakti, Sanskrit, d. h. Liebe zu Gott, Hingabe) entgegen gebracht wird.

Trotz aller höchsten Wertschätzung und Popularität besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen der Bhagavadgita und den eigentlichen Upanishaden :  Während die Upanishaden als Offenbarung (Shruti) gelten, gehört die Bhagavadgita zu der von menschlichen Verfassern herrührenden heiligen Tradition (Smriti).(4)

Die Bhagavadgita erkennt zwar die Autorität der Upanishaden als höchste offenbarte Weisheit an, betont aber weit stärker als sie Auffassungen, die einander widersprüchlich erscheinen. Als Beispiel hierzu folgendes Zitat aus der Bhagavadgita:

            Askese, Gleichmut, Heiterkeit,
            Barmherzigkeit, ja Schmach und Ruhm:
            Von mir ein jeder Zustand stammt,
            Der je erschien im Menschentum.
(5)

Radhakrishnan bemerkte zu diesem, von ihm im gleichen Sinne übersetzten Vers, dass hiernach “der Göttliche ... in mittelbarer Weise auch für Leid und Schmerz der Welt verantwortlich“ sei.(6)

In einer Schrift des alten > (Theravada-) Buddhismus, der die theistischen Lehren des Hinduismus, also auch der Bhagavadgita, ablehnt, heißt es sehr zutreffend:

          Wenn Gott, der über allem  waltet,
          Das Leben in der Welt gestaltet,
          Wenn er verteilt hier Glück dort Leiden,
          Das Böse tun läßt und es meiden,
          Der Mensch nur seinen Wunsch vollstreckt -
          Dann ist nur Gott von Schuld befleckt.
(7)

Damit ergibt sich die Frage, ob es überhaupt berechtigt ist, den Verantwortlichen für alles Leid und allen Schmerz in dieser Welt, nämlich den “Göttlichen”, zu verehren, wie es in dem von der Bhagavadgita gepriesenen Weg des “Bhakti” der Fall ist.

Helmuth von Glasenapp wies zu Recht darauf hin: “Da alles Geschehen in der Welt nur von ihm (dem Göttlichen) selbst ausgeht, kann jedes Einzelwesen nur sein Werkzeug sein, das seinen autonomen Willen ausführt.”(8) Demgemäß hat der einzelne Mensch keinen freien Willen, so dass die Allmacht und Allwirksamkeit Gottes - genau genommen - den ebenfalls in der Bhagavadgita vertretenen Yoga-Weg zur Erlösung eigentlich überflüssig macht. Somit enthält auch die Bhagavadgita  - wie wohl alle großen theistischen Heilslehren - den unlösbaren Widerspruch zwischen der Allmacht Gottes und der individuellen Willensfreiheit, die ja für das willentliche Beschreiten des Erlösungsweges vorausgesetzt werden muss.

In der Philosophie von Arthur Schopenhauer ergibt sich ein solcher Widerspruch nicht, weil für Schopenhauer alle Erscheinungsformen, zu denen auch der individuelle Wille gehört, nur Manifestationen eines einzigen > metaphysischen Willens waren. Dementsprechend verneinte er die individuelle Willensfreiheit, die übrigens auch durch die moderne Naturwissenschaft immer mehr in Frage gestellt wird.

Die Bhagavadgita verdankt ihre Popularität zum großen Teil wohl dadurch, dass sie ungeachtet der sich hieraus ergebenden Widersprüche verschiedene religiöse Heilswege miteinander vereinigte, wobei die Verehrung eines anthropomorphen Gottes immer mehr an Bedeutung gewann. Aus dem in den Upanishaden als Offenbarung verkündeten unpersönlichen, sich letztlich jeder Beschreibung entziehenden Brahman wurde in der Bhagavadgita der als Mensch erscheinende und somit menschlicher Vorstellung zugängliche Gott Krishna.

Wird, was durchaus nicht abwegig wäre, Gott Krishna als der personifizierte metaphysische Wille im Sinne Schopenhauers aufgefasst, so wird der Unterschied zwischen dessen Philosophie und der Bhagavadgita deutlich: Der in der Gita gelehrte Bhakti-Weg zur Erlösung ist gekennzeichnet durch Verehrung Gottes bzw. Hingabe an Gott, wogegen das Heil, die Befreiung vom Leid, laut Arthur Schopenhauer voraussetzt, dass der “Wille” nicht bejaht wird, sondern sich selbst verneint.  

Arthur Schopenhauer gab entsprechend seiner Philosophie weniger den auf einem persönlichen Gottesverständnis, sondern vielmehr den  atheistisch fundierten Upanishaden den Vorzug. Dennoch hatte er sich auch für die Bhagavadgita näher interessiert und aus ihr in seinen Werken zitiert.(9) Immerhin hielt er sie für so wertvoll, dass er in seinem Brief vom 27. Februar 1856 an Adam von Doss, einem seiner wichtigsten Anhänger, schrieb:

Studiren Sie ... fleißig im Oupnekhat ( Upanishaden ), welcher der uralte Grundbaß der Weisheit und Wahrheit ist: dazu im Bagwat Gita v. Schlegel, latein.(10)

Schopenhauers Rat war ganz im Sinne des von ihm hochverehrten Goethe, denn für den war die Bhagavadgita das Buch, das mich in meinem ganzen Leben am meisten erleuchtet hat“.(11)

 

Anmerkungen

(1) Die Bhagavadgita, Sanskrittext mit Einleitung und Kommentar von S. Radhakrishnan, mit dem indischen Urtext
      verglichen und ins Deutsche übersetzt von Siegfried Lienhard. Baden-Baden 1958, S. 13.

(2) Hierzu und dem folgenden: Bhagavadgita, aus dem Sanskrit übersetzt von Robert Boxberger, neu bearb. und
      hrsg. von Helmuth von Glasenapp. Stuttgart 1977, S. 9.

(3) Upanischaden, aus dem Sanskrit übertr. und erl. von Paul Thieme. Stuttgart 1979, S. 91.
      Im gleichen Sinne Helmuth von Glasenapp a.a.O. (s. Anm. 2), S.7.

(4) Helmuth von Glasenapp, Die Philosophie der Inder, 3. Aufl., Stuttgart 1974, S. 166.

(5) Bhagavadgita, 10. Gesang, Vers 5 (Übers. Boxberger, s. Anm.2), S.64.

(6) Die Bhagavadgita (Übers. Radhakrishnan, s. Anm. 1), S. 195f.

(7) Zitiert aus: Pfad zur Erleuchtung, buddhistische Grundtexte, übers. und hrsg. von Helmuth von Glasenapp,
      Düsseldorf / Köln  1974, S.63.

(8) Helmuth von Glasenapp, Die Philosophie der Inder, a. a.O., S. 168f.

(9) Arthur Schopenhauer, selbst ein Meister des Wortes, war kein Freund indischer Poesie : “So sehr ich auch
     die religiösen und philosophischen Werke der Sanskrit-Literatur verehre; so sehr habe ich dennoch an den
      poetischen nur selten einiges Wohlgefallen finden können.” (P II, S.425) Da Schopenhauer kein Sanskrit
      verstand, meinte er damit wohl die Übersetzungen, und zwar “mit höchst wenigen Ausnahmen, wie z. B.
      der Bhagawat Gita von Schlegel ... “(P II 427). 

(10) Arthur Schopenhauer, Gesammelte Briefe, hrsg. v. Arthur Hübscher, 2. Aufl., Bonn 1987, S. 384.

(11) Zit. aus dem Umschlagstext zu: Die Bhagavadgita, das altindische Gedicht in der Übersetzung von
       Richard Garbe, mit einer Einführung und Anhängen neu hrsg. von Johannes Schneider. Wiesbaden 2006.
                                                                                                                                                                                        HB
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